Moment Mal! Pferdezucht – am Anfang war der Anhänger …

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Die moderne Pferdezucht begann nicht, wie man meinen könnte, im Labor, nicht mit künstlicher Besamung, Gefriersperma, Embryo-Transfer, nicht mit den heute so heiß diskutierten Methoden OPU und ICSI, bei denen die Befruchtung außerhalb des Mutterleibes stattfindet. Sie begann mit dem Pferdehänger.

Erst mit dem Moment, in dem jedermann mit seinem PKW von Golf an aufwärts einen Anhänger ziehen konnte, wurde der Reitpferdezüchter frei in seiner Hengstwahl und damit in seinen züchterischen Entscheidungen. Dass er diesen Hänger heute oft nicht mehr braucht, sondern sich alles, was nötig ist, um ein Fohlen zu produzieren, mit der Post schicken lassen kann, ist ein weiterer Schritt.

Unsere Vorväter arbeiteten mit ihren Pferden in der Landwirtschaft, die Stuten legten im Geschirr quasi täglich ihre Leistungsprüfung ab. Die Prüfungsfächer hießen Gesundheit, Ausdauer, Leistungswillen und Fruchtbarkeit. Viele Stuten konnten nebenher noch ein Fohlen austragen.

Die Hengstauswahl war überschaubar, weiter als zur nächsten Deckstelle fuhr bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts kaum einer, oft mit der Kutsche, oder man ritt einfach hin. Die Deckstationen waren fest in den Händen der Zuchtverbände bzw. Landgestüte. Welcher Hengst wo aufgestellt wurde, war jedes Jahr das Ergebnis zäher Verhandlungen zwischen den Züchtern, die für ihre Station natürlich nur die Besten wollten, und des zuständigen Landstallmeisters, der wie ein kleiner König über seine züchtenden Untertanen herrschte, aber ja auch vielen Wünschen gerecht werden wollte. Private Hengsthaltung gab’s nur in Oldenburg, aber auch dort waren die meisten „stationstreu“.

Erst als man die Stute aufladen und in ein paar Stunden zu seinem Wunschhengst fahren konnte, war es ziemlich egal, welche Hengste auf der nächsten Deckstation warteten. Auch damals gab es schon die künstliche Besamung mit Frischsperma, aber vor allen in der Rinderzucht. Der „Rucksackbulle“, also der Mitarbeiter des Bullenbesitzers, fuhr von Hof zu Hof, und besamte die Kühe mit dem mitgebrachten Sperma.

Der nächste Schritt

Mit der künstlichen Besamung wurde in der Pferdezucht ein neues Kapitel aufgeschlagen. Die begehrten Hengste konnten sehr viel mehr Fohlen produzieren, waren also leichter erhältlich, die Stuten mussten nicht mehr gefahren werden, was ja niemals ohne Risiko ist, vor allem wenn noch ein Fohlen dabei ist. Einige Verbände sträubten sich anfangs gegen die Hofbesamung, schon allein, um ihre Deckstellen am Leben zu halten, die ja immer auch ein Treffpunkt für die Züchter waren, wo man sich auf einen Klönschnack traf und der Deckstellenwärter Ratschläge geben konnte. Heute kommt das Sperma meist direkt zum Tierarzt, der dank Ultraschall den günstigsten Moment für die Besamung bestimmen kann.

Tiefgefriersperma war der nächste Schritt, damit konnten auch Hengste, die im Sport gingen, die ganze Decksaison über eingesetzt werden, denn das Sperma wurde in der Turnier-armen Zeit gewonnen und eingefroren. Anfangs war es noch ein schwieriges Unterfangen mit dem Gefriersperma, das nur spezialisierte Tierärzte beherrschten, weil das Sperma sich aufgetaut nicht lange hält, also der Zeitpunkt der Besamung genau eingegrenzt werden muss. Heute ist es kein Problem mehr, einen Vet zu finden, der die Technik beherrscht. Die Intrauterin-Besamung, also mit einer Kanüle direkt in den Uterus, erhöht noch mal die Befruchtungschancen und nutzt das Hengstsperma bestmöglich.

Bei der künstlichen Befruchtung zeigte sich bald ein Problem: Die Superhengste, also die Sieger in Großen Preisen, die Medaillengewinner bei Championaten bekommen viele Stuten. Junge und nicht im Sport eingesetzte Hengste werden wenig benutzt, ganze Hengstlinien erlöschen. Eine Verengung der Blutlinien ist unausweichlich. Siehe die Holsteiner C-Pferde, zurückgehend auf Cor de la Bryère oder Capitol, manchmal auf beide. Erst bei den letzten beiden Körungen in Neumünster war wieder eine steigende Vielfalt in den Abstammungen zu erkennen.

Zucht oder Sport?

Ungelöst für eine Leistungszucht war lange die Stutenauswahl. Die Leistungsprüfung auf dem Acker entfällt. Entweder wird eine Stute jung in die Zucht genommen und der Züchter hofft auf die Leistungen ihrer Verwandtschaft und Nachkommen (letzteres kann ein Jahrzehnt dauern), oder er schickt sie nach ein, zwei Fohlen als junges Pferd in den Sport zur Bewährung. Nur wenige große Betriebe können es sich leisten, eine gute Stute nach Turniererfolgen nicht teuer zu verkaufen, sondern für die eigene Zucht zu behalten. Kommt sie nach ihrer Sportkarriere zurück in den Heimatstall, hat sie ihre besten Zuchtjahre bereits hinter sich.

Abhilfe in diesem Dilemma ist der Embryo-Transfer, die Stute selbst geht im Sport, eine weniger begabte Leihmutter trägt das Fohlen aus. So geschehen bei Dressur-Olympiastute Weihegold von Isabell Werth. Und so geschieht es bei 60 Prozent aller Fohlen, die bei Großzüchter Paul Schockemöhle in Lewitz geboren werden.

Unausweichliche Folge: Stuten ohne Eigenleistung im Sport oder bemerkenswerte Verwandtschaftsleistungen entwerten ein Pedigree. Die Stutenprüfung der Verbände ist zwar besser als nichts, aber bei weitem nicht genug. Reproduktionsmethoden wie OPU/ICSI (siehe dazu St.GEORG 2/2022, ab Samstag beim Abonnenten, ab dem 19. Januar im Handel), mit denen toperfolgreiche Gene fast beliebig oft vervielfältigt werden können, liegen im Trend. Im Labor entsteht so etwas wie eine Hochzucht von Supertalenten, die sich entsprechend vermarkten lassen. Länder wie Niederlande, Frankreich, Italien  und Belgien, aber auch in Mittel- und Südamerika sind weit vorne in dieser Technik.

Der „kleine“ Züchter mit begrenztem Budget staunt und gibt auf. Oder er kauft sich einen gefrorenen oder bereits in einer Leihmutter angewachsenen Embryo. Entweder auf einer Auktion oder im Embryo-Katalog von „Mares of Macha“ (MoM),  der Embryo-Börse, deren Mitbegründer der belgische Topspringreiter und Obsthändler Pieter Devos ist. Da kann man für 25.000 Euro einen gefrorenen Embryo von 1,60-Eltern (1,60 Meter, das ist Olympia-Höhe) erwerben, für die „Anwachs-Garantie“ in eine Empfängerstute kommen nochmal 10.000 Euro dazu. Bei Fehlschlag gibt’s das Geld zurück. Eine Garantie für den nächsten Olympiasieger gibt es trotzdem nicht.

Bleibt noch das Klonen, das aber, so hört man, bisher keine Erfolgsgeschichte ist. Kein Klon eines Top-Pferdes hat es bisher in einer der olympischen Sportarten dem Ursprungstier gleichgetan. Und er kenne keinen Klon, der älter als zwölf Jahre geworden sei, sagt Paul Schockemöhle. Wie ja überhaupt die gesundheitlichen Folgen für außerhalb des Mutterleibes produzierte Fohlen noch weitgehend unerforscht sind. Offenbar gibt es Grenzen. Und das ist ja irgendwie beruhigend.