Moment Mal! Von Helden und Heldinnen

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Manche stehen im Rampenlicht, andere wirken im Verborgenen – aber sie alle verdienen unseren Respekt und unsere Bewunderung. Gabriele Pochhammer über unsere Helden von heute und eine Frau, die schon lange tot ist, aber ein Erbe hinterließ, das das Leben (und Sterben) mancher Pferde ein ganzes Stück besser macht.

Es war ein schönes Bild: unsere drei Dressurdamen auf dem Podium, Jessica von Bredow-Werndl, Dorothee Schneider, beide in großer Abendrobe, und Isabell Werth in dezentem Schwarz. Zweiter Platz bei der Sportlerwahl zur Mannschaft des Jahres – das war mehr als verdient für ein Team, das seit Jahrzehnten zuverlässig für Medaillen sorgt und damit die erfolgreichste Mannschaft des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) ist, in diesem  bald vergangenen Jahr nicht nur Olympiasieger sondern auch Europameister wurde.

Doppelolympiasiegerin und Dreifacheuropameisterin Jessica verpasste mit Platz vier bei den Sportlerinnen knapp den Podiumsplatz. Isabell Werth wurde Sechste, obwohl sie 2021 keinen Einzeltitel gewann, einen Platz vor Vielseitigkeits-Olympiasiegerin Julia Krajewski. Der Pferdesport stand also nicht so schlecht da, bis auf die Disziplin Springen, bei der kein einziger Reiter auch nur in die erweiterte Auswahl kam.

Die Sportler, die auf dem Podium strahlten, sind alle auf ihre Weise Helden. Keine Medaille wurde mit links gewonnen, hinter jeder steckt eine enorme Anstrengung und hartes Training bis zur Selbstverleugnung. Und wenn Tennisstar Alexander Zverev, ein Millionär des des Profi-Sportes sagt, ein Olympiasieg sei für ihn das Größte und den könne ihm keiner mehr nehmen, (obwohl es da nicht einen Euro zu gewinnen gibt), dann ist man versucht, ihm das zu glauben.

Herz für die, die keiner mehr möchte

Das sind die Helden, die jeder sieht. Es gab schon immer auch die anderen, die selten oder nie im Rampenlicht stehen, die hinter den Kulissen Enormes leisten und auf ihre Weise vielleicht sogar die Welt ein bisschen besser machen. Ich denke an eine Frau,  deren Biografie mir vor kurzem in die Hände fiel.  Die Rede ist von der Britin Ada Cole, die Frau, die die erste Pferdeschutz-Organisation gründete und erreicht hat, dass in Großbritannien der Export von Schlachtpferden gesetzlich verboten wurde. Das Gesetz gilt bis heute, während in Europa immer noch Pferde quer über den Kontinente in die Schlachthöfe gekarrt werden. Trotz jahrzehntelanger Proteste von Tierschützern jeder Couleur.

Ada Cole, geboren am Neujahrstag 1860, wuchs als eines von zehn Kindern eines Farmers in Norfolk auf, unterrichtet zuhause von ihrer Mutter, wie es für die Töchter der oberen Mittel- und Oberschicht damals nicht unüblich war. Sie hasste „weibliche“ Tätigkeiten wie Handarbeiten, aber sie liebte die Tiere, die sie von Jugend auf umgaben, besonders die Esel und Pferde, auf denen sie, gemeinsam mit ihrer Schwester Effie, durchs Gelände streifte.

Als junge Frau wurde sie zunächst Krankenschwester in einem Londoner Krankenhaus, nahe ihrer Schwester Effie, die in einem Kinderhospital arbeitete. Der erbärmliche Zustand vieler Londoner Droschkenpferde entsetzte die Schwestern bereits damals: Unternährt, ausgelaugt durch zu harte und zu lange Arbeit, brach manches von ihnen vor dem Karren zusammen, ein fast täglicher Anblick.

In ihren 30ern, inzwischen als „Distrikt Nurse“ in Norwich zuhause, begann Ada private Pflegejobs anzunehmen, die Arbeit führte sie unter anderem nach Irland, Belgien und Frankreich. Nebenher schrieb sie kleine Theaterstücke, da habe sie gelernt, mit den Medien umzugehen, heißt es, und verfasste Anleitungen zur richtigen Pflege kranker Menschen. Außerdem arbeitete sie ehrenamtlich für die örtlichen Tierschutzorganisationen.

Ihre Gesundheit war schwach, 1910 wurde beim ihr Tuberkolose festgestellt, sie zog sich in einer Fischerdorf an der Küste zurück. Die Seeluft tat ihr gut und ein Jahr später war sie wieder in der Lage zu reisen. Bei einem Besuch ihrer Schwester Effie in Antwerpen kam es zu dem Erlebnis, dass Adas Leben veränderte.

Am Hafen entlang der Kaimauer standen Pferde, alte, schwache, lahme, ausgemusterte Arbeitspferde, importiert aus England, nur um auf der anderen Seite des Kanals zum Schlachthof geführt zu werden, zu dem sie noch sieben Kilometer laufen mussten. Die, die es nicht schafften, blieben zusammengebrochen liegen.

Der stumme Schrei der gepeinigten Kreatur verstummte in Adas Ohren nicht mehr. Sie schwor sich, alles zu tun, um diesen Pferden zu helfen und widmete dem Kampf gegen Schlachtpferdetransport ihr weiteres Leben. 1927 wurde die Internationale Liga gegen Schlachtpferdetransporte gegründet. 1932 wurde in der Nähe von London der erste Pferdeschutzhof eingeweiht, in dem alte und kranke Pferde ein geschützte Zuhause fanden, heute gibt es vier in Großbritannien.

Nach zehn Jahren erbitterter Auseinandersetzungen mit Politikern, Pferdehändlern und anderen Interessengruppen trat 1937 das Ausfuhrverbot für Pferde unter einem gewissen Mindestwert in Kraft, das den Schlachtpferdehandel mit England schlagartig ein Ende bereitete. Die Liga benannte sich um in „Internationale Liga für den Schutz des Pferdes“, seit 2008 heißt sie „Welfare of the Horse“. Heute kämpft sie gegen Transporte durch Europa und setzt sich weltweit für Verbesserungen vor allem von Arbeitspferden ein, die sich in manchen Teilen der Erde nicht wesentlich von denen im Jahre 1910 unterscheiden.

Die Liga unterhält Tierhospitäler, Schmiedeschulen und Sattlereien in der ganzen Welt. Und das alles, weil eine mutige Frau, gezeichnet von ihrer Krankheit, alles andere als wohlhabend, aber mit dem scharfen Blick, für das, worauf es ankommt und was getan werden muss, die Augen nicht abwandte vom Elend der geschundenen Pferde. Eine Heldin. Die uns die Frage stellt: Was hätten wir getan? Gucken wir hin, auch wenn es weh tut oder schauen wir lieber weg?

Ich wünsche Ihnen und Ihren Pferden ein frohes und gesundes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in ein hoffentlich Corona-freies Jahr 2022. Das nächste Moment Mal! gibt es am 4. Januar 2022.



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