Moment Mal! Vorolympische Fragezeichen

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Wie wird das Team der olympischen Seriensieger in Tokio aussehen? Zwei Pferde aus dem deutschen Rio-Goldteam von 2016, Cosmo und Showtime, haben noch nicht die erforderlichen Mindestleistungen auf dem Zettel, einmal weil es kaum Turniere gab und zum anderen weil widrige Umstände dazwischenfunkten. Die Konkurrenz aus Großbritannien, Dänemark und den Niederlanden hat derweil aufgerüstet, pferdemäßig gesehen. Ein Spaziergang wird es also nicht werden in Japan.

Vorolympische Saisons haben ihre eigenen Gesetze. Jeder Reiter aus dem Olympia-Kader macht sich Hoffnungen auf ein Tokio-Ticket und insgeheim natürlich auch die aus der zweiten Reihe. Es könnte ja noch einer ausfallen! Nicht, dass man jetzt jedem Kandidaten üble Wünsche Richtung Konkurrenz unterstellen darf, aber verweigern würde sich natürlich keiner, wenn die Nation ruft. Diesmal ist alles noch ein bisschen anders als sonst. Bei den Spielen selbst und auch im Vorfeld. Also in den Monaten, in denen um die Teamplätze gekämpft wird – nicht nur weil die Corona-Pandemie die Dinge kompliziert macht.

Die offiziellen Sichtungen für die deutschen Dressurreiter sind die Deutschen Meisterschaften in Balve (3. bis 6. Juni), hier wird das volle Olympiaprogramm verlangt, mit Grand Prix, Grand Prix Special und Kür. Bei der zweiten Sichtung in Kronberg (24. bis 27. Juni) haben die Reiter die Wahl zwischen zwei Grand Prix haben, von denen der eine zum Special, der andere zur Kür führt. Kronberg sprang ein, nachdem das CHIO Aachen, die offizielle Generalprobe fürs jeweilige Championat, auf September verschoben wurde.

Die deutschen Aspiranten

Ob in Balve für jeden Olympiaaspiranten das Dreier-Programm durchgezogen werden kann, ist jetzt schon fraglich, vor allem für Reiter mit mehreren Pferden. Da fällt sofort der Name von Isabell Werth. Die Multi-Olympionikin erfüllt gleich mit vier Pferden die vom Weltreiterverband FEI vorgeschriebenen Mindestanforderungen (MER) – nämlich bis 21. Juni zweimal mindestens 66 Prozent in einem internationalen Grand Prix, bei dem jeweils ein Fünfsterne-Richter am Tisch sitzt, der nicht derselben Nation wie der Reiter angehören darf. Es soll ja schon vorgekommen sein, dass Reiter im eigenen Land von einheimischen Richtern mit Noten aus dem Wolkenkuckucksheim bedacht wurden.

Der 15-jährige Emilio von Isabell Werth hat sich schon 2020 in Aarhus qualifiziert, der elfjährige Quantaz punktete jetzt in Hagen gegen starke internationale Konkurrenz. Die 16-jährige Weihegold bekam ihre Noten in Salzburg und zusätzlich mit zwei Siegen in Mannheim. Erst jetzt in den Olympiakader wurde Bella Rose berufen. Bei ihrem ersten Start seit der Europameisterschaft 2019 in Rotterdam gewann die 17-jährige Bellissimo-Tochter in Mannheim Grand Prix und Special mit nicht fehlerlosen Vorstellungen, die gleichwohl hoch benotet wurden. Bella Rose ist wieder da, und die lange Turnierpause ist der kapriziösen Fuchsstute, die ja bekanntlich aus gesundheitlichen Gründen zwischen 2014 und 2018 dreieinhalb Jahre hatte aussetzen müssen, gut bekommen.

Zwei fehlen noch

Zwei Olympiapferde der Rio-Mannschaft von 2016 und der EM von 2019 fehlen noch im Kader, weil sie seit Sommer 2019 nicht mehr im Wettkampf angetreten sind. Hart getroffen hat es Dorothee Schneider, die den 15-jährigen Showtime bei Pferd International in München (27. bis 30. Mai) reiten wollte. Durch ihren unglückseligen Sturz in Pforzheim, bei dem ihre 17-jährige Stute Rock’n Rose tot unter ihr zusammenbrach, ist sie selbst zur Zeit schwer gehandicapt. An Einzelheiten des Sturzes kann sich Dorothee Schneider nicht mehr erinnern. „Ich weiß nur noch, dass der Hals der Stute auf einmal nach rechts unten klappte, ich fiel dann voll auf die rechte Schulter“.

Ein paar gebrochene Rippen, ein gebrochenes Schlüsselbein, im Moment kann sie kaum eine Bewegung ohne Schmerzen machen. Und der Schock über den Tod eines Pferdes, das sie sieben Jahre lang geritten hat, sitzt noch tief. Auch wenn der Mannschaftsarzt Dorothee Schneider versprochen hat, in zwei Wochen könne sie wieder reiten – ganz so einfach ist es nicht. Der Schlüsselbeinbruch ist kompliziert und konnte nicht operiert werden. „Der Bruch liegt zu nahe am Brustbein, und man kann dort weder nageln noch eine Platte anbringen,“ sagt sie. Die Gefahr, dass alles wieder auseinander bricht, sei zu groß, haben ihr die Ärzte gesagt. Dann wäre es schlimmer als vorher. „Ich habe zwar schon wieder auf Showi gesessen“, sagt sie, „aber es tat doch weh, vor allem im Galopp.“

Das Pferd ist fit, aber ob es mit dem Start in München klappt, kann sie noch nicht abschätzen. Die letzte Möglichkeit, sich die Grundqualifikation zu holen, wäre eine Woche später im österreichischen Achleiten, nur eine Woche vor der DM in Balve. Und dazwischen läge eine Reise von 1800 Kilometern, nicht verlockend also. „Und es macht ja auch einen Unterschied, ob man ein paar Runden reitet, oder das ganze Programm mit drei Prüfungen,“ sagt Dorothee Schneider.

Und Cosmo?

Bleibt noch Cosmo, der Vierte im Bunde des Rotterdam-Teams. Er wurde seit der EM noch nicht wieder öffentlich gezeigt. Bundestrainerin Monica Theodorescu hat Sönke Rothenberger vor einigen Wochen beim Training besucht und zeigte sich zufrieden. „Sah gut aus,“ sagt sie knapp. Dressurauschussvorsitzender Klaus Roeser erwartet, dass Cosmo jetzt in München seine Olympiaqualifikation erhält. Nur drei Reiter dürfen in Tokio ins Viereck galoppieren, einer weniger als noch in Rio. Entspannen kann sich vor allem eine. Jessica von Bredow-Werndl zeigte mit ihrer 14-jährigen Trakehnerstute in Hagen mit Noten von 81,652 im Grand Prix und 82,553 im Special, dass sie es ist, die zur Zeit im deutschen Team die Maßstäbe setzt.


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