Moment mal! Vorsicht vor Shitstorms

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Fast täglich werden auch Reiter und andere Pferdeleute im Netz übel angegriffen. Die Verfasser meinen, Tierschutz, oder was sie dafür halten, zu verteidigen und verfehlen ihre Wirkung nicht. Ohne den digitalen Shitstorm hätte sich wohl kaum eine Staatsanwaltschaft für den Tokio-Auftritt von Annika Schleu interessiert. Aber auch Unbekannte kann es treffen, wie das folgende Beispiel zeigt.

Jordan Headspeath ist einer dieser jungen Frauen, denen man ansieht, dass sie die meiste Zeit des Tages an der frischen Luft verbringen, dass sie zupacken und für ihre Pferde so ziemlich alles tun, was in ihren Kräften steht. Die rothaarige Schottin war viele Jahre lang Chefgroom auf dem Fellpony-Gestüt der Queen, arbeitet jetzt im Norden Schottlands für einen Pferderentner-Hof (das Wort Gnadenhof will mir nicht recht in die Tastatur fließen) und betreut nebenbei ihre eigenen Highland Ponys, die ihre Familie seit drei Generationen züchtet, und deren Pedigree 500 Jahre zurückreicht. In den Genen 500 Highland Winter mit Sturm, Schnee, Schneesturm und eisiger Kälte. Der Klimawandel hat sich offenbar bis in diese Gefilde noch nicht herumgesprochen. Die Versorgung der Pferde ist im Winter jeden Tag eine Herausforderung für Jordan, angefangen vom Auto, das nur manchmal anspringt, über Wege, die gestern noch da waren und heute nur noch an den Zaunpfählen rechts und links zu erahnen sind, weil der Räumdienst andere Prioritäten setzt, bis hin zum Transport von Heu, Kraft- und Zusatzfutter und warmem Wasser hinauf auf die Weide mit dem Offenstall. Die Sorge, dass die Pferde nicht genügend trinken bei Schnee ist immer da.

Stapfen im Schnee

Die Ponys sehen fröhlich und wohlgenährt aus und eines morgens beobachtet Jordan, wie ihre Stute Heaven mit eifrigen Schritten durch den Schnee stapft, der ihr fast bis zum Bauch reicht, bei jedem Schritt wippen der Kopf und Mähne auf und ab, nichts kann sie aufhalten. Ein Bild für die Götter. Jordan macht ein kleines Video und stellt es auf ihre Facebook-Seite. Ein paar Stunden später, als sie zuhause auf dem Sofa sitzt und gerade ihre gefrorenen Augenbrauen mit dem Fön auftaut, schaut sie auf ihr Handy. Dort tobt inzwischen ein Shitstorm. Unter Stimmen, denen das Video des Ponys im Schnee gefiel, mischen sich empörte Kommentare, wie man bei der Kälte das arme Tier draußen lassen könne, „horrendous“, also schrecklich, abscheulich, sei das. Jordan wird als Tierquälerin beschimpft. Völlig perplex nimmt sie das Video sofort wieder aus dem Netz. Es war ihr eine Lehre, sie überlegt jetzt dreimal, bis sie wieder etwas in den sozialen Medien von sich preisgibt.

Öffentliche Debatte zu Hassrede angestoßen

Jordan schilderte den Vorfall bei der World Horse Welfare Conference 2021 in London, Corona-bedingt im halbbesetzten Saal mit ein paar hundert weiteren Teilnehmern im Internet. Die Organisation wurde 1927 von der Britin Ada Cole gegründet. Als sie im Hafen von Antwerpen beobachtete, wie alte, lahme und verletzte Arbeitspferde, verschifft aus England, am Kai warteten, um auf ihren letzten Marsch zum Schlachter in Belgien getrieben zu werden, ergriff sie die Initiative und gründete die „International League for the Protection of Horses“ (ILPH), die erste Tierschutzorganisation, die Pferde im Fokus hat. Zehn Jahre später wurde die Ausfuhr von Schlachtpferden aus England auf den Kontinent verboten, das Gesetz gilt noch heute, (während sich die EU bisher zu keinem Gesetz durchringen konnte, dass auf ortsnaher Schlachtung besteht). Seit 2008 heißt die Organisation World Horse Welfare, gehört dem Weltreiterverband (FEI) als beratendes Mitglied an, unterhält mehrere Heime für alte Pferde und kümmert sich um Pferde auf der ganzen Welt. Prinzessin Anne ist die Präsidentin.

Das Thema der diesjährigen Konferenz hieß: „Whose opinion matters? Wessen Meinung ist eigentlich die richtige?“ und beschäftigte sich mit der Flut von Angriffen und Kommentaren, denen sich Pferdehalter und Reiter bei jeder Gelegenheit in den sozialen Medien ausgesetzt sehen. Nicht nur sie natürlich, aber wie viele andere Gruppen auch stehen Pferdeleute vor der Frage, wie sie damit umgehen sollen. Wer privat etwas mittelt, das einen Shitstorm hervorruft, kann das, siehe Jordan, schnell wieder löschen und beim nächsten Mal vorsichtiger sein.

Das können Reiter, die öffentlich auftreten nicht. Da wird in übelster Form über sie im Netz der Stab gebrochen, sich dagegen zu wehren ist schwer bis aussichtslos. Isabell Werth kann ein Lied davon singen. Vom Rand des Abreiteplatzes wird argwöhnisch beobachtet, ob die Nase des Pferdes eine Sekunde hinter die Senkrechte gerät, um die siebenfache Olympiasiegerin als Tierquälerin zu brandmarken. Mit sachlicher Kritik an Ausbildungsmethoden hat das nichts zu tun, auch nicht mit der zu Recht verbotenen Rollkur. Das waren ganz andere Bilder, gegen die St.GEORG damals mit Erfolg gekämpft hat.

Falsch verstandene Meinungsfreiheit?

Die Hasstiraden, die auf die Fünfkämpferin Annika Schleu nach ihrem unglückseligen Auftritt in Tokio niedergingen, stehen in keinem Verhältnis zu den Fakten: Reiterin überfordert, Pferd frustriert und ohne jedes Vertrauen, Gold futsch. Niemand wurde verletzt, aber solche Bilder will auch niemand auf Olympischen Spielen sehen. Aber die Hassmail-Verfasser, die Schleu Tod und Teufel an den Hals wünschten, interessieren sich für alles nur nicht für Fakten. Sie berufen sich auf die Meinungsfreiheit. Die Frage, wessen Meinung eigentlich relevant ist, darf zu Recht gestellt werden. Es geht nicht darum, berechtigte Kritik zu unterdrücken, die Kritik richtet sich gegen Nutzer, die mit der eigenen von keiner Sachkenntnis getrübten Meinung andere zu diffamieren. Und sich dabei noch auf ihre Grundrechte berufen. Gegen Schmutzkampagnen fällt mir als Digital-Dino nur eins ein: Accounts löschen und Attacken ignorieren. Aber das ist wohl leichter gesagt als getan.

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