Nachwehen eines emotionalen Tages und ein Fundstück, das einem Sechser im Lotto gleicht

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Immerhin sind Bettina Hoy und ihr "Micky" scheinbar mit einem Schrecken davon gekommen. (© Pauline v. Hardenberg)

Selbst alteingesessene Buschis ließ der Tag in Strzegom nicht kalt. Selten liegen Freud und Leid so nah beieinander wie im Gelände. St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer über einen emotionalen Tag, der mit einem Fundstück endete.

Die Pferde sind im Stall, die Grooms schleppen Wassereimer, wickeln Bandagen auf, und sehen zu, dass sie das Sattelzeug wieder in Schuss kriegen. Die Zuschauer machen sich auf den Heimweg und oder sitzen noch ein bisschen auf dem großen Festplatz, wo eine Folklore-Gruppe Polka spielt. An manchen LKW wird jetzt fröhlich angestoßen, in anderen vielleicht ein paar Tränen vergossen. Für die einen war es ein schöner Tag, für die anderen ein tragischer. Wer gewinnt, weiß man erst morgen – der eine Druck ist weg, der andere, vor dem Springen, baut sich gerade erst auf. Vielseitigkeit nach dem Cross – so oder so ähnlich ist es eigentlich immer, wo auch immer.

Freud und Leid beieinander

Grund zur Freude hatte Ingrid Klimke. Selten sah man die 49-jährige vielfache Mannschaftsmedaillengewinnerin so gelöst, so fröhlich wie nach ihrem Ritt mit Hale Bob, der sie in Führung brachte. Man glaubt es ihr, wenn sie sagt: „Es war purer Fun.“ Einmal auf Bundestrainer-Weisung einen längeren Weg – schließlich stand das Team an erster Stelle – sonst immer geradeaus. „Julia hatte einen doofen Uups, ich konnte mir keinen Uups mehr leisten.“ Will heißen, einen blöden Vorbeiläufer. Wie immer ist sie das Gelände vorher mit Chris Bartle abgegangen, wie in alten Zeiten.

Alles, was ich im Gelände kann, habe ich bei Chris gelernt

… sagte Ingrid Klimke. Und da Chris zu den Zeiten, als er noch deutscher Honorartrainer war, auch schon die Britin Nicola Wilson auf Championaten betreut hat, sollte es jetzt, wo er die Reiter seines Landes trainiert, auch kein Problem sein. Habe ich mich verguckt, oder sah Kristina Cook ein bisschen schmallippig drein, als Ingrid dies strahlend auf der Pressekonferenz erzählte?

Zu den Glücklichen gehört natürlich auch Familie Jung mit Sponsoren-und-Freunde-Tross, zu denen auch das Ehepaar Fischer gehörte, jene Unternehmer, die Rocana ihren Vornamen gegeben haben. Die Ritte von Ingrid und Michi waren mal wieder zum Filmen, beide Pferde galoppierten kontrolliert, an den Hilfen, konzentriert, mit gespitzten Ohren – eine Freude, ihnen zuzusehen. Zumal es auffallend viele Pferde gab, die im Laufe der Strecke immer mehr auseinanderfielen und immer länger wurden.

Zu den Glücklichen gehört heute Abend ganz sicher der 27-jährige Italiener Pietro Roman, auf dem 15-jährigen Iren Barraduff, einer von nur vier zeitfehler- und hindernisfehlerlosen Ritten. Er ritt in Rio 2016, wie auch sein Bruder Luca. Zum zweiten Mal treten zwei Brüder Roman in der Vielseitigkeit auf. Vor 27 Jahren starteten Romans Vater Frederico und dessen Bruder Maur bei Olympia in Moskau, gewannen Teamsilber und Frederic auch Einzelgold. Die Spiele wurden damals bekanntlich von den westlichen Ländern boykottiert. Und auch unsere Kollegin Michaela Weber-Hermann ist heute Abend vermutlich besonders happy: Sie ist die Züchterin von Billy the Red v. Balou du Rouet-Stan the Man xx, der unter der Britin Kristina Cook das beste Pferd im Gelände war, denn mit 9.55 Minuten kam er am nächsten an die Idealzeit von zehn Minuten und liegt nun vorläufig auf Platz sechs.

Zu den Enttäuschten heute Abend gehört vor allem Bettina Hoy, ausgeschieden nach ihrer fantastischen Dressur, weil zwei Eisen verloren gingen und wohl auch, weil es einfach nicht der Tag von „Micky“ sprich Seigneur Medicott war. Aber er steht gesund im Stall, auch Bettina ist nichts passiert.

Schock nach Sturz

Tragisch endete der Tag hingegen für den elfjährigen KWPN-Wallach Bob the Builder des polnischen Einzelreiters Michal Knap. Das Pferd hatte sich vermutlich in der Kurve vor Sprung 16 auf dem Turnierplatz am Vorderbein einen Rotationsbruch zugezogen, stürzte und kam nicht wieder hoch. Es begann eine dramatische Rettungsaktion. In Windeseile wurde eine Wand aus Planen um das Pferd gespannt. Die mit den PMs angereiste Tierärztin Anette Wyrwoll sprang über die Bande um zu helfen. Michi Jung, auch zufällig vor Ort, holte Wasserflaschen, um das unter Schock stehende Pferd wieder zu beleben. Und das eine Stunde vor seinem eigenen Start! Die Prüfung musste für eine halbe Stunde unterbrochen werden, währenddessen der Sprecher sich verzweifelt bemühte, das Publikum mit Uralt-Schoten aus der Busch-Statistik abzulenken. Endlich stand das Pferd, konnte aber nur mit Mühe in eine Tierklinik verladen werden. Als das Röntgenbild das ganze Ausmaß des Knochenbruchs zeigte, entschied man sich, Bob the Builder einzuschläfern. Auf einmal war ein Schatten auf den Platz gefallen, der eine oder andere Vorbeiläufer erschien plötzlich ganz unwichtig.

Fundstück

Bei dem ganzen Tsunami von Emotionen, der heute auf uns alle zurollte, freute sich am Ende einer besonders: Mannschaftsarzt Manne Giensch, der mal wieder auch unter den Journalistenkollegen durch Blutdruckmessen und Tabletten verteilen segensreich gewirkt hat. Er hat seinen Autoschlüssel wieder. Den hatte er im Gelände verloren und sich zusammen mit Julia und Hubertus Otto auf die 5700 Meter lange Strecke gemacht, um ihn zu suchen Ganz am Ende, an Sprung 30, entdeckte Julia mit Argusaugen den Schlüsselbund. „Wie ein Sechser im Lotto“, sagte Manne Giensch.