Olympia-Blog: Danke Japan, danke Tokio

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Gabriele Pochhammer (© www.st-georg.de)

Ciao Tokio!

Gerade habe ich das Taxi bestellt, für morgen früh um halb sechs, das sollte reichen. Die letzten Testergebnisse sollten auch heute Abend im Computer sein, falls jemand danach fragt. Die Lufthansa sagt nein, weil Japan kein Risiko-Gebiet ist und wünscht Gute Reise. Auch die deutschen Reiter, die schon wieder zuhause sind, also alle, bis auf die Springreiter, konnten unbehelligt das Land verlassen. Nur der große Bruder ICON, das Infektionskontrollsystem, besteht darauf, dass wir auch zur Abreise ein negatives Testergebnis vorlegen müssen. Er soll doch froh sein, uns wieder los zu werden! Aber da wir uns nicht erst in den letzten zweieinhalb Wochen, sondern Monate davon daran gewöhnt haben, zu tun, was ICON und die Kontroll-App OCHA sagen, haben wir gestern und heute alle nochmal brav ins Röhrchen gespuckt.

Sonntagmorgen. In Tokio regnet es am letzten Tag der Olympischen Spiele, ausdauernd, in großen Tropfen. Wir sind auf dem Weg zum Flughafen, es ist 6 Uhr früh, kaum Verkehr, das Taxi bringt uns in 35 Minuten zum Terminal. Die letzten Taxigutscheine schenke ich dem Fahrer erst ist er verdutzt, dann scheint er sich zu freuen. Ganz sicher ist man ja nie, welche Mine hinter den Masken steckt. Anders als angekündigt ist es am Flughafen nicht besonders voll, ist ja auch noch früh. Hier und da kann sich einer nicht von seiner Akkreditierung trennen, die uns in den letzten zwei Wochen zum Mitglied der „Olympic Family“ gemacht hat. Der in Plastik eingeschweißte Ausweis hat ausgedient, er kommt in die Sammlung.

Gestern war es nochmal herzzerreißend im Equestrian Park. Für die deutschen Springreiter lief gar nichts, wir guckten im deutschsprachigen Mixed Zone-Abteil nur in traurige, aber gefasste Gesichter und Otto Becker, der Fels in der Brandung jeder Krise, erklärte in bewährter Weise, wie’s kam: „Manchmal läuft‘s einfach nicht“.

„Ich hätte auf die Kombination hin einen Galoppsprung weniger machen müssen. Aber nachher ist man immer schlauer. Ich habe Lehrgeld bezahlt.“, resümierte der 46-jährige André Thieme seine ersten Olympischen Spiele. „Ich dachte ein Superpferd reicht und habe unterschätzt, wieviel zusammen kommen muss, damit man am Ende erfolgreich ist.“

Noch schlimmer erwischte es Daniel Deußer. Warum sein sonst so eifriges und gehorsames Pferd auf einmal mitten in der Dreifachen kalte Füße bekam, konnte sich Deußer nach dem Ritt nicht erklären. „Das hat sie noch nie gemacht. Ich glaube, sie hat sich erschrocken.“ Worüber, das will er nach intensiver Betrachtung des Videos herausfinden. Aber erstmal geht’s in den Urlaub nach Mykonos. Und das hat nicht nur er sich ja wirklich verdient, nach der langweiligen Quasi-Quarantäne hier in Tokio!

Und dann zitterten wir für die Schweden, nicht dass wir die Amis nicht mögen, natürlich wollen wir, dass der Beste gewinnt, das ist einfach Reporterpflicht. Aber die Schweden waren so gut gewesen diese ganze Woche, bis zum Beginn des Finale hatte keines ihrer Pferde auch nur einen einzigen Springfehler gemacht, das muss man sich mal vorstellen. Übrigens laufen zwei von ihnen barfuß, All Inn und King Edward – das einzige Pferd , das in sieben Parcours in Tokio keinen einzigen Fehler hatte. Dass Henrik von Eckermann überhaupt im Sattel des phänomenalen kleinen Fuchses sitzt, verdankt er dem glücklichen Umstand, dass seine Verlobte ein Baby bekam. „Da konnte ich die Zügel übernehmen“, lachte er.

„Natürlich sind wir sehr enttäuscht“, sagte Bundestrainer Otto Becker, aber manchmal gibt’s so Tage, da läuft nichts. Es wurde viel verlangt, wir sind ja auch bei Olympia, aber unsere Pferde waren heute top drauf. Wie das mit Daniel passiert ist, dafür habe ich auch keine Erklärung.“

Bei der Siegerehrung sind auf einmal ganz viele Schweden da, mit blaugelben Flaggen. Wo haben sie die bloß so schnell her? Auch Rolf Göran Bengtsson, der in Holstein beheimatete Reservist, der im Team nicht zum Einsatz, steht da, mit Flagge, glücklich für seine Landsleute. Und gibt letzte Interviews in der Mixed Zone. Abba-Ohrwürmer dröhnen aus den Lautsprechern. Viele Reiter, auch die Deutschen machen sich auf den Weg. Julia, die FN-Pessesprecherin, die uns so fabelhaft und unbürokratisch die ganze Zeit mit Infos versorgt hat, verabschiedet sich. Danke Julia, Du warst Klasse. Zur Siegerehrung ist die Teilnehmertribüne leer, eigentlich schade, dass nicht wenigstens die anderen Mannschaften geblieben sind, um den Medaillengewinnern zuzujubeln, wenn schon keine Zuschauer da sind.

Während wir die letzten Texte in die Computer hacken, wird woanders schon aufgeräumt, eingepackt, tschüss gesagt, bis bald. Ach ja, in ein paar Wochen ist ja in Riesenbeck schon die Europameisterschaft, da trifft sich der Wanderzirkus wieder.

Das waren sie nun, die Olympischen Spiele der anderen Art, die Corona-Spiele. Sie waren schöner, aufregender und unbeschwerter als erwartet, den Stress hatten wir vor der Reise im digitalen Kampf mit Zugängen und Passwörtern. Nachdem wir hier waren und wussten, wo es lang ging, war eigentlich alles einfach und allerbestens organisiert. Wir haben zwar kein Japanisch gelernt, aber gemerkt, wie effektvoll man sich mit den Händen – Daumen hoch, Daumen runter– verständigen kann. Und wir hatten tolle Gastgeber, von unglaublicher Freundlichkeit und Höflichkeit und das, obwohl sie bei ihrem Riesensportfest nicht live dabei sein konnten. Wir fühlten und aufgehoben willkommen, trotz allem. Danke Tokio, danke Japan.