Olympia: Wir kommen – Trauer und Vorfreude!

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Eigentlich wollte ich diese Woche nur von den komplizierten und frustrierenden Tokio-Vorbereitungen erzählen, die jeden treffen, der sich aufmacht, diese Spiele mitzuerleben. Als Athlet, als Funktionär oder eben als Journalist, so wie wir, das St.GEORG-Team. Aber dann kamen die Bilder aus den Überflutungsgebieten, die alles in ein anderes Licht rückten.

Dinge, die uns gestern noch schlaflose Nächte bereiteten, schrumpften zur Bedeutungslosigkeit, waren auf einmal sowas von egal. Die Nachrichten von Menschen, die unter ihren einstürzenden Häusern begraben wurden, von anderen, die erst nach Stunden banger Suche gefunden oder nur noch tot geborgen wurden. Und natürlich von den Pferden, die nur mit Mühe aus ihren überfluteten Ställen gerettet werden konnten.

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In den Sozialen Netzwerken machte unter anderem dieses Foto die Runde. Ein großes Dankeschön an alle Helfer! (© Facebook)

Das Bild von drei Männern, die, durch ein Seil miteinander verbunden, durch einen reißenden Fluss waten, der mal eine Straße war, jeder den Arm um ein Shetty gelegt, das gerade eben noch den Kopf über Wasser halten kann – die vergisst man nicht so schnell.  Auch darüber wird St. GEORG in den nächsten Wochen berichten, auch über die Möglichkeiten der Hilfe und Unterstützung. Wir Pferdeleute lassen einander nicht im Stich!!

Zwischen Kafka und Nordkorea

Unterdessen werden in Tokio die Stunden gezählt, bis zur Eröffnung der Spiele am Freitag. Täglich treffen Flieger auf dem Flughafen Haneda ein, an Bord erwartungsfrohe Athleten mit ihrer Entourage, aber auch in den Augen der japanischen Bevölkerung gefährliche Aliens aus einer Corvid-verseuchten Welt. Ein paar Sportler wurden ja schon positiv getestet. Und es wäre schon ein Wunder, wenn bei den gefühlten zig-tausend Tests, die jeden Tag gemacht wurden, nicht auch ein paar positive dabei sind, die sonst nie aufgefallen wären.

Genau 450 Gramm wiegen die Dokumente, die ich für meine Olympiareise nach Tokio eingepackt habe. Das klingt erstmal nicht viel, aber da kommen eine Menge DIN A4 Ausdrucke zusammen. Gestern Morgen noch schnell vom Labor in Kiel die PCR-Zertifikate in Japanisch abgeholt. Englisch und Deutsch hatte ich schon, das sollte jetzt reichen. Da die meisten von uns Pferdesportjournalisten Ein-Mann/Frau-Abordnungen sind, sind wir auch unsere eigenen Covid Liaison Officers (CLO) – das sind quasi die Corona-Sicherheitbeauftragten, die dafür verantwortlich sind, dass alle Regeln eingehalten werden.

Und derer gibt es gar viele. Wenn man sich in den letzten Wochen durch alle digitalen Formulare klickte – ohne deren gewissenhafte Ausfüllung, so wurde versichert, man gar nicht erst nach Japan reinkommt –, kam man sich zuweilen vor wie in einem Roman von Kafka, wo auch die Akteure gegen anonyme Mächte kämpfen. „Ihre Email-Adresse ist uns nicht bekannt“ behauptet dann so eine Website, um nach zwei weiteren Clicks mitzuteilen, „Ihre Email-Adresse ist schon vergeben, wählen Sie eine andere.“

Oder das Passwort ist zu lang, zu kurz, ganz falsch oder hat sich in Luft aufgelöst. Wie ich überhaupt den Verdacht habe, dass sich TOCOC, das japanische Olympiaorganisationskomitee, klammheimlich Berater aus Nordkorea geholt hat, um Einreisewillige in die Verzweiflung zu treiben. Am Ende, so hört man von denen, die schon durchgekommen sind, ist es dann doch halb so schlimm, wie es von zuhause aussieht. Hoffen wir das Beste!

36 Grad: die Temperaturen ziehen an!

Die Dressurreiter haben sich gut eingelebt, die Pferde auch in ihren klimatisierten Ställen. Die ersten Trainingssessions verliefen entspannt. Weil das Thermometer inzwischen auf 36 Grad klettert, gibt es eine lange Mittagspause im Stall. Am Wochenende soll es regnen, ohne große Abkühlung. Wie Dressur-Equipechef Klaus Röder berichtet, wird genau die Lautstärke gemessen, die aus dem Stadion in die umliegenden Wohngebiete dröhnt. Da keine Zuschauer zugelassen sind, wird sich ja auch die Phonzahl des Applaus‘ in Grenzen halten, obwohl IOC-Chef Bach angekündigt hat, künstlichen Beifall ertönen zu lassen.

FEI/Yusuke Nakanishi

Bella Rose und ihre vierbeinigen Kollegen sind gut in Tokio gelandet und in mordernen, klimatisierten Stallungen untergebracht. (© FEI/Yusuke Nakanishi)

Auch die Medaillenzeremonien werden ein bisschen anders ablaufen als gewohnt. Hieß es zuerst, die Athleten müssen sich die begehrten Metallplaketten selbst von einem Tisch abholen, zwecks Kontaktvermeidung, so dürfen jetzt nur jene Ehrengäste bei der Siegerehrung tätig werden, die schon geimpft sind. Ansonsten interessiert sich in Tokio kein Mensch dafür, ob man geimpft ist, weil nur ein winziger Teil der Bevölkerung schon eine Impfung bekommen hat und Geimpfte keine Vorteile haben sollen. Wegen der Gerechtigkeit!

Nur auf markierten Pfaden

Aus dem Dressurreiterlager hörte man, dass im Mannschaftshotel Hotel nur bestimmte Wege genommen werden dürfen, die durch rote Plastikstreifen auf dem Fußboden gekennzeichnet sind. In einigen Hotels gibt es Pappbetten, auch in Medienhotels, in Zimmern, die die Größe eines Schlafwagenabteils nur unwesentlich überschreiten. Damit habe ich schon gerechnet, war auch schon so, in Barcelona 1992, da konnte man entweder in den Zimmerchen im Bett liegen oder am Schreibtisch sitzen. Aber ehrlich, wer muss schon beides zugleich!?

Das St.GEORG-Team bleibt am Ball, ab morgen gibt es für die nächsten zweieinhalb Wochen wieder meinen Olympiablog, mit dem Blick hinter die Kulissen der absonderlichsten Olympischen Spiele der Neuzeit. Trotz allem: Wir freuen uns!