Prinz Philip: „Er verstand Pferde durch und durch“

pochhammer_moment_mal_web

Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

… sagt ein langjähriger Mitstreiter von Prinz Philip. Polospieler, Vierspännerfahrer, vor allem aber Präsident des Weltreiterverbandes FEI – der Pferdesport hat dem im Alter von 99 Jahren verstorbene Duke of Edinburgh viel zu verdanken.

Fast alle Menschen auf der Welt kennen das Bild: Die Queen, meist farbenfroh gekleidet, zwei Schritte hinter ihr Prinz Philip, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, ihr Ehemann und erster Gefolgsmann. Das Bild hat nicht nur Symbolkraft, weil es jedes Mal aufs Neue vor Augen führt, wer die Nummer eins der britischen Monarchie und des Commonwealth ist.

Bei der Krönung Elizabeths II. im Jahre 1952 musste der Duke of Edinburgh niederknien und seiner Königin Gehorsam schwören. Alle, die die royale Soap Opera „The Crown“ gesehen haben, glauben zu wissen, dass er das nicht besonders gerne tat. Wie es wirklich war, wissen wir natürlich nicht, wie vieles, was über die königliche Familie kolportiert wird, ins Reich der Ondits, Gerüchte und üblen Nachrede gehört.

Polospieler mit Top-Handicap

Doch das Bild hat noch aus einem anderen Grund Symbolkraft: Philip war der Mann, der stets loyal hinter seiner Königin stand, ihr im wahrsten Sinne den Rücken freihielt und 73 Jahre lang ihr engster Berater war. Der 300 öffentliche Termine pro Jahr wahrnahm, von denen viele aus dem Enthüllen von Denkmälern, dem Durchschneiden von Bändern und anderen nicht wirklich aufregenden Aufgaben bestanden, aber auch Schirmherr von nicht weniger 800 Organisationen war, sehr viele von ihnen Charities.

Seine Lebensgeschichte ist bekannt und wird in diesen Tagen hunderte Male nachgezeichnet. Der Junge aus königlichem Haus, der Nachzügler nach vier Schwestern, geboren in eine dysfunktionale Familie, die der Vater nicht lange nach Philips Geburt verließ. Die Mutter, psychisch krank, sah der Sohn fünf Jahre lang nicht. Er verbrachte seine Ferien bei englischen Verwandten, die sich um seine Erziehung kümmerten. Hier hatte auch seine Passion für den Pferdesport ihre Wurzeln.

Zum Polospiel brachte ihn sein Lieblingsonkel, Lord Louis Mountbatten, einer der besten englischen Polospieler in den 50er-Jahren, der ein noch heute viel gelesenes Buch über das „Spiel der Könige“ geschrieben hat. Das rasante Spiel lag Philip, schon im Internat Gordonstoun war er ein sehr guter Sportler gewesen. In den 60er-Jahren hatte er zeitweise das zweitbeste Handycap aller britischen Polospieler. Die Passion für Polo gab er an seinen Sohn Charles und seine Enkel William und Harry weiter. Philips Tochter Anne wurde 1971 Vielseitigkeits-Europameisterin auf Doublet, einem ehemaligen Polopferd ihres Vaters.

Im übrigen liebte Prinz Philip das Kricketspiel, das ja außer Engländern bekanntlich niemand so richtig versteht. Während das Herz der Queen für den Rennsport schlägt, heißt es von Philip, er habe mal während der Rennwoche in Ascot unter seinen Zylinder ein kleines Radio einbauen lassen, über das er das aktuelle Kricket-Match verfolgen konnte.

Vierspännerfahrer mit den edelsten Kutschen

Mit 50 Jahren legte Prinz Philip den Poloschläger weg und entdeckte für sich das Vierspännerfahren. „Ich habe die Pferde und ich habe die Kutschen“, sagte er, „ich wollte es einfach mal versuchen.“ Der Fahrsport entwickelte in den 1970er-Jahren auch dank seines prominenten Akteurs das Bild, das er noch heute hat, ein Leistungssport aus Dressur, Geländefahrt und Kegelfahren. Am Anfang stand die Präsentation der Gespanne, sie ging in die Wertung ein. Bewertet wurde alles, was das Auge sah, das Herausgebrachtsein von Pferden und Wagen ebenso wie die Stiltreue. Diese Teilprüfung gewann fast immer Prinz Philip, denn er hatte ja nicht nur die Pferde und Wagen sondern auch die Leute, die alles auf königlichen Hochglanz polierten.

Dass er im Gelände so manches Museumstück zu Bruch fuhr, steht auf einem anderen Blatt. Mit den Jahren wurden die Kutschwagen bei allen Fahrern durch rasante stählerne Geländegefährte ersetzt, die mehr abkonnten. Und die Präsentation hat inzwischen die Funktion einer normalen Verfassungsprüfung. Prinz Philip repräsentierte sein Land bei drei Europa- und sechs Weltmeisterschaften, wurde Sechster bei der Weltmeisterschaft 1982. Mit 65 Jahren gab er den Leistungssport auf, aber nicht die Leinen ab. Er wechselte auf die leichter zu handhabenden Fell Ponys, kleine schwarze Pferdchen, in Balmoral selbst gezogen. Auch die Queen sitzt heute bei ihren Ausritten in Windsor Park auf einem Fell Pony.

FEI-Präsident: Visionär und Reformer

Den größten Einfluss auf den Pferdesport nahm Prinz Philip als Präsident der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI). „Als er 1964 kam, war die FEI ein Altherrenclub, als er 1986 ging, war sie ein moderner Sportverband“, sagt Max Ammann, viele Jahre lang Medienchef des Weltreiterverbandes. „Er war kein Verwalter, sondern ein Visionär“. Er war ein Reformer, seine Entscheidungen waren von Pragmatismus geprägt. „Und er hörte, anders als einige seiner Nachfolgerinnen, auf die richtigen Leute.“ Er war es auch, der schließlich die Medien zu den FEI-Generalversammlungen zuließ. „Holt sie herein“, sagte er und die auf dem Flur wartenden Journalisten saßen fortan in der hintersten Reihe, aber doch mit am Tisch.

Philip strukturierte die FEI komplett neu, schuf die verschiedenen Ländergruppen, die bis heute bestehen, führte international die Klasse der Jungen Reiter für die 18- bis 21-Jährigen ein, förderte den Weltcup in seinen Anfangsjahren und schuf mit dem „President’s Cup“ die erste Serienwertung für die Nationenpreise. Auch die Einführung systematischer Dopingkontrollen fällt in seine Amtszeit.

Seinen Führungsstil wird von denen, die dabei waren, als eher patriarchalisch und autokratisch, denn als demokratisch bezeichnet. „Er war unglaublich durchsetzungsfähig und führungsstark“, sagt Dr. Hanfried Haring, früherer FN-Generalsekretär und langjähriges FEI-Bureau-Mitglied. „Manchmal verkündete er die Beschlüsse, die am nächsten Tag gefällt werden sollten, schon am Abend zuvor. Aber er hat zugehört und konnte gute Leistungen und Argumente anerkennen“. Vor allem aber war er ein Pferdemann. „Er verstand Pferde durch und durch“, sagt Haring.

Über den Umgang mit Pferden im allgemeinen sinnierte Prinz Philip: „Einige Optimisten neigen zu der Annahme, sobald man begriffen hat, dass Pferde am einen Ende ausschlagen und am anderen Ende beißen, wisse man genug. Ich fürchte, weit gefehlt. Das ist nur die erste Lektion eines Lernprozesses, der anhält, solange man dumm genug ist, sich mit Pferden zu beschäftigen.“

Sport und Business – eine gefährliche Liaison

Kurz vor Ende seiner Amtszeit bat ich Prinz Philip um einen Betrag für den St.GEORG zu Situation des Sportes. Klar hatte er die Gefahren erkannt, mit denen der Pferdesport zu kämpfen hatte: die zunehmende Kommerzialisierung, die Professionalisierung und ihre Verführungen, mit unerlaubten Mitteln den Erfolg zu suchen. Prinz Philip hatte wohl erkannt, dass die Zeit des Amateursports vorbei war. Anhalten konnte er sie nicht.

Beim Staatsbesuch der Queen in Deutschland im Jahre 1973 stattete das königliche Paar auch Schleswig-Holstein einen Besuch ab. Anstatt beim offiziellen Empfang auf Gut Schierensee geschätzte 250 Hände zu schütteln, machte sich Philip unauffällig auf den Weg in den Pferdestall. Das Thema Pferde hatte schon vorher zu einigen protokollarischen Turbulenzen geführt. Der Queen sollte ein Pferd geschenkt werden, für die angesetzten 25.000 Mark wurde ein brauner Wallach bei einem Holsteiner Züchter gekauft, doch dann wurde die Summe auf 15.000 Mark zusammengestrichen. Um Peinlichkeiten zu vermeiden, wurde der Rest unter Reitsportfreunden gesammelt.

Über Philips zuweilen ätzenden Humor wurden inzwischen ganze Bücher publiziert. Wenn er von seiner Tochter Anne sagte, sie liebe nur, was vorne frisst und hinten furzt, fand er das wohl ganz in Ordnung. Sie war schließlich sein Lieblingskind, er sorgte dafür, dass sie seine Nachfolgerin als FEI-Präsidentin wurde. In der Familie hatte er das Sagen, heißt es. In der kurzen Gedenkrede nach Philips Tod würdigte Premierminister Boris Johnson das Wirken des Prinzgemahls. So wie er als erfahrener Fahrer die Pferde gelenkt habe, so habe er auch seine Familie und die Monarchie gesteuert. Ich höre Prinz Philip sagen: „Believe me, Prime Minister, vier Pferde zu kontrollieren ist bedeutend einfacher.“


St.GEORG NEWSLETTER

Schnell, aktuell und auf einen Blick wissen, was Sache ist!
Das bietet der St.GEORG Newsletter.

  1. Helmold Baron von Plessen

    Ein Meisterstueck, mit so viel Delikatesse und Einfuehlungsvermoegen geschrieben, den sehr besonderen Humor von Prinz Philip voll erfassend, Ihr Blog, verehrte Frau Pochhammer. Habe und werde ihn an viele Verwandte und Freunde weiter leiten. Danke Ihnen !


Schreibe einen neuen Kommentar