Reiter und Medien: Die Wahrheit ist die beste PR

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Was erwarten wir Journalisten eigentlich von den Reitern, wenn wir ihnen nach dem Ritt, ob gelungen oder nicht, auf die Pelle rücken, um sie auszufragen? Und was können sie von uns, den Medienvertretern erwarten und was nicht?

Vor ein paar Wochen wurde ich von der Abteilung Kommunikation der FN gebeten, für Nachwuchsreiter ein Webinar zu machen zum Thema Medientraining. Ich hatte mich ja schon ein paarmal darüber lustig gemacht, wenn junge Reiter, tatsächlich ja meist Reiterinnen, uns Journalisten allzu aufgedreht in die Kameras zwitschern mit ebenso flockigen wie nichtssagenden Sprüchen wie „Ich bin stolz auf mein Pferd!“ oder „Mein Pferd hat so für mich gekämpft.“ Klingt gut, wird aber selten gedruckt. Genauso wenig übrigens wie der Dank an die Sponsoren oder andere Geldgeber. Das ist zwar artig und angebracht, wird aber auch so gut wie nie gedruckt.

Da saßen wir nun vor unseren Rechnern, die Initiatorin und Moderatorin Laura Schwabbauer und Nadine Pakenis, Geschäftsführerin der Stiftung Deutscher Spitzenpferdesport, die mit der FN das Projekt „Fit für die Medien“ betreut. Zugeschaltet waren 38 junge Leute zwischen 14 und 24 Jahren, alle schon gut in ihrem Sport bis hin zu Europachampionaten, aber unerfahren bis schüchtern im Umgang mit uns, den Medien.

Authentizität ist gefragt

Journalisten beißen nicht, wollen eine gute Geschichte, aber nicht um jeden Preis. Jedenfalls nicht um den Preis der Wahrheit, einige Krawallmedien vielleicht ausgenommen. Sie wollen ihren Lesern, Hörern, Zuschauern erzählen, wie es zu der sportlichen Leistung kam, was das für ein Mensch ist, der sie erbracht hat. Deshalb sage ich, bestärkt durch eine Nachfrage bei meiner Lieblingskollegin: Bleibt vor allem ihr selbst, also authentisch. Und dann kann es ruhig auch mal emotional werden.

Während jeder in den sozialen Medien, auf Facebook, Twitter oder sonst wo, schreiben kann, was er will, liegt es bei den öffentlichen Medien in der Hand des Journalisten, wie was rüberkommt. Die Sportler erwarten faire Berichterstattung, sie wollen natürlich in der Öffentlichkeit so gut wie möglich da stehen. Gute Medienauftritte zahlen sich aus, bei der Sponsorensuche zum Beispiel.

Beide, Sportler und Journalist, können von einander erstmal eine Atmosphäre des Goodwill erwarten. Die ist natürlich nach super Leistungen meist automatisch da, weswegen Siegerinterviews wohl für beide Seiten die nettesten Zusammentreffen sind. Wenn der Sportler noch eine vernünftige Analyse dazu liefern kann, umso besser. Aber Sieger sind ja meist glücklich, und haben selten was am Parcours oder an den Dressurnoten zu meckern. Wenn nach einem wirklich fantastischen Ritt nur der Kommentar kommt: „Ich bin gut zufrieden“, ist es natürlich nicht so leicht, eine feurige Geschichte zu schreiben.

Das Vertrauen wird schnell erschüttert, wenn dem Journalisten Unwahrheiten aufgetischt werden. Da haben manche ein Gedächtnis wie ein Elefant. Deshalb erinnere ich mich auch noch gut an den Springreiter, der mir von seinem tollen Pferd vorschwärmte, mit dem er sich Hoffnungen auf das nächste Championat machte. Leider sagte er nicht dazu, dass er das Pferd vor zwei Tagen nach USA verkauft hatte. So etwas vergisst unsereins nicht.

Größe zeigen

Aber Journalisten müssen ja auch nachfragen, wenn etwas nicht so gut geklappt hat. Da wird es dann schwierig. Wahre Größe zeigt sich erst in der Niederlage, sie kann natürlich mit den Jahren wachsen. Wer trotz seiner Enttäuschung noch zu vernünftigen Erklärungen fähig ist, ohne Selbstmitleid und Schuldzuweisungen, der hat die Achtung der Medien sicher. Ich rechne es Sportlern hoch an, wenn sie mir auch dann noch Rede und Antwort stehen, weil es auch in ihrem Interesse ist, dass ich ja meinen Lesern erklären kann, warum es so und nicht anders gekommen ist.

Rodrigo Pessoa, Isabell Werth & Ludger Beerbaum

Unvergessen die Pressekonferenz von Rodrigo Pessoa bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000. Er hatte die Einzel-Goldmedaille schon in der Hand, da verweigerte sein Hengst Baloubet du Rouet im letzten Umlauf dreimal an einem Oxer. Alles aus! Nachdem er sich eine halbe Stunde in den Stall zurückgezogen hatte, die offizielle Pressekonferenz mit den Siegern vorbei war, trat Rodrigo wieder vor die Presse. Enttäuscht, aber gefasst und nach Erklärungen für das Desaster suchend. Wir alle zogen den Hut vor soviel professioneller Contenance.

Oder Isabell Werth in Hongkong 2008. Auch sie schon in der Goldspur, bis im Special Satchmo plötzlich in der ersten Piaffe die Mitarbeit aufkündigte. Das war’s mit dem zweiten Einzel-Olympiasieg, selbst dem Beobachter auf der Tribüne blieb fast das Herz stehen. Aber auch wenn ihr vielleicht nicht danach zumute war, kam Isabell am nächsten Tag in unser Hotel und wir konnten ein Interview machen. Sie ist eine von den Reitern, mit denen jedes Gespräch ein Gewinn ist, auch wenn sie natürlich nicht immer alles erzählt, das Recht hat sie ja.

Auch Ludger Beerbaum gehört dazu, wobei ich erinnere, dass er im Moment seiner größten Niederlage etwas wortkarg war. Bei den Olympischen Spielen 1992 riss ihm im zweiten Nationenpreisumlauf das Hackamore, Classic Touch raste panisch los, Ludger sprang gerade noch rechtzeitig ab, und verließ dann mit gesenktem Kopf den Parcours. Wir alle auf der Pressetribüne waren wie erstarrt, keiner wagte jetzt, Ludger anzusprechen. Bis auf den Kollegen von dpa, der in Richtung Abreiteplatz marschierte und kurze Zeit später mit triumphierender Miene wiederkam. „Ich habe mit Ludger gesprochen“, sagte er. Und was hat er gesagt? „Scheiße.“ Schade nur, dass das Ergebnis dieser knallharten Recherche dann wegen nicht dpa-konformer Wortwahl doch nicht gedruckt werden konnte. Und wie gut, dass Ludger zwei Tage später Einzel-Olympiasieger wurde und gut gelaunt plauderte, wie alles kam.