Ruhm und Reichtum

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Der Spitzensport dient bekanntlich nicht nur der fröhlichen Leibesertüchtigung hochbegabter junger Leute, sondern der Selbstdarstellung ganzer Gesellschaften. Dafür wird viel Geld locker gemacht, die olympischen Medaillenspiegel über mehr als 100 Jahre sind das Aushängeschild, wie weit es ein Land gebracht hat. Was mit finanziellem Rückenwind erreicht werden kann, zeigen unter anderem die britischen Reiter.

Natürlich geben Statistiken immer nur einen Teil der Wirklichkeit wieder, und es gibt ja nicht ohne Grund den Kalauer, man sollte nur den Statistiken glauben, die man selbst gefälscht habe. Als ich kürzlich im Internet auf die Siegerlisten der Olympischen Spiele seit Anbeginn, also seit 1900 stieß, konnte das patriotische Herz höher schlagen, falls man ein solches besitzt.

Die deutschen Reiter führen mit großem Abstand die Siegerlisten an, haben seit Bestehen der Olympischen Spiele im Reiten insgesamt 95 Medaillen gewonnen, 44 goldene 24 silberne und 27 bronzene. Weniger als die Hälfte verbuchten die Schweden auf Platz zwei, (18 Gold, 13 Silber, 14 Bronze, zusammen 45), vor Frankreich (38 gesamt, davon 14 goldene) und Großbritannien (40, davon 13 goldene). Wie immer in diesen Medaillenspiegeln gibt die Zahl der Goldmedaillen die Rangierung vor, also eine Goldmedaille wiegt mehr als zehn Silbermedaillen. Ob das gerecht ist, darüber lässt sich streiten.

Es gibt auch sowas wie den „ewigen Medaillenspiegel“ über alle Sportarten, da liegt Deutschland überraschend auf Platz zwei mit 438 Goldmedaillen hinter USA (1068), wohl zu verdanken den Medaillen, davon 153 goldene, der DDR-Sportler. Von 1968 bis zur Wende war Deutschland quasi mit doppelter Besetzung am Start.

Zunächst waren 1900 nur die Springreiter bei Olympia dabei. Es gab fünf Wettbewerbe, auch einen im Hochsprung und einen im Weitsprung. Es dominierten die Offiziere aus Belgien, Frankreich und den Niederlanden. Der nächst Auftritt der Reiter folgte erst 1912, ab jetzt in allen drei Disziplinen. Wer erinnert sich noch an Leutnant Rabod von Kröcher? Der Gutsbesitzer aus Sachsen-Anhalt war der erste deutsche Gewinner einer Olympiamedaille im Reiten, Farbe Silber, errungen 1912 im Springen auf einem Pferd namens Dohna.

Das erste Gold

Erst 1928 gewann Karl-Friedrich Freiherr von Langen auf Draufgänger in der Dressur das erste Gold für Deutschland, das damals noch Deutsches Reich hieß. Das fast lebensgroße Gemälde des Siegerpaars hängt heute im Treppenhaus des Deutschen Olympiade Komitees für Reiterei (DOKR) in Warendorf. Und noch immer heißt die Straße in Warendorf, die zum Bundesleistungszentrum und der Verwaltung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) führt, Freiherr-von-Langen-Straße. Von Langen, nach seinem besten Springpferd Hanko genannt, war eine Legende. Er ritt auch Springen in der höchsten Klasse und war einer der ersten Zivilisten, die einen professionellen Turnierstall unterhielten. Er starb 1934 bei einem Geländesturz und konnte sich nicht mehr dagegen wehren, dass die Nazis ihn post mortem für sich vereinnahmten, was ihm einige Nachgeborene gewaltig verübelten.

Konnten die deutschen Reiter 1936 in Berlin alle Goldmedaillen gewinnen, so musste sich der deutsche Pferdesport nach dem Zweiten Weltkrieg erst wieder neu erfinden. Es ging bescheiden los, 1952 in Helsinki mit zwei Bronzemedaillen, eine für Fritz Thiedemann auf Meteor im Springen, eine für das Dressurteam, zu dem Thiedemann übrigens ebenfalls gehörte. Von da an ging es aufwärts. Auf der „ewigen“ Rangliste der erfolgreichsten Olympiareiter liegen drei Deutsche an der Spitze: Isabell Werth, Reiner Klimke und Hans Günter Winkler.

Briten im Kommen

Bemerkenswert auf der Nationenrangliste der Reiter ist der vierte Platz der Briten hinter Deutschland, Schweden und Frankreich. Bis 2012 gewannen die Reiter aus dem Pferdesportland Großbritannien zwar hin und wieder Olympiamedaillen, aber erfolgreicher waren sie bei Welt- und Europameisterschaften. Der olympische Durchbruch kam erst im Anlauf auf die Spiele im eigenen Land, London 2012.

Im Zuge der Vorbereitungen, die schon vor den Spielen 2008 begannen, unternahmen die Briten in allen Sportarten gewaltige finanzielle Anstrengungen, um ihre Athleten medaillenfähig zu machen. Die Erfolge blieben nicht aus. Vorher im Mittelfeld, waren die Briten 2012 die dritterfolgreichste Sportnation hinter USA, 2016 Zweite, 2021 Vierte. Alle diese Erfolge wurden mit staatlichen Zuwendungen, die zum großen Teil aus den Lottoeinnahmen stammten, belohnt. Mit mehr als 700 Millionen Pfund wird der olympische Sport jetzt im Hinblick auf Paris 2024 gefördert, davon bekommt der Pferdesport, der in Tokio mit 13 zu den insgesamt 189 britischen Medaillen beitrug, mehr als 14 Millionen Pfund: rund elf Millionen Pfund für die Olympischen Spiele, drei Millionen für den Para-Sport. Im „World Class Programm“ werden Spitzensportler gezielt gefördert und finanziell unterstützt.

Und in Deutschland?

Davon können Reiter hierzulande nur träumen. 3,5 Millionen Euro fließen aus Bundesmitteln pro Jahr in den Spitzenreitsport, aus DOKR-Eigenmitteln rund kommen 1,5 Millionen Euro dazu. Die 2013 gegründete „Stiftung Deutscher Spitzenpferdesport“ hilft bei bestimmten Projekten, wie Trainerausbildung, Stipendien, Verbesserung der Sicherheit oder der U25 Pokal. „Aber wenn in Deutschland ein Spitzenspringpferd verkauft werden soll, können wir es nicht verhindern“, sagt der Generalsekretär der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), Soenke Lauterbach. „Das muss man ganz klar sehen. Es sei denn, es finden sich ein oder mehrere Besitzer, die das Pferd für den Reiter kaufen.“ Wie etwa bei den Vielseitigkeitspferden Sam oder Chipmunk, aber Spitzenspringpferde kosten ja nochmal eine andere Hausnummer. „Wenn wir Pferde anbinden, dann jüngere, an denen haben wir dann einen Anteil.“ Die meisten Reiter sind bei der Suche nach Sponsoren auf sich selbst gestellt.

Natürlich sind das Klagen auf hohem Niveau, andere Nationen haben viel weniger Geld zur Verfügung, um ihren olympischen Reitsport zu finanzieren. Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles bedeutend schwieriger, auch das Siegen. Und es bleibt die Frage offen, wieviel Geld der Steuerzahler in das Unternehmen Spitzensport stecken sollte, das dem Staat zwar ein diffuses Prestige einbringt, aber dessen dunkle Seiten – Barren, Dopen, allerlei Blutspuren – regelmäßig für öffentliche Empörung sorgen. Das allerdings scheint bisher nicht wirklich bis in die Köpfe der Akteure durchgedrungen zu sein.