Scheidender FN-Präsident Breido Graf zu Rantzau: Immer mitten drin

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Seit 20 Jahren ist er in Spitzenpositionen für Zucht und Sport in Deutschland verantwortlich, seit 16 Jahren ist er Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). Morgen verabschiedet sich Breido Graf zu Rantzau in den Ruhestand.

Wer alt genug ist, dass er den Turniersport der 60er- und 70er-Jahre nicht in grauer Vorzeit verortet, der kennt natürlich auch den Namen Breido Graf zu Rantzau schon immer. Ein junger Mann aus selbstbewusstem holsteinischem Uradel, dessen Vorfahren wie durch ein Wunder die Schlacht von Hemmingstedt im Jahre 1500 überlebt haben, damals, als die Dithmarscher Bauern mit einem Befreiungsschlag die Feudalherren zum Teufel jagten.

Breido Graf zu Rantzau hat sich auf anderen Schlachtfeldern getummelt, wo es weniger blutig, aber deswegen nicht weniger aufregend zuging. Weintraube hieß sein erstes Pferd, an das ich mich erinnere. Mit dieser Stute hat er die ersten internationalen Lorbeeren in einem deutschen Nachwuchsteam errungen, 1965 in Italien zusammen in einer Mannschaft mit seinem späteren Schwager Hendrik Snoek. Zwei Jahre später in Jesolo wurde er sogar Einzeleuropameister. Und ab da verschwand der Name bis heute nicht mehr aus dem deutschen Pferdesport im allgemeinen und der Holsteiner Zucht im Besonderen.

In den Verbänden, in denen er gearbeitet hat, wurde er immer schnell Spitzenämter gewählt. Er selbst führt das auf seine unnachahmliche Art zurück, aus seinem Herzen keineMördergrube zu machen. „Ich habe mich immer deutlich geäußert und genau erklärt, wo der Hammer hängt. Es genügt aber nicht, nur laut zu werden, man muss dann auch Verantwortung übernehmen“, sagte Graf Rantzau vor einigen Tagen in einem Interview.

Höhepunkt Aachen, Tiefpunkt Hongkong

Eine so lange Funktionärskarriere hat natürlich ihre Höhen und Tiefen. Highlight waren für ihn die Weltreiterspiele 2006 in Aachen, die einzige Erfolgsgeschichte, die bei diesem alle vier Jahre stattfinden Mammut-Event je geschrieben wurde. Der Tiefpunkt waren die Medikations-bzw. Dopingfälle bei den Olympischen Spielen in Hongkong 2008, als auf einmal der ganze Springsport und die deutschen Verbandsoberen am Pranger standen.

Noch heute bedrückt ihn die Geschichte um Christian Ahlmann, der länger gesperrt wurde als vier andere Reiter, die exakt das gleiche getan hatten. Dass er zugelassen hat, dass die FN gegen ihren eigenen Reiter beim Sportgericht CAS vorging, bedrücke ihn bis heute, sagt er. „Das hat das Vertrauen in uns Funktionäre schon sehr beschädigt.“

Der Sonnenkönig ein entfernter Onkel

Jeder von uns hat seine eigenen Geschichten mit Breido Graf zu Rantzau erlebt. Die besten stammen von ihm selbst. So wissen wir, dass der Sonnenkönig Ludwig XIV. eigentlich der Sohn eines Rantzau’schen Urahns ist; wir glauben es gerne, auch wenn der DNA-Test noch aussteht. Mit Vergnügen erzählt er die Geschichte aus dem Kindergarten, als er sich fürchterlich geniert hat, weil in sein Unterhemd ein Krönchen eingestickt war.

Einmal erlebte ich Breido bei einer Körbezirksversammlung im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Der Saal war proppevoll und nach den Berichten des Vorstands und der Zuchtleitung wollte der eine oder andere Züchter loswerden, was er immer schon sagen wollte. Zum Beispiel, warum immer nur die Junghengste von anderen Leuten zur Körung mitgenommen werden, nie seine. Zustimmendes Gemurmel, das Problem hatten viele. Der Vorsitzende stand auf und sagte zu dem Mann: „Ich kann Sie gut verstehen, von mir haben sie auch noch nie einen mitgenommen.“ Die Spitze war weg, die Sache vom Tisch. Womit ich sagen will: Er trifft immer den richtigen Ton, mit wem er es auch zu tun hat.

Kein Blatt vor den Mund

Etwa an dem Abend im Deutschen Haus bei den Olympischen Spielen in Rio 2016. Die deutschen Vielseitigkeitsreiter hatten Einzelgold und Teamsilber gewonnen, ein toller Tag. Nur nicht für mich. Mein Zuchtprodukt Leonidas, mein ganzer Stolz, hatte durch den schlechtesten Parcours seines Lebens mit vier Abwürfen seinem Reiter Mark Todd und der neuseeländischen Mannschaft zwei Medaillen vermasselt. Da tröstete es auch nicht wirklich, dass er im zweiten Parcours fehlerfrei blieb und mit Platz sieben am Ende der beste Holsteiner dieser Spiele war. Im Deutschen Haus sollte gefeiert werden, Breido sah mich, kam zu mir und sagte, bevor ich irgend einen Ton herausbrachte: „Das Gefühl kennt jeder Züchter, das ist anderen auch schon passiert“. Das tat wirklich gut.

Oder die FEI-Generalversammlung in Moskau 2019. Beim Tagesordnungspunkt „Integrity of the Sport“, zu deutsch „die Integrität des Sports“, hielt aus dem fernen London der Obersaubermann der FEI eine ziemlich lange Video-Ansprache, jener Lord Stevens, der dem dopenden Scheich Mohammed einst bescheinigt hatte, dass seine Weste so weiß sei wie sein wehendes Gewand. Der Lord schilderte, was seine (hochbezahlte) Abteilung so alles tue, um den Sport sauber zu halten. Als er geendet hatte und alle ergriffen schwiegen, nahm Breido, lässig in den Stuhl zurückgelehnt, das Wort und sagte: „Diese langweilig Rede von diesem alten Mann hören wir jedes Jahr, ich bin dafür, den Punkt künftig zu streichen.“ So was traut sich sonst keiner.

Ansonsten wussten meine Kollegen und ich immer: Wenn wir den Präsidenten anrufen, bekommen wir eine vernünftige ehrliche Antwort. Wenn wir bei einem internationalen Championat schon von weitem die Wolke aus roten Polos mit „Germany“ auf dem Rücken sahen, war er mitten drin. Er sitzt auf der Tribüne, hält seinen Reitern die Daumen, er ermuntert, er tröstet, er feuert an und lässt keinen allein. Sie alle und noch viel mehr Menschen werden dafür sagen: „Danke Breido“.