Schulpferde in Not: Jetzt sind flexible Lösungen gefragt

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Viele von uns, vielleicht sogar die meisten, die nicht in einer pferdebegeisterten Familie aufwuchsen, sondern sich ihren Weg zum Pferd quasi selbst gesucht haben, erinnern sich noch gut an ihre ersten vierbeinigen Lehrmeister. An die Schulpferde, die unsere ungelenken Anfängerbemühungen erduldeten.

Bei mir hießen sie Apoll, dessen Schönheit mehr im Inneren verborgen war, Anita, die vor jedem Papierschnitzel zur Seite sprang, und Junker, der mir beibrachte, dass man nicht nach jedem Bocksprung auf dem Boden landen muss. Wie den Lehrer in der ersten Klasse vergisst man die Pferde der ersten Reitstunden ein Leben lang nicht.

Rund 65.000 Schulpferde in 4000 Vereinen und 2600 Betrieben verdienen ihren Hafer mit Reitschülern. Normalerweise, aber zu Corona-Zeiten ist eben nichts mehr normal. Reitschulen trifft deswegen der Shut Down besonders hart, die Schüler dürfen nicht mehr kommen, der Schulbetrieb ist auf Null heruntergefahren. Ob wenigstens wieder Einzelunterricht oder Training in kleinen Gruppen gestattet wird, entscheidet sich in den nächsten Tagen.

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) hat in Zusammenarbeit mit Ärzten, unter anderem dem Olympiaarzt der deutschen Reiter, Dr. Manfred Giensch, ein Konzept vorgelegt, wie das Training allmählich wieder aufgenommen werden kann. Jetzt müssen noch die zuständigen Behörden überzeugt werden. Das Land Bayern hatte erst dem Reitunterricht zugestimmt, dann plötzlich wieder einen Rückzieher gemacht.

Die Kosten laufen weiter

Auf die schrittweise Rückkehr zu einer Art Normalität hofft auch Caro Knorr vom Birkenhof in Gütersloh, ein typischer Familienbetrieb, auf dem vier Generationen leben, die Jüngsten sechs und acht, die Ältesten um die 90. Caro Knorr will sich nicht beschweren. „Uns geht es ja besser als vielen Familien, die mit drei Kindern in einer Hochhauswohnung ohne Balkon mitten in der Stadt leben,“ sagt sie. „Auch wenn meine Kinder die Urgroßeltern zur Zeit nur über den Gartenzaun sehen dürfen.“

65 Pferde stehen auf dem Birkenhof, davon 30 Einstellerpferde, deren Besitzer sich schichtweise um ihre Pferde kümmern dürfen. „Anders wäre es gar nicht zu machen“, sagt Caro Knorr, „Mehr als füttern und misten können wir nicht leisten, wir können nicht noch 30 Pferde zusätzlich bewegen.“

Die eigenen 35 Schulpferde zu betreuen, ist Aufgabe genug. Sie, die es gewohnt sind, täglich zwei bis drei Stunden im Unterricht zu gehen, genießen jetzt einen unverhofften Langzeiturlaub. „Das ist die gute Nachricht“, sagt Knorr, „aber das geht nur eine Zeitlang gut. Nur Weidegang – dabei rosten sie schnell auch ein.“

Die schlechte Nachricht: Die Kosten laufen natürlich weiter, auch ohne Einnahmen. Schmied und Tierarzt, drei Azubis – da ist nicht viel einzusparen. „Das bedroht schon unsere Existenz“, sagt Caro Knorr. Ihr Wunsch an die Behörden: Die Besonderheiten des Reitsports berücksichtigen, nicht alle Sportarten über einen Kamm scheren. „Wir können Abstand halten, die Kinder können Gesichtsmasken tragen. Wir machen schließlich kein Judo, wo man sich gegenseitig in den Rücken atmet, auch kein Ballett, wo alle Kinder an dieselbe Stange fassen. Wir könnten die Pferde auch fertig machen, dann entfällt der Kontakt beim Putzen und Satteln. Und auf die Mütter, die ihren Kindern das Putzköfferchen hinterhertragen, können wir zur Not auch eine Weile verzichten.“ Auf der anderen Seite würden die Familien entlastet, wenn die Kinder in den Stall zum Reiten kommen dürfen.

Flexibilität ist gefragt, Knorr hofft, dass die FN genau das den Behörden vermitteln kann.

Selbsthilfe ist gefragt

Finanzielle Hilfen sind vom Verband nicht zu erwarten. „Aufgrund der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise verfügt die FN derzeit leider nicht über finanzielle Mittel, um einen eigenen Hilfsfonds für Vereine und Betriebe aufzulegen,“ sagt FN-Sprecherin Julia Basic. Die FN rechne, Stand heute, mit einem Verlust von fünf Millionen Euro durch geringere Einnahmen, bleibe nach Sparmaßnahmen, wie mögliche Kurzarbeit, dem Stopp von Neueinstellungen und Projekte, noch ein Minus von schätzungsweise zwei Millionen Euro.

Selbsthilfe ist also angesagt. Viele Vereine haben Hilfsaktionen auf die Beine gestellt, die FN berät, wie Vereine, Betriebe und Selbstständige Fördermittel beantragen können, sie macht Vorschläge, wie man die Kosten für Schulpferde auf mehrere Schultern verteilen kann, etwa indem man Patenschaften oder Pflegebeteiligungen organisiert, die Reitkarte weiterlaufen lässt und den Kontakt zu den Schülern über theoretischen Unterricht per Internet hält. Entsprechendes Lehrmaterial stellt die FN online zur Verfügung.

Auch einige große Namen helfen mit Spendenaktionen für Schulpferde, den Reitschulen das Überleben zu sichern. Genannt seien Isabell Werth und Ingrid Klimke. Beide Königinnen in ihrem Sport, haben sie sicherlich nie auf einem ganz normalen Schulpferd gesessen. Aber beide sind klug genug um zu wissen, was sie dem Sport schulden. Die vielen Kinder und jungen wie auch nicht mehr so jungen Leute in den Reitschulen sind das Fundament des Pferdesports. Die Gesundheit geht vor, sagt Isabell Werth. Natürlich. Aber es ist Zeit, für jeden Sport abzuwägen, was nötig und was möglich ist. Es ist die Zeit für intelligente Einzellösungen, nicht für angstgetriebene Rundumverbote.


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  1. Kathrin

    Genau diese sind ehrlich wichtiger als große Turneire und der A-Kader. Denn wenn all diese Reitschulen weg sind, all diese Schulpferde nicht mehr zu bezahlen, dann gibt es keinen A-Kader mehr.
    Klar überbrückt man mit online Theoriestunden inkl. Fragezeiten, mit videos ein wenig die Zeit und hofft das möglichst die meisten Eltern noch bleiben und nicht zurück treten, aber wie lange geht das.

    Auch wir al einsteller in Schulbetrieben können über zusätzliche Spenden, evtl. ein wenig puffern, aber das geht nicht ewig. und Kurzarbeit geht hier auch nicht, wo der Staat einspringt. Es muss hier was passieren.

  2. ursula machner

    das ist doch alles wahnsinn! wissen diese politiker überhaupt, wie lang ein pferd ist, wie groß der abstand beim abteilungs- bzw. schulreiten zwischen den reitern ist? und der reitlehrer sitzt bekanntlich auch nicht mit im sattel, sondern steht etliche meter entfernt in der mitte der halle! und beim putzen + satteln sitzen die leute auch nicht auf dem schoß des anderen, sondern können sich meistens problemlos weit genug voneinander platzieren. oder man läßt einige früher satteln + einstweilen in der halle schritt reiten, bis die nächste schicht mit satteln fertig ist und nachkommt. das ist doch alles eine sache der organisation. es gibt doch wirklich keinen einzigen grund, reitunterricht zu verbieten. die reiter könnten ja zusätzlich noch masken tragen, also wirklich! unmöglich, sowas.würde mich nicht wundern, wenn so manches schulpferd „abgeschafft“ wird, weil kein geld mehr da ist. reitersleute – wehrt euch gegen so unsinnige maßnahmen….


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