Tag zwei unserer Reise nach Polen – ein Schicksal, stellvertretend für Millionen

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Zwei Heldinnen: Anita und Ilona. (© Thomas Ix)

Anita Krylova ist Ukrainerin. Sie ist 31 Jahre alt, hat eine neunjährige Tochter und erwartet im Sommer ihr zweites Kind. Aber eigentlich hat sie noch weitere elf Kinder, ihre Pferde. Sie alle haben eine wahre Odyssee hinter sich, denn sie sind aus der Nähe von Kiew über die polnische Grenze vor den russischen Bombenangriffen geflohen. Wir durften heute sowohl Anita kennenlernen als auch Ilona Turowska, die viel mehr für die ukrainischen Flüchtlinge tut, als ihnen „nur“ ein Dach über dem Kopf zu gewähren.

Anita ist rund 1,70 Meter groß, schlank mit einem sich abzeichnenden Babybauch, hat dunkle Haare, ausdrucksvolle Augen und feine Gesichtszüge. Wir sind ein bisschen verlegen, als wir uns gegenüberstehen. Aber die Situation entspannt sich sofort, als sie uns von ihren Pferden erzählt, zum Beispiel der kleinen Przewalski-Stute Vanilka, die als drei Tage altes Fohlen von einem Feuerwehrmann beim Waldbrand im Sperrgebiet Tschernobyls gefunden wurde, verlassen von seiner Herde. Der Mann brachte das Fohlen in die einzige Tierklinik nach Kiew. Hier ersetzte Anita ihm die Mutter und zog es groß. Nun gehört Vanilka zu ihrer Pferdetruppe. Ebenso wie noch zehn weitere Vierbeiner. Anita hat sich auf Freiheitsdressur spezialisiert und ist in diesem Bereich sehr erfolgreich. In der Ukraine ist sie eine kleine Berühmtheit, eine Pionierin in diesem Bereich mit einigen Schülern. Zwei davon haben sie nun aus der Ukraine nach Polen begleitet.

Anitas Geschichte

Die Entscheidung zu gehen, fiel bereits zu Beginn des Krieges. Die Realisierung war allerdings schwierig. In der Nacht vom 24. auf den 25. Februar wurde Anita von dem Einschlagen der Bomben in Kiew geweckt. Ihr Zuhause ist nur 15 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Ihr Freund Maxim war unterwegs, das Pferd einer Freundin abholen, das Anita übernehmen sollte. Er fuhr so schnell heim, wie er nur konnte. Er wollte gleich fliehen, die Pferde zurücklassen. „Ich habe Nein gesagt. Das kann ich nicht. Das sind meine Babys, die ich zum großen Teil selbst aufgezogen habe.“ Maxim diskutierte nicht lange, sondern machte sich daran, einen geeigneten Transporter zu finden, auf dem sie acht Pferde mitnehmen konnten. Die drei Ponys konnten im Anhänger fahren. Aber die Suche nach einem Gefährt gestaltete sich selbst für Maxim als Fahrzeugbauer, spezialisiert auf Pferdetransporter als schwierig. Nicht, weil ihm keiner helfen wollte, sondern weil niemand zu ihnen durchdringen konnte. Allerdings hatte ein Bekannter einen Lastwagen, der eben zum Transport von Lasten bestimmt war. Maxim überredete ihn, ihm den Transporter zu überlassen. Zusammen mit zwei Freunden baute er drei Tage und zwei Nächte daran herum, um Stände und Fenster zu installieren und eine Rampe anzubauen. Um sechs Uhr morgens an Tag drei waren sie fertig. Maxim legte sich eineinhalb Stunden aufs Ohr, in der Zeit hatten Anita und ihre Helfer alles vorbereitet und sie machten sich auf den Weg. Der Transporter mit dem Anhänger und drei Autos. Neben den letztlich neun Personen reisten auch noch Anitas beiden Hunde und die Katze ihrer Freundin mit. Ihr Stall lag im Osten Kiews, sie mussten einmal um die ganze Stadt herum, um auf die andere Seite Richtung Polen zu kommen. Sie konnten immer nur so lange fahren, wie sie mit den maximal 20 Liter Benzin pro Tag, die ihnen ausgegeben werden durften, kamen. Dann mussten sie übernachten und warten, bis die Tankstellen am nächsten Tag wieder öffneten. Tagelang waren sie so unterwegs. Wo immer sie die Möglichkeit hatten, versorgten sie die Pferde mit Futter und Wasser. Aber sie abzuladen, wäre zu gefährlich gewesen. So blieben die Tiere im Anhänger und die Menschen schliefen dort, wo sie den ganzen Tag über gesessen haben – auf Fahrer-, Beifahrer- und Rücksitzen. Sie erreichten Etappenziele und hatten dort endlos viel Papierkram zu erledigen. Die Pferde waren zum Teil noch nicht gechippt, bislang hatten sie ihren Heimatstall ja noch nie verlassen. Aber nun musste es sein, und all das kostete Zeit. Manchmal mussten sie tagelang warten, ehe sie ihre Reise fortsetzen konnten. An bestimmten Knotenpunkten waren die Autokolonnen kilometerlang. Und eine große Sorge saß ihnen noch im Nacken: Ihr Transporter war eigentlich nicht für Pferde gemacht. Würde die Grenzpolizei sie damit trotzdem auf die andere Seite lassen? Endlich an der Grenze angekommen, hangelte Anita sich dann von Fenster zu Fenster, von Posten zu Posten, um alle notwendigen Stempel zu bekommen. Zwischendurch hatte sie unterwegs ein Krankenhaus aufsuchen müssen, weil sie Kontraktionen hatte. Der Stress, sagt sie. Heute gehe es ihr viel besser. Als sie die Grenze erreicht hatten, war es Samstag morgen. Sonntags arbeiten die Tierärzte nicht. Aber die Pferde mussten noch einmal untersucht werden und vor Anitas Tross war ein anderer Transport mit 18 Pferden angekommen, die ebenfalls evakuiert werden sollten. Das dauert. Noch einmal hieß es zittern. Der zuständige Veterinär war glücklicherweise ein verständiger Mann, der die Dringlichkeit der Situation erkannte und Druck machte. Schließlich war es vollbracht. Anita Krylova, ihre Familie, ihre Freunde, ihre Tiere, sie hatten es geschafft, sie waren in Polen. „500 Meter hinter der Grenze mussten wir anhalten. Wir haben alle geweint.“ Man kann es sich vorstellen. Aber sie hatten ja ein Ziel: den EquiClub von Ilona Turowska und ihrem britischen Mann Mark Wheatly.

Auch Helfer sind Helden

Dort angekommen, stand für die Pferde alles bereit. Ilona und ihr Mann waren in der glücklichen Lage, für alle Pferde eine Unterbringung stellen zu können, weil sie einen ihrer Stalltrakte bislang ohnehin nur als Lager genutzt hatten. Zusammengekommen waren Anita und Ilona über Facebook. Ein Freund Ilonas hatte sie in einem Beitrag markiert, in dem Anita nach einer Unterkunft für ihre Pferde und für sich in Polen fragte. Ilona fackelte nicht lange und bot Hilfe an. Anita: „Wir kannten uns ja gar nicht. Aber ich hatte das Gefühl, sie ist eine Person mit einem guten Herz.“ In der Tat, das hat Ilona. So herzlich wie sie uns empfangen hat, so willkommen müssen Anita und ihre Familie sich gefühlt haben. Das einzige Problem sei, so Ilona, dass ihre Gäste noch lernen müssten Hilfe anzunehmen. „Das fällt ihnen schwer. Sie sind sehr stolz.“ Kein Wunder, dachte ich. Wenn man alles verloren hat, ist das letzte, was einem bleibt, die eigene Würde. Und wenn man daheim ein gutes Leben hatte und sich plötzlich noch nicht einmal mehr eine Zahnbürste leisten kann, muss das ziemlich entwürdigend sein. Dabei gibt Ilona von Herzen gern. Ihr und ihrer Familie geht es gut, sie haben drei Ferienhäuser in der Nähe ihres Reitstalles an einem See. In dem einen wohnen sie selbst. In dem zweiten wohnt eine ukrainische Familie, die gleich zu Anfang geflohen ist, und in der dritten Anita & Co. Für sie war es eine Selbstverständlichkeit, zu helfen. „Ich habe zu meinem Mann gesagt: ,Wer weiß, was noch passiert? Vielleicht sind wir die nächsten.‘“

Ungewissheit

Ja, wer weiß, was noch passiert? Und was wird aus den Millionen Menschen, wie Anita, die nun ihre Heimat verloren haben? Sie selbst hatte insofern Glück, als dass ihr Freund Maxim mit ihr ausreisen konnte. Aber das auch nur, weil ihr Tross als humanitärer Hilfskonvoi galt und er schon vorher in diesem Bereich gearbeitet hat. Andere mussten ihre Männer zurücklassen. So, wie Anitas Mutter. Die war in Charkiw zuhause, dort wo Anita auch aufgewachsen ist. Ihre Mutter ist geflüchtet, ihr Vater dageblieben. Er sagte, er wolle sein Vaterland um jeden Preis verteidigen. Der Vater von einer von Anitas Freundinnen kam bereits bei einem Bombenangriff ums Leben. Während Anita das erzählt, kommen ihr immer wieder die Tränen. Ihre Mutter ist zur Stelle, nimmt sie in den Arm, weint mit ihr. Thomas und ich sitzen daneben und sind tief betroffen. Der Schmerz ist mit Händen greifbar. Auf der einen Seite über das, was man zurücklassen musste, und was nun der Zerstörung preisgegeben ist – und da sind die materiellen Dinge das wenigste; Anita hat auch Freunde, die nicht gehen wollten oder konnten und die bereits Pferde verloren haben –, auf der anderen Seite die Ungewissheit, was die Zukunft bringt. Denn selbst, wenn der Krieg morgen vorbei wäre, ein Zurück zur Normalität wird es so schnell nicht geben.

Eine Perspektive für Anita und ihre Familie wäre es, bei Ilona zu bleiben. Platz ist dort genug, und schon in der Ukraine hatte Anita Kindern Reitunterricht gegeben. Das würde perfekt ins Konzept von Ilonas EquiClub passen, betont diese. Das klingt nach Hoffnung. Nach einem Ausblick auf ein Happy End, zumindest für diese Familie. Denn auch wenn der Kontakt nur über Facebook begann, hier haben sich Schwestern im Geiste getroffen. Ilona kommt zwar aus einer ganz anderen Branche, ist Sportreiterin mit internationaler Erfahrung und züchtet mit Leidenschaft Hannoveraner Springpferde aus Stuten, die sie zum Teil von der Pferdezucht Dr. Jacobs in Bierbergen erworben hat, aber auch ihr Credo ist: Die Pferde sollen 365 Tage im Jahr draußen sein. Die Zuchtstuten und Jungtiere ganz, die Sportpferde gehen nur nachts in den Stall, wenn es sein muss. „Das gefällt mir“, betont Anita. „So sollten Pferde leben!“ Und vielleicht wird es auch ihr Leben. Das muss man nun abwarten.

Dass Anita lieber mit ihren Pferden gestorben wäre, als sie ihrem Schicksal zu überlassen, glaubt man ihr sofort, wenn man sie bei der „Arbeit“ mit ihnen erlebt. Arbeit kann man das eigentlich nicht nennen. Anita holt eine Handvoll Möhren und eine Gerte und geht in ihre Herde, die draußen in der Sonne ihre wiedergewonnene Freiheit genießt. Ihre Vierbeiner scharen sich um sie. Wie eifrige Schulkinder scheinen sie zu fragen, was sie denn nun tun sollen. Anita lässt sie Kompliment machen, Spanischen Schritt gehen, Steigen und sich schließlich hinlegen. Sie hockt sich zu der Stute, die sie am längsten von allen Pferden hat. Die Stute drückt ihr sanft den Kopf gegen die Schulter. Anita nimmt sie in den Arm. Es ist ein solcher Moment von Innigkeit und Vertrauen, das einem der Atem stockt. Ich verstehe. Später als wir uns unterhalten, erzählt sie, dass sie einen innigen Wunsch hat: Mitte April zur Equitana nach Essen zu reisen. „Davon habe ich schon lange geträumt. Ich würde so gerne Linda Tellington-Jones und Frédéric Pignon live erleben!“ Noch hat sie Maxim nicht ganz überzeugen können, den Trip trotz ihrer Schwangerschaft zu wagen. Aber als sie ihn in unserem Beisein noch einmal darauf anspricht, nickt er gutmütig. Liebe Anita, ich hoffe sehr, wir sehen uns bei der Equitana!

Thomas Ix

Am Grenzübergang

Am Nachmittag machen wir uns auf zum nächsten Grenzübergang in Dorohusk. Wir fahren auf einer Landstraße, die parallel zur ukrainischen Grenze verläuft. An einer Stelle stoßen der Grenzfluss, der Bug, und die Straße fast zusammen. Ein Grenzstein zeigt uns an, wo die Ukraine beginnt. Wir steigen aus, um das zu fotografieren. Da leuchtet hinter uns Blaulicht auf. Grenzpolizei. So viel Polnisch verstehe ich, dass ich das auf dem Jeep lesen kann. Zwei uniformierte Beamte steigen aus. Ihr Englisch ist nicht sonderlich gut, aber der kategorische Satz „No photos!“ lässt keine Fragen offen. Wir packen wieder zusammen und fahren weiter, die Polizisten hinter uns her. Auf dem Rückweg werden wir ja noch einmal hier vorbeikommen …

Aber nun wollen wir erst einmal direkt zum Grenzübergang. Parallel zur Autobahn, führt eine weitere kleine Straße zu einem Parkplatz, dort könnten wir das Auto abstellen. Aber auch diese Kreuzung wird von einem Polizisten bewacht. Doch wir sehen, dass er Autos durchlässt. Fragen kostet ja nichts. „How can I help you?“, fragt er in freundlichstem Ton und wir bringen unser Anliegen vor. „No problem! Just go ahead!“ Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. Was zunächst allerdings wie ein Autohof aussah, entpuppt sich als – ja was eigentlich? Ein Gebrauchtwagenhändler? Ein Autoknast? Ein Schrottplatz? Wir sehen deutsche Nummerschilder hinter dem Maschendrahtzaun. Es mag angesichts der allgemeinen Situation nebensächlich sein, aber ich gebe zu: Ich wollte mein Auto hier nur sehr ungern stehen lassen. Ich hänge an meinem „Dicken“! Wir wagen es trotzdem, lassen ihn am Straßenrand zurück und gehen zu Fuß weiter, dorthin, wo wir schon von weitem Zeltspitzen und Fahnen erblickt hatten.

Auf dem Weg begegnen wir einem Mann und einem etwa acht Jahre alten Jungen. Der Junge weint bitterlich. Der Vater versucht ihn zu trösten. Wir fühlen uns wie Voyeure. Wir gehen weiter und unser Gefühl verstärkt sich. Menschentrauben sammeln sich um die Zelte. Sie haben Koffer dabei, manche telefonieren, andere stärken sich an den Essensständen und den bereit gestellten Getränken. Wir müssen uns keine Gedanken mehr machen. Uns beachtet niemand. Alle sind mit sich selbst beschäftigt. Was machen diese Menschen nun? Wie geht es weiter für sie? Immer stärker wird uns bewusst, wie hoffnungslos ihre aktuelle Lage ist und was das für sie bedeuten muss, nun nur mit einem Koffer vor der Ungewissheit zu stehen und dann für ihre Kinder Antworten parat haben zu müssen. Ehrlich gesagt, kann ich es kaum ertragen. Wir sehen Busse mit ukrainischen Kennzeichen, die an uns vorbeifahren. Hinter den Scheiben sieht man Menschen mit leeren Blicken, die die Szenen draußen gar nicht mehr wahrzunehmen scheinen. Was haben sie gesehen auf ihrer Fahrt aus ihrer Heimat heraus?

Thomas und ich packen schließlich unsere Sachen und gehen zum Wagen zurück. Wir sagen erstmal nichts mehr. Das war ein sehr sehr anstrengender Tag. Und ich schäme mich sofort für diesen Gedanken. Denn was habe ich schon auszustehen? Diese Menschen brauchen Hilfe. Die Flüchtlinge benötigen Geld, um sich wieder ein Leben aufbauen zu können. Ihre Helfer ebenfalls, um sie bis dahin unterstützen zu können.

Wie dringend das alles ist, wird in dem Gespräch mit Ilona deutlich, die sich ebenso wie ihre Freunde von der Regierung im Stich gelassen fühlt. Ja, sie bekommen finanzielle Entschädigungen für ihre Aufwendungen. Aber erst, wenn die Flüchtlinge weiterziehen. Wann können sie das tun? Und bis dahin müssen sie essen, etwas zum Anziehen haben, schlafen, duschen usw. Wie soll ein Drei-Personen-Haushalt plötzlich noch elf weitere Menschen mitversorgen?

Ilona und ihrem Mann geht es finanziell gut. Aber das übersteigt auch ihre Kräfte. Das ist zum Glück vielen Menschen bewusst. Durch ihre berufliche Tätigkeit, die sie auf der ganzen Welt hat herumkommen lassen, hat Ilona überall Freunde, die sie nur einmal um Hilfe bitten musste und schon hatte sie mehr als genug. Aber diese Solidarität braucht es gerade auch. Denn wie Ilona schon sagt: „Wer weiß, was noch passiert?“ Wir in Deutschland haben es schon erlebt, was es heißt auf der Flucht zu sein. Ich nicht mehr. Aber viele Menschen in Deutschland haben den Zweiten Weltkrieg noch erlebt. In so einer Situation würde ich mir jedenfalls dringend jemanden wie Ilona wünschen, der sein Herz und seine Tür öffnet. Und wenn wir zu weit weg sind, um unmittelbare Hilfe leisten zu können, können wir es wenigstens auf anderem Wege tun.

Ausblick

Was genau eigentlich mit Spenden aus Deutschland usw. passiert, das wollen wir morgen in Erfahrung bringen. Dann sind wir in Lesna Wola verabredet, einem Reitstall, der kurzfristig sozusagen zur Organisationszentrale für die evakuierten Pferde aus der Ukraine umfunktioniert wurde.

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