Turniersport – ohne Zuschauer keine Zukunft

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Der Pferdesport kann auf die Dauer ohne Zuschauer nicht leben, allenfalls mal Corona-bedingt ein Jahr kürzer treten. Elitäre Topveranstaltungen oder Profiturniere zwecks Pferdevermarktung ersetzen nicht, was die Publikumsmagneten unter den Turnieren leisten: Der Öffentlichkeit zu zeigen, wie faszinierend und einmalig der Sport mit Pferden ist.

Gehören Sie auch zu den Leuten, die nur den Statistiken glauben, die sie selbst gefälscht haben? So pessimistisch muss man nicht sein, aber dass aus Statistiken alles mögliche herauszulesen ist, auch einander widersprechende Schlüsse, ist ja nicht neu.

Seit Anfang Oktober liegt der komplette Jahresbericht der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) vor, stattliche 150 Seiten dick, mit einer Menge Statistiken, von denen ich trotz professionell-journalistischer Skepsis annehme, dass sie weitgehend stimmen. Der späte Termin der Herausgabe – ein Dreivierteljahr nach dem Zeitraum, den der Bericht beleuchtet – sei, so Generalsekretär Soenke Lauterbach im Vorwort, der Corona-Pandemie geschuldet, die die FN-Zentrale in Warendorf auf Trab gehalten habe.

Die Bemühungen des Reiterverbandes bei allen möglichen Ämtern haben sich gelohnt. Reiter und Pferdehalter konnten ihre Vierbeiner bekanntlich weiter versorgen und bewegen. Das werden wir sicherlich alles im Jahresbericht 2020 lesen, der dann vielleicht auch nicht erst im Herbst kommt. Und verglichen mit den Zahlen, die uns dann erwarten, nimmt sich die Bilanz 2019 womöglich aus wie Sphärenklänge aus guter alter Zeit, bevor sich die Pandemie wie ein Netz aus Blei über das öffentliche Leben legte, natürlich auch über unseren Reitsport, wie wir ihn kennen. Und es ist ja noch nicht vorbei, nach der Sommersaison droht auch die Hallensaison zum Corona-Opfer zu werden, wie täglich neue Absagen von Weltcup-Turnieren und anderen Veranstaltungen befürchten lassen.

Probleme, die es nicht erst seit Corona gibt

Bereits die Zahlen des Jahres 2019 zum Pferdesport sind ernüchternd – weniger Reitvereine, weniger Vereinsmitglieder, weniger Turniere, demzufolge weniger Prüfungen und weniger Starts. Die Zahlen einer aufstrebenden Sportart sehen anders aus.

Übrigens gibt es auch weiterhin immer weniger Männer, absolut und prozentual. Insgesamt stehen in den Reitvereinen 143.675 Männern mehr als dreimal so viele Frauen gegenüber: 538.705. In der Altersgruppe bis 26 Jahre stellen Jungen und Männer nicht mal mehr zehn Prozent der Mitglieder.

In der Turnierlandschaft sind es vor allem die mittleren Turniere mit Preisgeld zwischen 5000 und 10.000 Euro, die vom Schwund betroffen sind. Das klassische Vereinsturnier, das einmal im Jahr von allen Mitgliedern gemeinsam auf die Beine gestellt wird, stirbt aus. Nur noch ein Drittel aller Vereine veranstaltet laut FN-Bericht überhaupt ein Turnier.

Das hat viele Gründe. Einer ist das Verschwinden engagierter Ehrenamtler, ein Problem das nicht nur der Reitsport hat, nicht nur der Sport insgesamt, sondern unsere ganze Gesellschaft. Das andere ist das Problem für solche Turniere, Sponsoren und Mäzene zu finden. Auch hier wirkt Covid 19 als Brandbeschleuniger.

Zukunft Turniersportzentrum?

So etwas wie Gewinner der Krise sind große Turniersportzentren, Reitanlagen, deren Betreiber häufige Turniere als Geschäftsmodell erkannt haben. Der FN-Bericht spricht von „Turnierfabriken“, was nicht besonders freundlich klingt.

Solche Zentren gibt es schon lange in den USA, aber auch in Europa, genannt sei hier die Sunshine-Tour in Spanien, aber auch in Österreich, Belgien und in den Niederlanden locken solche Turnierzentren. In Deutschland entstehen sie an mehreren Orten, wie Riesenbeck International in Westfalen, wo in drei Wochen die Deutschen Meisterschaften Springen ausgetragen werden.

Diese Zentren bieten in erster Linie den Profis eine Bühne für ihre jungen verkaufsfertigen Pferde, die sie nicht nur vor Ort, sondern vor allem per Video in aller Welt präsentieren. „Scouts“ können hier nach Pferden für ihre Kundschaft Ausschau halten. Nur gelegentlich, wie in Riesenbeck, Ausrichter zweier Deutscher Jugendmeisterschaften, kommen auch Nachwuchsreiter zum Zuge. Gemeinsam ist all diesen Zentren, dass zahlende Zuschauer nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Turniere ohne Zuschauer – das wäre ein düsteres Zukunftsszenario. Denn das Bild unseres Sports in der öffentlichen Wahrnehmung prägen nicht Profi-Turniere mit ein paar Insidern an der Bande, auch nicht elitäre hoch dotierte Luxusveranstaltungen à la Global Champions Tour, die sich im Fernsehen kaum mehr jemand ansieht, wenn sie am anderen Ende der Welt stattfinden.

Die beste Werbung für den Sport sind volle Stadien wie in Hamburg oder Aachen, wo sich an den Haupttagen zigtausend Zuschauer drängeln, nicht nur den Pferden zugucken, sondern an den zahllosen Ständen so etwas wie ein Volksfest feiern. Oder volle Hallen wie in Leipzig, Stuttgart oder Neumünster, wo man kein Bein mehr auf die Erde kriegt.

Hier sind nicht nur Reiter oder Reitereltern zu Gast, sondern auch die vielen Menschen, die gerne reiten würden, die Freude am Pferd haben und in einschlägigen Untersuchungen so gerne zitiert werden. Gerade die Schaufenster unseres Sports, die ihn vor Ort oder über die Medien einer breiten Menge sichtbar machen, sind von einer Pandemie wie Corona  bedroht – und sie sind doch durch nichts zu ersetzen.


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