Ukraine: Reiter helfen Reitern, je schneller, desto besser

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Die Not der Pferde in der Ukraine wächst mit jedem Kriegstag. Hilfsgüter werden aus ganz Europa Richtung Osten gefahren, ob sie immer dort ankommen, wo sie am dringendsten benötigt werden, ist nicht sicher. Privatleute wie Benedicte Fischer versuchen, denen zu helfen, die abseits der großen Hilfsrouten liegen. Tatsache ist: Es werden noch viele Kraftfutter- und Geldspenden benötigt in den kommenden Wochen und Monaten. Dreimal soviel, vermutet der Weltreiterverband FEI.

Seit gestern Nacht hageln die Raketen der russischen Großoffensive wieder verstärkt auf die Ukraine nieder, alle Befürchtungen, dass die vergangenen ruhigeren Tage nur eine Atempause vor Putins großem Schlag waren, haben sich bewahrheitet, die Hoffnungen auf ein baldiges Ende des Krieges schwinden mit jedem neuen Tag. Von den Schicksalen der Menschen hören, sehen und lesen wir stündlich, von den Leiden der Tiere seltener. Wie schon in so vielen Kriegen im Laufe der Jahrhunderte müssen die Pferde das Schicksal der Menschen teilen, sind den Bomben und Granaten ausgeliefert wie sie, auch wenn sie schon lange nicht mehr als Kriegswaffe taugen.

Gesucht: ein sicheres Plätzchen im Landinneren

Fast jede zweite Flüchtlingsfamilie hat ihren Hund, ihre Katze, ihren Kanarienvogel dabei, wenn sie an der polnischen oder rumänische Grenze oder auf dem Berliner Hauptbahnhof ankommt. Aber ein Pferd kann man nicht so einfach mitnehmen. Rund 100.000 Pferde werden in der Ukraine gehalten und es ist ziemlich einleuchtend, dass man sie nicht alle einfach verladen und in den sicheren Westen bringen kann. Viele Reiter und Pferdebesitzer wollen das auch gar nicht, alles was sie suchen, ist ein sicheres Plätzchen im Inneren des Landes, wobei kein Mensch weiß, wie lange es in der Ukraine noch sichere Plätzchen für Menschen und Pferde geben wird.

Einige wenige, meist Sportpferde, fanden bisher den Weg in die EU, die meisten Pferde gehören Freizeitreitern, die sich den Unterhalt vom Gehalt absparen müssen. Die wenigsten haben die Papiere, der für jeden Transport gen Westen notwendig sind. Die Ukraine gilt als Drittland und es herrschen strenge Einfuhrbestimmungen für Pferde, nicht ohne Grund. Das Land ist nicht seuchenfrei, das heißt, es tritt immer mal wieder die gefürchtete Infektiöse Anämie auf, eine meldepflichtige Seuche, bei deren Nachweis infizierte Pferde auch ohne Symptome sofort getötet werden müssen. Und längst nicht alle Pferde sind nach internationalem Standard geimpft, also vor allem gegen Influenza und Herpes.

„Eigene Bestände nicht gefährden“

Neben Pferdepass und Mikrochip ist auch ein aktuelles Veterinärzeugnis vorzuweisen, schwierig zu beschaffen und teuer, wie auch der gefährliche Transport mit LKW oder Pferdeanhänger zur polnischen und rumänischen Grenze. Mindestens 850 Euro werden dafür fällig, außerdem müssen die Pferde ihrem Schätzwert entsprechend verzollt werden.

Einige hundert Pferde sind schon ohne offizielle Papiere in die EU oder nach Skandinavien eingereist, über kleine Seitenstraßen dorthin gebracht worden, wo die Grenzen nicht bewacht sind. Sie stehen jetzt in Gastställen, auch in Deutschland. Ihr Gesundheitsstatus ist nicht überprüft, was auch hilfsbereiten Pferdeleuten Bauchschmerzen verursacht. „Wir dürfen ja auch unsere eigenen Pferdebestände nicht gefährden“, sagt Benedicte Fischer.

Die 48-Jährige führt den Reiterhof Alling westlich von München und steht mit Reitern in Kiew, Charkiw und Odessa in Verbindung. Sie hat ein eigenes Netzwerk auf die Beine gestellt („Reitern helfen Reitern“). Ihre Facebook-Gruppe „Reiter helfen Reitern 🇺🇦hat mehr als tausend Mitglieder und versucht denen zu helfen, die von den großen Organisationen vergessen werden. So hat die Tierklinik Rüdiger Brems beispielsweise bereits einen Pferdehänger gespendet, zwei andere Tierärzte haben Ultraschallgeräte an „Reiter helfen Reitern“ gespendet.

Verzweifelte E-Mails

„Ich bekomme täglich E-Mails von verzweifelten Reitern und Pferdebesitzern aus der Ukraine, dass bei ihnen nichts ankommt von den Futterspenden, dass der Reiterverband auf keine noch so flehentliche Bitte reagiert“, sagt sie. Die Hilfsgüter, die von den großen Organisationen, etwa der Ukrainischen FN (helpukrainehorses.eu) gesammelt würden, kämen vielleicht in einigen große Ställen an, aber viele kleine und mittelständige Stallbetreiber und Pferdebesitzer gingen leer aus. Neben Kraftfutter, das in der Ukraine so gut wie nicht mehr zu bekommen ist, sammelt Fischer vor allem Geld für Einstreu und Raufutter. Denn Heu und Stroh gebe es noch genug, sagt sie, aber natürlich seien die Preise gestiegen, und das Einkommen vieler Stallbetreiber sei weggebrochen, weil viele Pferdebesitzer geflohen sind und nicht mehr bezahlen. Den offiziellen Verteilungswegen vertraut Benedicte Fischer nicht. Vieles was in den Sammelstellen nahe Lemberg gelagert werde, versickere in dunklen Kanälen und werde auf dem Schwarzmarkt verkauft, vermutet sie. Das Wort Korruption macht die Runde. Sie selbst hat Kontakt zu einem Vertrauensmann, der ihr für jeden Einkauf von Heu, Heulage und Stroh eine Quittung schickt, so hofft sie auf Sicherheit vor dunklen Geschäften. Wie lange wenigstens Raufutter noch im vom Krieg heimgesuchten Land besorgt werden kann, ist allerdings ungewiss. Da die russischen Aggressoren zunehmend landwirtschaftliche Geräte vernichten, ist auch die Aussaat und Ernte des Getreides in Gefahr, mit voraussichtlich verheerenden Folgen für Menschen und Tiere.

FEI will Pferden im Land helfen

Die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) hat eine Million Schweizer Franken für die Versorgung der Ukraine-Pferde zur Verfügung gestellt, die vor allem der Versorgung der Pferde im Lande zugute kommen sollen. „Es ist nicht unser Ziel, Pferde aus dem Land herauszuholen“, sagte FEI-Generalsekretärin Sabrina Ibañez am Rande des Weltcupfinales in Leipzig. Eine FEI-Taskforce hilft bei der Verteilung der Spenden. Ein FEI-Mitarbeiter sei, so Ibañez, abgestellt, mögliche Korruption zu bekämpfen. Über den Hilfsfond des ukrainischen Reiterverbandes sind innerhalb der ersten vier Kriegswochen 357 Tonnen an Futter, Heu und Einstreu zusammengekommen, 150 Tonnen wurden an einen Sammelpunkt in der Ukraine in der Nähe von Lemberg weitergeleitet. Aber der Weltreiterverband erwartet, dass in den kommenden Monaten noch dreimal so viele Hilfsgüter benötigt werden. Inzwischen gibt es eine elektronische Warteschlange, in die Besitzer ihre Pferde einreihen können, um sie zu evakuieren, vor allem in sichere Gebiete innerhalb der Ukraine. Die Ausreise in den Goldenen Westen wird den meisten Pferden versperrt bleiben, da die EU ihre veterinärpolizeilichen Regeln nicht lockert. Und viele Pferdebesitzer trotz allem ihre Zukunft im eigenen Land sehen.

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