Von Golfhotels mit Gruselfaktor, Depressionen, Ehrfurcht und einem CIC3*-Event mit persönlicher SG-Beteiligung

Tag zwei unserer Normandie-Tour. Die Nacht haben wir in Deauville verbracht, der Stadt, die sich rühmt, was die Pferdebesessenheit angeht,Mehr …

Tag zwei unserer Normandie-Tour. Die Nacht haben wir in Deauville verbracht, der Stadt, die sich rühmt, was die Pferdebesessenheit angeht, das Lexington der Normandie zu sein (siehe Blog 1). Allerdings wird hier auch Golf gespielt. Eine der Nobelherbergen für die Golfer hat heute Nacht Bekanntschaft mit einem Haufen Pferdesportjournalisten geschlossen. Doch wir nehmen mal an, dass die aus Hufeisen geschmiedeten Pferde in der Lobby mehr ein Zugeständnis an die pferdefreundliche Stadt sind als an uns. Das Hotel selbst hätte in den 1970ern gut als James Bond-Kulisse herhalten können – fünf Meter hohe Decken mit gemusterten Strukturtapeten, roter Teppich, Kristalllüster. Von außen erinnert es eher an die Herberge, in der Jack Nicholson in Stephen Kings Shining sein Unwesen trieb. Zumindest mit dem Gruselfaktor liege ich gar nicht so falsch, wie ich im Gespräch mit dem Hotelchef erfahre. Denn in den Kellergewölben des Gebäudes, das im Zweiten Weltkrieg ein Krankenhaus war, hat man an die Wand gekritzelte Botschaften von deutschen Soldaten gefunden. Gut, dass ich das erst erfahren habe, als wir bereits ausgecheckt haben. Aber er hat ja auch nicht gesagt, was da stand. Vielleicht war es auch nur ein Bushaltestellen-taugliches Ich war hier, oder so. Egal.

Wir besuchen nun das älteste Nationalgestüt Frankreichs, das Haras du Pin. Da stehen zwar noch Hengste, aber mehr zur Zierde. Zumindest in den letzten Jahren haben die keine Stute mehr gesehen. Im kommenden Jahr soll eine Kooperation mit den zahlreichen privaten Hengsthaltern der Normandie das Deckgeschäft wieder aufleben lassen. Besonders beeindruckend finde ich persönlich die Percherons. Wenn sie vor einem stehen, ist ihr Kopf so lang wie mein Oberkörper. Dabei sind sie aber ausgesprochen gutmütig. Um nicht zu sagen in sich gekehrt, wie sie da so ziemlich teilnahmslos in ihren Boxen an die Wand starren. Was nicht gerade ein Zeichen für seelisches Gleichgewicht ist, wie ich seit meiner Recherche über Depressionen weiß (siehe St.GEORG 8/2013)

Von all den Pferden, die im Haras du Pin gewirkt haben, wurde nur eines dort begraben, eines, das die deutsche Pferdezucht maßgeblich beeinflusst hat: Furioso xx, Vater von Furioso II und damit unter anderem adeliger Ahnherr von Florestan (einen solchen gab es hier auch mal, allerdings hat es sich dabei um einen Traber gehandelt) und For Pleasure. Da wird man irgendwie ehrfürchtig, wenn man an solch einem Grab steht. Naja, ich zumindest. Die anderen interessiert mehr, was es zum Mittag gibt. Ich meine, ich habe jetzt nicht gerade an dem Grab gebetet, aber ich muss mich doch beeilen, um den Rest einzuholen, die schon wieder Richtung Bus und damit Richtung Drei-Gänge-Menü unterwegs sind (einem von zweien pro Tag. Ehrlich, ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde. Aber ich bin dankbar, wenn ich zuhause mal fünf Stunden ohne Essen auskommen darf ).

Das nehmen wir heute zusammen mit den Buschreitern im Turnierdorf an der Vielseitigkeitsstrecke des Haras du Pin ein. Einem historischen Ort in spe, denn 2014 wird hier die Geländeprüfung der Weltreiterspiele stattfinden. Heute steht ein Drei-Sterne-Event auf dem Programm mit prominenter Beteiligung von Mark Todd auf seiner Olympiahoffnung, dem von St.GEORG-Herausgeberin gezogenen Holsteiner Leonidas. Bis der dran ist, haben wir noch Zeit. Ich versuche dem Kellner klarzumachen, dass ich gerne ein vegetarisches Hauptgericht hätte. Er: Du kannst Hühnchen haben. Ich: Ähh, ich hätte gerne was fleischloses. Er: Ja, sage ich doch! Hühnchen! Ich gebe mich geschlagen, und esse nur das Kartoffelgratin.

Die Geländestrecke ist anspruchsvoll, gebirgig, kurvenreich und mit drei Wasserkomplexen. Ein französisches Pferd ist am letzten Sprung erschöpft. Es stürzt und bleibt erst mal liegen. Die Prüfung wird unterbrochen. Nach gefühlten 15 Minuten bangen Wartens gelingt es den Helfern, das Pferd wieder auf die Beine zu bringen. Wie wir später erfahren, hat es nur einen Schock erlitten. Abends steht es unverletzt im Stall und frisst. Wir machen uns auf, die Strecke abzugehen gemeinsam mit den üblichen Buschfanatikern und ihren Hunden. Wären die Hügel nicht da, hätte man den Eindruck, man sei in Luhmühlen.

Der nächste Starter ist Mark Todd. Wir postieren uns an einem der Wasserkomplexe mit zwei schmalen Hecken darin. Der bis dato führende Reiter muss hier die Hand heben. Sein Pferd sieht so gar nicht ein, weshalb man die lästigen Dinger überspringen soll, wenn man doch auch drum herum laufen kann. Damit ist der Weg frei für Toddi und Leonidas. Doch dann hören wir über den Lautsprecher, dass die beiden sich am siebten Hindernis nicht einig waren, ob es links oder rechts herum gehen sollte. Eine Verweigerung ist die Folge. Dafür überwinden sie den Rest auch die tückischen Hecken strafpunktfrei. Grund zur Freude hat aus deutscher Sicht das Abschneiden von Kai-Steffen Meier und seiner Trakehner Rennmaschine Karascada gegeben. Nach üblich mäßiger Dressur und Springen arbeiteten sie sich mit einer blitzschnellen fehlerfreien Geländerunde auf den dritten Platz insgesamt vor. Hoffentlich haben sie unterwegs ein bisschen glückbringenden Feenstaub für die deutschen Reiter im nächsten Jahr ausgestreut!