Von Rosstäuschern und ihren Tricks

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Der Pferdehandel ist ein weites Feld, nicht erst seit heute. Täuschungsmanöver gehörten seit jeher zum Handwerk. Und der Ahnungslose ist der Dumme. Stöbern in alten Schriften bringt zu dem Thema einiges zutage.

Die Zeiten bringen es mit sich, dass man endlich dazu kommt, aufzuräumen, zum Beispiel das Bücherregal. Dabei fiel mir letzte Woche ein kleines rotes Bändchen mit dem Titel „Pferdehändler und ihre Geheimnisse“ in die Hand, erschienen 1926 und geschrieben von einem gewissen Fritz Bittner, der sich offenbar auskannte im Metier. Pferdehändler galten im ersten Drittel des 20. Jahrhundert weitgehend als undurchsichtige Gestalten, vor denen man sich am besten in Acht nahm, vor allem wenn man wenig von Pferden verstand.

Der „Rosstäuscher“ hat nicht von ungefähr Eingang in unsre Alltagssprache gefunden. In diesem Punkt hat sich nicht viel geändert. Der Ahnungslose ist auch heute noch Freiwild in bestimmten Kreisen, sozusagen, die Kuh, die nur allzu gerne gemolken wird, von allen Handaufhaltern zwischen dem Pferd und seinem neuen Besitzer, und das können ganz schön viele sein.

Tricks & Kniffe

Herr Bittner kannte alle Tricks und Kniffe, sein nicht immer guter Rat gilt den Händlern, aber auch den Käufern, denen er seine „Geheimnisse“ verrät, die ja in dem Moment keine mehr sind, in dem sie auf Papier gedruckt werden.

Etliche sind den „Verschönerungskünsten“ gewidmet, die ein Pferd wertvoller machen, ohne dass es dadurch einen Deut besser, aber viele Euros teurer wird. Das kennt jeder, der in einem Profistall schon mal ein Pferd angeguckt hat: eingeflochtene Mähne, viermal weiß bandagiert, das Fell glänzend wie Seide. Da fällt schon gar nicht mehr auf, dass der rechte Vorderhuf verstellt oder der Rücken reichlich tief ist. Andere empfohlene Manipulationen sind heute zum Glück verboten: das Ausscheren der Ohren etwa, von dem sich der Autor verspricht, dass das „Gehör verfeinert“ wird und „die Schallwellen einen freieren Zugang zum Ohr erhalten“.

Genau beschreibt er das „Pfeffern“: Um beim Freilaufen imposante Bewegungen vorzutäuschen, sollte der „Koppelknecht“ beim Abziehen der Decke „nach Taschenspielerweise“ rasch ein paar Pfefferkörner in den After schieben, die dafür sorgen sollten, dass das Pferd mit hochgerecktem Schweif durch die Bahn steppt. Wenn man Pech hatte, geht der Schuss allerdings nach hinten los, mit eingeklemmtem Schweif und steifen Bewegungen versucht das Pferd dem unangenehmen Reiz zu entgehen.

Der erste Eindruck zählt

Zu Zeiten, in denen viele Pferde noch in Ständern angebunden waren, was ja heute bekanntlich verboten ist, begann die Verkaufsoptimierung schon im Stall. „Die Pferde müssen im Stall höher stehen, als der Beschauer, und der Stall muss so gebaut sein, dass die Pferde vorne höher stehen als hinten“. Dass die meisten Käufer eher große als kleine Pferde suchen, war schon damals so. Betritt ein Kunde den Stall, soll das Personal mit Peitschengeknatter dafür sorgen, dass die Pferde aufgemischt und hochaufgerichtet den Besucher begrüßen. Unarten, wie Koppen oder Weben werden dann mal eben vergessen.

Das Pferd, das vorne in erster Reihe steht, sollte ein „Blender“ sein, ein schönes, imposantes Pferd, dessen übrige Qualitäten unwichtig sind. „Es ist nur ein Schau- und Prachtstück, das im ruhigen Zustand die Käufer wie eine geschmackvolle Warenauslage blenden und anziehen soll.“

„Kleider machen Leute“ – das gilt auch für die Ausrüstung. Soll ein Pferd einen arabischen Touch bekommen, bietet sich orientalischer Sattel und Zaumzeug an mit großer Schabracke, die nicht perfekte Partien kaschiert. Kommt ein älterer Herr zum Probereiten, bekommt er einen Sattel, in dem er bombenfest sitze und glaubt, er reitet auf Wolken.

Ein Künstler im Tarnen und Täuschen muss der Vorreiter sein, nicht zu verwechseln mit dem Ausbilder des Pferdes. Er „hat die schwierige Aufgabe zu lösen, auch das roheste und widerspenstigste, menschenscheueste und böseste Pferd so zu zeigen, als wäre es ein tätiges, frommes, an die Menschen gewöhntes und abgerichtetes Pferd“. Kurz, die Kunst ist, es Mängel eines Pferdes beim Vorreiten nicht bemerkbar zu machen, und auch die ist ja bis heute hochgefragt. Dagegen schützt nach Ansicht des Autors nur, selber reiten oder einen guten Reiter mitbringen.

Ach ja und dann darf der Kunde nie allein gelassen werden mit dem mitgebrachten Berater. Wenn ein Pferd vorgeritten wird, sollte ihm ein Mitglied des Stalles ständig zur Seite stehen, um unerwünschte Diskussionen über das Pferd geschickt in die richtige Richtung zu lenken. „Der Händler als Menschenkenner“ heißt folglich ein ganzes Kapitel.

Damals wie heute?

Interessant und durchaus aktuell sind auch die Ansichten des Autors über den Tauschhandel, also das bekannte „In-Zahlung-Nehmen“ eines Pferdes. Als erste muss der Händler herausfinden, ob der Kunde ein Pferd in Zahlung geben will, damit er seinen Preis von vornherein entsprechend höher ansetzen kann. Denn am Ende, so die realistische Folgerung, zahlt der Käufer immer drauf, entweder indem er für dasselbe Geld ein weniger wertvolles Pferd eintauscht oder noch mal was oben drauflegt.

Das alles war vor fast hundert Jahren so, in einer Zeit, als zigtausende Pferde täglich über große und kleine Handelsställe neue Besitzer fanden, eine Zeit, in der es noch keine akribischen TÜVs gab, keine Chips, keine Pferdepässe, keine Erfolgsstatistiken und kein Kaufrecht, das den Käufer schützen soll, aber dem Verkäufer teils unzumutbare Haftungsbedingungen auferlegt. Die geschilderten Methoden mögen von gestern sein, aber das heißt nicht, dass alle üblen Tricks ausgestorben sind. Einige sind nur raffinierter geworden. Und natürlich gibt es Händler, die sich ihrer nicht bedienen, weil nichts so schnell den Bach runter ist wie ein guter Ruf. Genau wie vor hundert Jahren.


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