Vorstandswahlen Holsteiner Verband: Dallas und Denver in Dithmarschen

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Es rumort mal wieder im Land zwischen den Meeren. Am 31. März wählen die 107 Delegierten der 13 Körbezirke des Holsteiner Verbandes einen neuen Vorstand, voraussichtlich per Digital-Abstimmung. Peinliche Pannen sorgten bereits im Vorfeld für Aufregung.

Gesucht werden für den Holsteiner Verband fünf Leute, die ihn in schwierigen Zeiten nicht nur an allen Klippen vorbei steuern, sondern auch die Segel setzen für die Zukunft eines renommierten, aber kleinen Pferdezuchtverbandes, der zwischen Großinvestoren und weltweiter Konkurrenz zerrieben zu werden droht. Gesucht wird nämlich nichts weniger als die eierlegende Wollmilchsau. Und die muss auch noch laut wiehern können.

Gesucht wird ein Mensch mit dem gewissen Stallgeruch des Holsteiner Züchters, dem die Namen der Uralt-Helden – ich sage nur Hannibal 944 und Ethelbert 1197 – so geläufig sind, wie die von den Stars der Neuzeit, von Mumbai bis Million Dollar. Der mit Cor de la Bryère, Landgraf, Contender, Cassini I und Corrado aufgewachsen ist und sich selbstverständlich auch in der Liste der erfolgreichen Sportpferdezüchter wiederfindet. Dessen Stuten kleine Stammnummern haben, höchstens dreistellig, gerne auch zweistellig. 18 A wäre schon mal eine gute Empfehlung. Jemand, der morgens mit dem Trecker über die Weiden tuckert, um nach dem Rechten zu sehen, und sich ab Mittag dann um Vermarktungsstrategien, Finanzaktionen des Holsteiner Verbandes und um die Wiederbelebung der Elmshorner Verbandsanlage kümmert. Jemand, der vor jedem Handel mit eigenen Pferden, auf der Holsteiner Website die Regeln für „Good Governance“ inhaliert hat. Dort steht, wie es mit Provisionen und eigenen Pferdegeschäften zu gehen hat. Jemand, der sich nichts Schöneres vorstellen kann, als am Wochenende bei Turnieren oder Stutenschauen mit den Züchterkollegen einen Schnack beim Bierchen zu halten und das alles natürlich ehrenamtlich, also ohne Bezahlung. So etwas wächst nicht mal auf den fruchtbaren Weiden des Marschlandes.

The one and only?

Wie es aussieht, wird sich am 31. März nur ein Kandidat zu Wahl stellen: der Zahnarzt Hinrich Romeike, zweifacher Olympiasieger in Hongkong, bekannt im Lande durch seine Erfolge mit Marius, als Züchter ein eher unbeschriebenes Blatt, wortgewandt und meist guter Laune, aber mit seinen 57 Jahren auch noch voll im Beruf. Er nehme Montagmorgen den Bohrer in die Hand und lege ihn erst Freitagabend wieder weg, wird er zitiert. Gleichwohl, „Hinni wird uns gut repräsentieren“, finden viele Züchter. Wenn er denn Zeit hat.

Der zweite Bewerber um den Vorsitz schaffte es gar nicht bis zur Wahl in die Delegiertenversammlung: Manfred Kummetz, Betriebswirt und Kaufmann, früher Vorstandsmitglied des Unternehmens Bauhaus, der in der Nähe von Lübeck das Gestüt Kriseby mit 80 Pferden unterhält, alles Nachkommen zweier Caletto II-Töchter, die er einst als Fohlen von Lothar Völz erwarb. Er kann mit beachtlichen Zuchterfolgen aufwarten, unter anderem mit 70 Pferden, die erfolgreich in Klasse S bis hin zu Olympischen Spielen und Global Champions Tour gehen. Inzwischen ist er 72 Jahre alt, hat viel Zeit, die Erfahrung eines erfolgreichen Geschäftsmannes und auch Lust auf ein Vorstandsamt. Genauer auf den Posten des Vorsitzenden, alles andere interessiere ihn nicht, sagt er. „Ich will führen“, erklärt er klipp und klar. Klingt nicht nach Teamplayer. Die Sache hat sich bereits insofern erledigt, als er in keinem Körbezirk die für einen Kandidaten erforderlichen 50 Prozent der abgegebenen Stimmen erhielt. In Dithmarschen fehlten ihm drei Stimmen, in seinem eigenen Körbezirk Storman-Lauenburg bekam er 33 Prozent. Das lag auch daran, dass kaum ein Züchter ihn kennt, obwohl er schon 40 Jahre dabei ist. „Er ist kein Mann des Volkes“, sagt ein Insider.

Wahlpannen

Nicht nur in Storman-Lauenburg, auch in den Körbezirken Rendsburg-Eckernförde und Schleswig-Flensburg musste übrigens ein zweites Mal gewählt werden, weil die Körbezirksvorsitzenden zu früh die Stimmen ausgezählt hatten, schon um 18 Uhr, statt erst ab 24 Uhr bzw. erst wenn alle bis zur Deadline eingeworfenen Briefe und Mails vorlagen.

Noch ein Lapsus: In Stormann-Lauenburg kamen die Emails zunächst nicht an, weil der Vorsitzende Hanno Köhncke eine falsche Mailadresse angegeben hatte, mit einem „Ö“ im Namen (dass Umlaute im Internet getrennt geschrieben werden, hat sich eigentlich schon unter Sechsjährigen herumgesprochen). Am Ergebnis wird sich deswegen nichts ändern. Kummetz, verbittert und verärgert, droht, die Wahl anzufechten.

Die weiteren Kandidaten

Wenn man schon keinen Vollzeit-Vorsitzenden bekommen kann, wäre natürlich die Besetzung des übrigens Vorstands umso wichtiger. Als Stellvertreter bewirbt sich Harm Sievers. Der 57-jährige Landwirt und Betriebswirt ist Inhaber des Goldenen Reitabzeichens und Turnierveranstalter, altgedienter Funktionär in verschiedenen Ämtern, erfolgreicher Züchter und Aufzüchter, unter anderem von 30 gekörten Hengsten. Ein in der Wolle gefärbter Pferdemann, dessen Geschäft und Lebensunterhalt die Pferde sind. Das hat, vorsichtig ausgedrückt, Vor- und Nachteile.

Bereits vor einem Jahr, als noch nicht feststand, dass die Neuwahlen wegen der Corona-Pandemie um ein Jahr verschoben werden mussten, nominierte der Körbezirk Auswärtige Mitglieder, der inzwischen fast so viele Mitglieder hat wie die übrigen Körbezirke zusammen, seinen Kandidaten für den Stellvertretenden Vorsitzenden: Dr. Max Slawinski, 35, der Stiefsohn des früheren Springreiters und Hengstaufzüchters Peter Nagel-Tornau, der zwar in einer pferde-affinen Umgebung aufgewachsen ist, dem aber nach Ansicht vieler Holsteiner der „Stallgeruch“ fehlt. Er selbst verweist auf seine Erfahrungen als Führungskraft bei dem Unternehmen Infineon Technologies AG.

Gäbe es eine Frauenquote, hätte Kathrin Huesmann, die Schwester des Springreiters Carsten-Otto Nagel, ihren Platz als Stellvertreterin sicher. Sie gehört bereits dem jetzigen Interimsvorstand an, der nach dem kollektiven Rücktritt des Vorstands um den Steuerberater Thies Beuck im Jahre 2019 gewählt wurde. Die Meinungen im Lande über sie sind geteilt. Die einen werfen der 59-Jährigen ihren rigorosen Sparkurs vor, dem unter anderem der Handelsstall in Elmshorn zum Opfer fiel. Da wurde nicht nur die Verbandsanlage entvölkert, auch viele Pferde wurden unter dem Wert verkauft, den sie nach weiterer Ausbildungszeit vermutlich gehabt hätten. Andere schätzen an Huesmann ihre Durchsetzungskraft und den Mut, auch unbequeme Dinge anzupacken.

Nach heutigem Stand stehen neun Namen zu Wahl am 31. März. Ein ausgewiesener Kaufmann ist nicht darunter, das, was der Verband nach Meinung von Insidern am dringendsten braucht. „Wir müssen uns eben Fachleute ranholen“, sagt der ehemalige Vorsitzende Jan Lüneburg.

Und jemanden mit Visionen, wie man sich in der Welt der Schockemöhles, Beerbaums und Helgstrands behauptet, die jeden Hengst der Welt für jedes Geld der Welt kaufen können, wenn sie wollen. Einer, der es wissen muss, aber nicht genannt werden will, ist sich sicher: „Bei denen hängt das ganze Unternehmen an ein, zwei Personen, aber wir Holsteiner Züchter sind ganz viele, die hoffentlich am Ende zusammenhalten und den Karren in die richtige Richtung ziehen.“


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