Wasser in der Maus, Gipsbeine und noch mehr

Regen, Fußkranke, Vetcheck, alte Männer und eine Isabell Werth, die nicht tauschen möchte – der erste Blog aus Verden von der WM der Jungen Dressurpferde.

Wer dachte, dass es die Reiter der Fünfjährigen bei der Weltmeisterschaft Junger Dressurpferde schlecht hatten, weil sie von oben reichlich durchnässt wurden, der musste nur Nachrichten hören, um zu wissen: Es hätte noch schlimmer kommen können! Denn die Regenschauer, die in Verden die Reiter bis auf die Haut durchweicht ins Viereck einreiten ließen, haben in Bremen für ein Chaos im morgendlichen Berufsverkehr geführt. Überflutete Straßentunnel, vollgelaufene Autos, Wassermassen, in denen hilflose Straßenbahnen schlicht und einfach stehen blieben. Bremen ist ca. 30 Kilometer entfernt. Also, Glück gehabt.
Weniger Glück hatte Jennifer Loriston Clarke. Die Britin, die zu der im Großen und Ganzen nachvollziehbar agierenden Richtergruppe der Fünfjährigen zählt, sah beim Abreiten am Mittwoch ein tolles Pferd, lief weiter und übersah dabei eine kleine Treppenstufe: Ein komplizierter Bruch war die Folge. Sie will sich aber erst nach dem Turnier zuhause in good old England operieren lassen. Derweil sitzt sie mit ausgestrecktem, eingegipsten Bein und verfolgt das Geschehen aus dem Richterhäuschen.
Wie hart das Richterdasein ist, merkten die Juroren ebenfalls dank Petrus Launen. Wobei die Launen der für den Aufbau am Verdener Dressurstadion auch eine gewisse Rolle spielen. Die Firma wollten den Richtern nämlich eine möglichst gute Sicht auf die Ritte garantieren und hat deswegen auf Fenster im Richterhäuschen verzichtet. Bei Gegenwind kanns dann schon mal nass werden. There is water in the mouse erklärte die deutsche Richterin Angelika Frömming dann auch nach einem besonders intensiven Schauer. Und wer den wohltönenden Alt der Jurorin genau kennt, kam nicht umhin, unterschwellig ein bisschen Unbehagen zu hören. Wasser in der Maus das mag der Computer gar nicht, deswegen funktionierte die EDV-Übertragung nicht mehr und die Anzeigentafel blieb erst einmal schwarz.
Gips-Jenny ist übrigens nicht allein mit Beinproblemen. Burkhard Wahler, ehemaliger deutscher Vielseitigkeitsmeister, Hengsthalter und Pferdehändler, der dafür bekannt ist, sich nicht davor zu scheuen, auch weniger einfache Pferde zu reiten, gehrt auf Krücken. Ein Reitunfall, wieder mal. Es sieht so aus, als käme der unerschrockene Mann aus der Lüneburger Heide diesmal nicht ohne körperfremde Materialien aus, um den Schaden zu beseitigen.
Die wirklich spannenden Geschichten, und das sind nicht die üblichen Trainingseinheiten, in denen es noch mal so richtig zur Sache geht, finden übrigens immer vor Turnierbeginn bzw. genau mit dem Start der Veranstaltung statt. Stichwort Vetcheck. Beim Vortraben der Pferde ist der Gebrauch einer Gerte verboten. Eine Schwedin, die mit zwei Pferden angereist ist, wurde da leichneblass. No whip? keine Gerte? Bei dem Gedanken rutschte der Skandinavierin das Herz in die Hose, wer einer ihrer beiden Hengste gestern wiehernd und deutlich an seiner Umwelt interessiert erlebte, kann sich vorstellen, warum sie den Hormonprotz lieber nicht ohne Gerte an der Hand zeigen wollte.
Einer Italienerin hätten selbst die reglementreuesten Richter gerne heimlich einen Knüppel zugesteckt. Die Dame, die die interessante Dressurpferdeabstammung Come On-Silvio präsentierte, einen Schimmel, bei dem man sich unweigerlich fragt, was Möbelwagen auf italienisch heißt. Automobile cargo? Der gemütliche Vertreter der italienischen Warmblutzucht wollte lieber im Schritt als im Trab gehen. No whip? Sie zog und zog, der Hals des Schimmels wurde länger und länger, aber kein Trabtritt war ihm zu entlocken. Als letztendlich die Richter und vor allem das Publikum in Fischerchormanier zu schnalzen begann, machte es bei dem Schimmel klick, capito. Er trabte an, die erste Hürde war genommen.
Italiener sind Exoten, Franzosen auch. Zumindest ein graumelierter Herr namens Philippe Limousin nicht zu verwechseln mit den Rindern gleichen Namens ist sicher der älteste Teilnehmer im Feld. Das zeigt sich in einem nicht mehr ganz elastischen Sitz. Immerhin hat er noch einiges an Armkraft, was sich in der deutlichen Abstellung beim Schulterherein in der Prüfung der Sechsjährigen zeigte. Sein Pferd heißt Rockn Roll Star, Rockn Roll? Genau die Kulturerscheinung in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Da hatte Monsieur Limousin sicher seine Sturm- und Drangzeit. Und noch schwarze Haare. Jetzt ist nur noch die goldbesetzte Uniform schwarz. Denn er ist beim  Cadre Noir Chef der Dressurabteilung, quasi die graue Eminenz.
Ohne zu viel über die noch laufende Prüfung der Sechsjährigen zu schreiben, das Richten ist durchwachsen. Matthias Bouten, Bereiter bei Isabell Werth, ritt mit dem Rheinländer Lezard v. Lord Loxley eine wirklich gute Runde. Super in der Anlehnung, präzise, keine Fehler er übernahm die Führung mit einer 8,7, verdient. Doch nach ihm startete der Vorjahressieger, der KWPN-Hengst Astrix mit Emmelie Scholtens. Das Pferd ist zweifelsohne ein Hingucker, ging aber die nahezu gesamte Prüfung verworfen, in der Rittigkeitsnote bekamen beide Pferde dieselbe Note, 8,7. Aber insgesamt kam der Titelträger 2010 auf 9,16. Isabell Werth nahms mit dem ihr eigenen Humor Wir tauschen trotzdem nicht.
Auch Nadine Capellmann ist da. Sie reitet am Vormittag ihre Diamond Hit-Tochter Diamond Girl abseits vom Geschehen, auf Rasen. Nicht etwa, dass die Weltmeisterin von 2002 mit einem Disziplinwechsel in Richtung Busch liebäugelt. Es liegt am Mammutprogramm in Verden. Reitpferdeprüfungen für die Hannoveraner, Springen und die WM der jungen Dressurpferde da ist alles zeitlich exakt geplant. Und die Pferde, die im Burgpokal gehen haben ihre Trainingszeit: 21 bis 22 Uhr, na denn gute Nacht. 


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