Wenn Pferde und Reiter fremdeln

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Darf man mit einem Pferd, das man gerade mal 20 Minuten kennt, in einen olympischen Wettkampf gehen oder gefährdet schon dieser Modus das Wohl des Pferdes? Das ist die Kernfrage bei der derzeitigen Fünfkampf-Diskussion. Es gibt Modelle, wo das funktioniert – mit besseren Reitern.

Literarischer Sonntagnachmittag auf dem Lande. Die geladenen Gäste, die dem Briefwechsel zwischen Friedrich dem Großen und Voltaire lauschten, waren keine Reiter, aber durchaus an unserem schönen Pferdesport interessiert. Sie hatten fast alle die Reitwettbewerbe in Tokio verfolgt. Keiner von ihnen würde die Abschaffung des olympischen Pferdesports fordern, aber die Bilder des Fünfkampfes ließen sie nicht unbeeindruckt. Beim anschließenden Beisammensein kam mindestens 20-, eher 30-mal jemand zu mir und fragte: „Sie waren doch in Tokio, haben Sie das auch gesehen mit der Frau, die heulte und auf ihr Pferd einschlug?“

Ich hab’s gesehen, aber nur im Fernsehen, denn ich war ja beim Reiten, nicht beim Fünfkampf. Aber man kann es drehen und wenden, wie man will, für die meisten Menschen ist die Kombination Pferd-Sattel-Mensch nun mal Reiten, unter welchem Reglement auch immer.

Ich rief Theis Kaspareit an, den Leiter der FN-Abteilung Ausbildung, den Nachfolger von Christoph Hess. 1988 gewann er olympisches Mannschaftsgold in der Vielseitigkeit. Wir beide erinnerten uns an den Tag, als die Fünfkampf-Pferde, die Paul Schockemöhle den Olympiaorganisatoren verkauft hatte, einen Probeparcours unter seinen Bereitern absolvierten, völlig problemlos, und wie es beim Wettkampf dann ähnliche Szenen gab wie in Tokio. Nicht ganz so dramatisch und vor allem nicht Sekunden später auf Millionen Handys weltweit verbreitet. Soziale Medien gab es noch nicht, aber besser geritten wurde damals auch nicht. Da Problem ist also nicht neu, es lag nur noch nie so unübersehbar auf dem Tisch.

Springreiter-WM ohne Pferdewechsel

Die Kritik macht sich unter anderem an der Zulosung der Pferde fest. Darf man mit einem Pferd, das man gerade mal 20 Minuten kennt, in einen olympischen Wettkampf gehen oder gefährdet schon dieser Modus das Wohl des Pferdes?

Im Pferdesport gibt es verschiedene Modelle, in denen Reiter auf fremden Pferden antreten. Eines davon war bis 2014 der Pferdewechsel im Finale der Springreiterweltmeisterschaft. Er wurde inzwischen abgeschafft, erste Weltmeisterin unter dem neuen Modus wurde 2018 Simone Blum auf Alice.

Der Pferdewechsel war immer hochinteressant, ich kann mich an keine unschönen Bilder erinnern. Aber es waren immer Klassereiter, aktuell die vier Besten der Welt, deren Sprache die Pferde auf Anhieb verstanden und umgekehrt.

Ich erinnere mich aber auch an Aachen 2006, die Soers ein Hexenkessel, als Shutterfly von Meredith Michaels-Beerbaum völlig von der Rolle war wegen des dreifachen Umsattelns und den Fremdreiter kaum aufsitzen ließ. War der einmal oben, ging er brav wie ein Lamm, aber Meredith erzählte später, sie habe Monate gebraucht, bis der sensible Wallach das Trauma überwunden hatte.

Nicht nur deswegen wurde der Pferdewechsel abgeschafft, auch weil die gemeinsamen Leistungen von Reiter und Pferd über vier schwere Prüfungen honoriert werden und den Pferden nicht noch vier weitere Runden zugemutet werden sollten.

Auch bei Fremdreitertests, wie sie bei Hengstleistungsprüfungen, Stutentests oder beim Reitpferde-Bundeschampionat üblich sind, kennen sich Reiter und Pferd nur kurz. Aber für den Reiter, der aufgrund seiner Erfahrung und seines Könnens gebeten wurde, geht es um nichts, für das Pferd geht es um eine gute Note, wovon es ja nichts weiß.

Hochausgebildete Reiter und Pferde treten beim Dressur-Derby mit Pferdewechsel an. Das sind in der Regel tolle Ritte, und wenn die Serienwechsel oder die Piaffen nicht klappen,  dann leidet die Prozentzahl, aber nicht das Pferd. Grobes Zufassen vor Publikum leistet sich in diesem Umfeld niemand.

Studententurniere: bessere Reiter

Am ehesten mit der Situation im Fünfkampfreiten vergleichbar sind Studententurniere. Die einladende Uni muss die Pferde für die Gastmannschaften besorgen, beziehungsweise befreundete Besitzer gewinnen, die ihr Pferd zur Verfügung stellen. Dass das nicht einfach ist, weiß jeder Studentenreiter.

„Das kann man wirklich nicht in einen Topf werfen“, sagt Thies Kaspareit. „Jeder, der in dieser Community zuhause ist, weiß, dass das Wohl des Pferdes an erster Stelle steht, dass man gnädigerweise diese Pferde reiten darf und dankbar dafür ist.“ Die Besitzer sind meist dabei, es gilt das Reglement der LPO, und wenn es gar nicht klappt, wird abgebrochen. „Aber es geht ja auch nicht um Goldmedaillen“, gibt Kaspareit zu.

Und wer von seiner Uni-Reitgruppe zum Studententurnier geschickt wird, ist mindestens schon ein ordentlicher Reiter, viele sind erfolgreich im normalen Sport unterwegs. Und haben damit auch das System durchlaufen, das vor den ersten Start das Reitabzeichen 4 setzt: A-Dressur und A-Springen plus Theorie, die reiterliche Grundausstattung, bevor man sich in die Öffentlichkeit traut. Das habe die glücklose Annika Schleu nicht gehabt, so Kaspareit.

Eine Art verpflichtende Grundqualifikation wäre eine begrüßenswerte Maßnahme, wenn man die Fünfkampf-Regeln aus dem vorigen Jahrhundert renovieren will.

Fünfkampf ohne Reiten oder Olympia ohne Fünfkampf?

Wenn nicht das Reiten bim Fünfkampf ganz abgeschafft und durch etwas anderes ersetzt wird – dieser Königsweg scheint sich bei der FN durchzusetzen, auch wenn es dazu noch kein Statement gibt. Der Fünfkampfverband mit seinem hartleibigen Präsidenten Klaus Schormann steht mit dem Rücken zu Wand und ist jetzt vielleicht kompromissbereiter als noch in Tokio.

Es gibt ja Schlimmeres als Fünfkampf ohne Reiten: Gar kein olympischer Fünfkampf. Dafür brauchte nach den neuen Regeln des IOC nur der Oberolympionike Thomas Bach den Daumen zu senken. Insider vermuten, dass er längst darüber nachdenkt.

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