Wissen wir, was wir tun?

Moment mal_Gabriele Pochhammer

Gabriele Pochhammer, Herausgeberin St.GEORG (© Toffi)

Ein Begriff geistert seit einige Zeit durch den Pferdesport, hat die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) ebenso erfasst wie den Europäischen Pferdesportverband EEF und die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FEI), die sich in der kommenden Woche in einem Workshop mit dem Thema beschäftigen wird: die „Social Licence“. Zu deutsch der „Lizenz“ der Gesellschaft, Pferdesport zu betreiben, nicht nur Spitzensport, sondern ganz normalen Freizeitsport, wie es die meisten von uns tun. Brauchen wir diese Lizenz überhaupt?

Wem sind wir Reiter Rechenschaft schuldig, so lange wir unser Pferd richtig behandeln, nach unseren eigenen, aufgrund von Sachkenntnis sehr genau formulierten Grundsätzen? Auf den ersten Blick niemandem. Wir wissen, was wir tun. Und das am besten. Denken wir.

Aber ohne breite gesellschaftliche Akzeptanz kann der Pferdesport nicht in der heutigen Form überleben. Sponsoren engagieren sich, weil sie sich mit ihren Produkten im Umfeld des Pferdesports gut aufgehoben fühlen, weil sie vielleicht auch glauben, ihr soziales Prestige zu steigern, siehe das Engagement der arabischen Staaten in hochdotierten Serien, wo die Zahl der goldenen Sessel die der Zuschauerplätze übersteigt. Und nur in einer Gesellschaft, die den Pferdesport akzeptiert, sind Beträge in Millionenhöhe aus öffentlichen Töpfen zu rechtfertigen.

Die Verbesserungen für das Wohlergehen der Pferde in den letzten Jahren und Jahrzehnten sind beachtlich, und was vor zig Jahren noch als normal hingenommen wurde, erfüllt inzwischen den Tatbestand der Tierquälerei. Zum Beispiel Pferde in Ständern anzubinden, bis zu 23 Stunden am Tag. Boxenhaltung ohne täglichen Auslauf im Paddock oder auf der Weide: Erledigt sich von selbst, weil kaum ein Pferdebetrieb dafür noch Einsteller findet.

Es werden im Pferdesport die Peitschenhiebe gezählt, mit weißen Handschuhen und Tüchern an Maul und Flanken überprüft, ob nicht etwa ein Blutstropfen zu sehen ist, beides hat den Ausschluss von der Prüfung zur Folge. Die Rollkur ist verboten, Barren, Touchieren und alles, was diesen Methoden ähnelt, auch. Es werden Bandagen, Gamaschen, Gebisse kontrolliert, ob konsequent und streng genug, sei dahin gestellt. Aber keiner kann den Verbänden vorwerfen, dass sie die Augen vor Missständen verschließen. Auch wenn sie in der Praxis oft nicht mit der Entschlossenheit bekämpft werden, die man sich wünscht. Aber reicht das? Hand aufs Herz: Wie viele dieser Verbesserungen wären auch gekommen, wenn nicht Tierschützer immer wieder darauf gedrungen hätten?

Wann ist eine sportliche Leistung mit Pferden noch zu rechtfertigen, wann artet der Gebrauch eines Pferdes in Missbrauch aus? Das war das Thema der diesjährigen Konferenz der ältesten Pferdeschutzorganisation der Welt, der World Horse Welfare, gegründet 1927. Ihr Geschäftsführer Roly Owers, Tierarzt von Beruf und lange als Militärveterinär tätig, ist keiner von denen, die schon das Auflegen eines Sattels als Missbrauch des Pferdes empfinden, jeden Pferdesport ablehnen und am liebsten die Pferde nicht nur im Zoo sehen, sondern sie ganz ausrotten würden. Auch er sieht die Gefahr, dass die Diskussion über das Wohl von Pferden von Leuten übernommen wird, die jeden Gebrauch des Pferdes durch den Menschen ablehnen. Sachkenntnis wird oft durch Neid und Komplexe ersetzt: Ihr da oben (im Sattel), wir hier unten (auf dem Erdboden). Da soll es ja schon in militärischen Vorzeiten Friktionen zwischen Kavalleristen und Infanteristen gegeben haben und so mancher fühlt sich bis heute „vom hohen Ross“ herab (schlecht) behandelt, während er selbst „mit beiden Beinen fest auf dem Boden“ steht. Die Sprache verrät viel.

Nie zuvor habe es so gemischte Meinungen um Thema Pferdesport gegeben wie heute, sagt Owers, in der Öffentlichkeit, in der Pferdewelt, der Wissenschaft und selbst in seiner eigenen Wohltätigkeitsorganisation. Dafür führt er mehrere Gründe an: durch die Digitalisierung der Kommunikation ist das Bewusstsein über das Wohl von Tieren bei vielen Menschen gestiegen, die Debatte ist dank sozialer Medien und anderer Kanäle besser zu verfolgen, die Werte der Gesellschaft ändern sich: Tierwohl erhält eine höhere Priorität verbunden mit steigendem Misstrauen gegenüber dem „traditionellen“ Gebrauch von Pferden. Und dank wissenschaftlicher Erkenntnisse wissen wir heute mehr über die Bedürfnisse des Pferdes als frühere Generationen. Während die Pferdewelt auf die innige Beziehung zwischen Mensch und Pferd verweist, auf die sorgfältige Betreuung, die viele Pferde im Sport, im Spitzensport wie der Freizeitreiterei genießen, kontern die Gegner, Missbrauch des Pferdes sei nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Das geht auch Roly Owers und seiner Organisation Welfare of the Horse zu weit. „Wir glauben fest an die Vorzüge einer Partnerschaft zwischen Pferd und Mensch. Wir arbeiten für eine Welt, in der Pferde gebraucht, aber nicht missbraucht werden“, sagt er.  Träum‘ weiter, möchte man da sagen.

Es ist Zeit, den Blickwinkel zu erweitern, ohne unseren eigenen Problemen auszuweichen.  „Natürlich loten wir Grenzen aus“, sagt Dressurikone Isabell Werth zum Thema Spitzensport. Diese Grenzen werden oft überschritten, aber am wenigsten noch im Sport sondern überall da, wo Pferde noch im wahrsten Sinne des Wortes Nutztiere sind, im globalen Süden, wo die Bilder allgegenwärtig sind, von abgemagerten Pferden, Eseln und Maultieren, die viel zu schwere Karren durch die Straßen ziehen müssen, mit ungepflegten Hufen und offenen Schürfwunden durch schlecht sitzendes Geschirr. Während die FEI für diese Länder ein Ausbildungsprogramm entwickelt hat, wo Basiskenntnisse über die Haltung von Pferden vermittelt werden, kommen diese Pferde in den Attacken der militanten Tierschutzverbände selten vor. Hier klammert man sich am liebsten an große Namen, das gibt ja auch mehr Clicks als das Leid eines namenloses Wagenpferdes auf einem südländischen Markt. Ziemlich billig. Wo ist der Unterschied zwischen dem Missbrauch eines Sportpferdes und eines „Nutzpferdes“, das zum Broterwerb einer armen Familie beiträgt? Für die Pferde gibt es keinen.


  1. Heidi

    Leider sind due meisten militanten Tierschützer nur in Ländern sichtbar, wo eh schon viel für das Wohl der Pferde gemacht wird. In Ländern, wo der Missbrauch der Pferde gross ist, das Risiko für Gefängnis und schlimmeres für die militanten Tieschützer ebenfalls hoch ist, dort sind sie nie zu sehen und nie zu hören, nicht in Ägypten, nicht in Jordanien, oder Südafrika. Nicht PETA hat massgeblich zur Verbesserung des Tierwohls im Distanzsport im Mittleren Osten beigetragen sondern Pippa Cuckson durch akribische Arbeit und grossen Mut. Aber das ist ja in der Instagramm Welt von heute nicht gefragt, und wo sollen Militante noch militant sein, wenn Lösungen gefunden werden, denn dann fliessen keine Spendengelder mehr, also sind Lösungen nicht wirklich in deren Interesse.

  2. Fred Archer

    Solange die St. Georg eine Dopingsünderin des Reitsports (Isabell Werth) hofiert, zitiert und permanent eine Plattform bietet, wird es bei informierten Pferdeleuten höchstens als pharisäerhafte Berichterstattung ankommen!

    • Jan Tönjes

      Sehr geehrter Herr Archer, dass wir Isabell Werth, die ihre Strafe wegen des Dopingvergehens erhalten und „abgesessen“ hat, „hofieren“, ist Ihre Meinung. Wir sehen das nicht so. Und wir glauben, dass Frau Werth uns auch nicht als Plattform wahrnimmt, die dies tut. Tatsächlich reden wir aber nicht ÜBER, sondern MIT Menschen, die im Reitsport agieren. Das ist unser Job. Red. St.GEORG

  3. Ella Le

    Leider finden Pferdebetriebe in denen die Pferde 23 Stunden am Tag in einer zudem noch zu kleinen Box stehen noch mehr als genug Einsteller. Bei schlechtem Wetter geht es auch mal 1-2 Wochen gar nicht raus. Die Leute glauben nur so sei das Pferd gegen Verletzungen geschützt. Dass der Tierarzt trotzdem Dauergast ist wegen Rücken, Sehnen, Arthrose, gibt ihnen nicht zu denken. 500€ Boxenmiete, dann muss ja alles top sein. Da braucht es immer noch Aufklärungsarbeit. Es wundert mich vor allem, dass die Tierärzte nie nachhaken, bezüglich der Haltung der Pferde.

    • Tim

      Der Reitverein bei dem ich als Kind bis Jugendlicher war hatte auch solche Bedingungen, es gab nur Reitplätze und selbst der eingezäunte „Abreiteplatz“ der nur einmal im Jahr für Turniere gebraucht wurde wurde so gut wie nie für Auslauf genutzt.
      Nur dass die Schulpferde statt einer Stunde bis zu 5 Stunden im Reitunterricht liefen, auch mal vor dem Frühstück aus der Box geholt wurden dafür am Wochenende. Wenn dann ein Pferd „Probleme machte“ wurde es entweder ein paar Wochen auf eine Koppel woanders gestellt und dann direkt wieder voll eingesetzt oder stand sich die Beine in den Bauch.
      Die Privatpferde mussten Glück haben, dass die Besitzer oft genug kommen, ansonsten standen die noch wesentlich mehr.
      Der Verein hat seinen Standort verloren, habe ich kürzlich erfahren. Und die Leute trauerten dem Ganzen trotz dieser Bedingungen hinterher. Sie würden ja nichts dafür können, dass sie keinen Platz für Koppeln gehabt hätten, obwohl es einen riesen Springplatz, riesen Abreiteplatz, zwei große Dressurplätze und eine Reithalle gab. Es geht den Leuten um Erreichbarkeit, meistens um günstige Bedingungen, das andere sind dann oft toxische zwischenmenschliche Interaktionen die manche dazu zwingen den Stall zu wechseln. Aberglaube hat gerade im Freizeitbereich viel mehr Gewicht als wirkliches Wissen und Erfahrung, das sorgt für viele Probleme. Die Betriebe die auf Abzeichen abzielen haben hierbei meist zumindest einen gewissen Standard, aber auch nur wenn sie auch höhere Abzeichen anbieten. Und die, die auf Höhe gehen, haben auch nicht immer das Tierwohl im Blick, auch wenn sie es besser wüssten…

    • CL

      Vielen Dank für diese klugen Worte, ich stimme Ihnen zu 100 % zu.
      Wenn ich mich in meiner Umgebung nach Ställen umsehe, ist es leider absolut normal das Pferde 2 Stunden am Tag aufs Paddock kommen und den Rest des Tages im Stall stehen. Und die Einstaller finden dies absolut in Ordnung.

  4. Karo LaBaddya

    Ganz ehrlich, mal mit sich ins Gericht gehen, ist nicht so das Ding der Fachpresse, oder? Hochglanz und Turnierberichterstattung folgen unkritischen Auktionsartikeln und Lobhudelei auf die Zucht. Der Skandal vom Grönwohldhof, der hoffentlich bei Gericht besser läuft als der gegen Christine Wels, 2008 in Kiel, die ungehindert weitermachen konnte bis zu ihrem tötlichen Unfall am Pferd, ist mir noch sehr präsent. FN, DOKR und angeschlossene Medien titeln immer, das seien bedauerliche Einzelfälle. Mir ist leider bekannt, dass sich die angesprochenen Personen auch bei Berichten über das Gestüt Falkenhorst damals extrem zurückhaltend gezeigt hatten. Da passiert rein gar nichts…


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