Christoph Hess: „Wann fängt der Reiter an, ein Pferd mental zu traktieren?“

Interview mit Christoph Hess, dem Leiter der Abteilung Ausbildung der Deutschen Reiterlichen Vereingung (FN) zum Statement nach der Veröffentlichung von „Dressur pervers“ im Juli 2005.

St.GEORG: Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) hat in ihrem Statement am Abend nach der Europameisterschaft in Hagen die im ST. GEORG beschriebenen Methoden zum Teil als tierschutzwidrig bezeichnet (Stricke, Wasserentzug, Elektroschocks). Andere Trainingsmethoden (Übertrieben tiefe Einstellung im Training) werden als „Irrlehre“ verstanden. Welche Maßnahmen wird die FN jetzt ergreifen?
Christoph Hess: Vorweg möchte ich sagen, dass ich absolut davon überzeugt bin, dass unsere Trainingsmethode, wie sie in den Richtlinien für Reiten und Fahren beschrieben ist, richtig ist. Folgendes Vorgehen ist geplant: Eine kleine Expertenrunde der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI), der Dr. Alex Atock, früherer FEI-Veterinär, Dr. Michael Düe, FN-Veterinär, und Professor Heinz Meyer, (Funktion?) soll sich zunächst mit dem Thema beschäftigen. Es sollen die erforderlichen wissenschaftliche Fragestellungen aus Sicht der funktionellen Anatomie, der Biomechanik und der Ethologie, also der Entwicklungsgeschichte des Pferdes, erarbeitet und bereits vorhandenes Material gesichtet werden. Als nächstes wird eine größere internationale Abeitsgruppe unter dem Dach der FEI gebildet, der außer Veterinärmedizinern auch aktive Reiter, Trainer, Richter und Vertreter des FEI Welfare Committees angehören. Wichtig ist, dass in dieser Arbeitsgruppe Vertreter der erfolgreichsten Dressurnationen sitzen, also aus Deutschland und Holland, aber auch aus Spanien, Schweden und USA.
St.GEORG: Was soll diese größere Runde tun?
Christoph Hess: Man muss zunächst einmal einheitliche wissenschaftlich fundierte Normen herstellen, was das Training und die Behandlung des Pferdes angeht. Da bestehen zum Teil noch ganz verschiedene Sichtweisen. Ich erinnere mich an einen Besuch in der Spanischen Nationalreitschule in Jerez anlässlich der Weltmeisterschaft 2002. Da wurde ein Hengst hereingeführt und in die Pilaren gestellt. Anschließend piaffiierte er ohne Unterbrechung 20 Minutenlang. Ich bin herausgegangen, weil ich das als Tierquälerei und als unreiterlich empfand. Aber das Tierverständnis ist bei den Iberern offenbar anders als bei uns.
Im übrigen ist die Diskussion über Trainingsmethoden, bei denen das Pferd zu eng wird, nicht neu, sie wird schon seit geraumer Zeit im FN-Arbeitskreis Zukunft geführt. Dabei gibt es zwei Aspekte. Einmal die physiologische: Was ist eigentlich zu eng? Wann wird ein Pferd durch einen zu engen Hals in seinen natürlichen Bewegungsmöglichkeiten behindert? Dazu kommt der psychologische Aspekt: Wann fängt der Reiter an, ein Pferd mental zu traktieren? Man darf einem Pferd auf keinen Fall seine Persönlichkeit nehmen.
St.GEORG: Waren Ihnen die anderen von uns beschriebenen Methoden, die mit keinem bestimmten Reiter in Verbindung gebracht wurden – also Stricke, um die Beine hochzuziehen, Wasserentzug und Elektroschocks – geläufig, oder hatten Sie von all dem noch nichts gehört?
Christoph Hess: Von den Stricken habe ich noch nie etwas gehört, aber vom Wasserentzug schon. Ich habe mich in Athen auch gewundert, warum ein Pferd, das am einen Tag so aufgedreht war, am nächsten Tag eine große Ruhe ausstrahlte. Von Elektroschocks habe ich auch noch nie etwas gehört.
St.GEORG: Wie wollen Sie künftig das Training der Reiter – zuhause und auf dem Abreiteplatz – besser kontrollieren?
Christoph Hess: National ist das kein Problem. Es steht immer ein Richter auf dem Vorbereitungsplatz, der einen Reiter verwarnen, im schlimmsten Fall sogar disqualifzieren kann. In der Regel wird er einen Reiter zunächst ansprechen, dann verwarnen und nicht sofort die Rote Karte ziehen. International ist das anders. Die Stewards sind mehr oder weniger Technokraten, die die technischen Abläufe überwachen sollen. Sie agieren nicht auf Augenhöhe mit den Richtern und sind nicht authorisiert, Verwarnungen oder Disqualifikationen auszusprechen. Das soll sich jetzt ändern, die Stewards sollen weitergehende Befugnisse erhalten. Man denkt darüber nach, auch international einen Richter auf den Vorbereitungsplatz zu stellen. Der Standpunkt „Ich habe auf dem Vorbereitungsplatz nichts zu suchen, es geht nur um die fünf Minuten auf dem Viereck“ – das kann’s nicht sein.
Die Kontrolle zu Hause in ungleich schwieriger. In Deutschland wurde nach der Barraffäre 1990 die Verantwortlichkeit des Reiters auf den Trainingsbereich ausgedehnt, er kann also  auch für unlautere Praktiken auf der eigenen Anlage zur Verantwortung gezogen werden – soweit sie beweisbar sind. Das ist ja oft die Schwierigkeit. Die Normen unseres Verbandes sind höher als die der Staatsanwaltschaft; hat sie ihre Tätigkeit beendet, wird der Fall noch einmal von dem Verbandsgericht aufgerollt.
St.GEORG: Glaubt man der Resonanz der ST.GEORG-Leser, so handelt es sich bei den beschriebenen Problemen keinesfalls nur um Beobachtungen aus dem Spitzensport. Vielmehr ist so etwas allgegenwärtig, auch auf kleineren Turnieren. Was sagt die FN dazu?
Christoph Hess: Auf kleinen Turnieren haben wir oft die Situation, dass der Reiter nicht aus Vorsatz sondern aus Unvermögen sein Pferd nicht korrekt reiten kann. Viele Pferde rollen sich so stark auf, dass der Reiter es gar nicht verhindern kann. Je höher die Dressurklasse, umso weniger kann der Reiter sich mit Unvermögen entschuldigen, umso größer ist sein Verantwortlichkeit. Ein Spitzensportler muss sich über seine Rolle im Klaren sein, von ihm wird die richtige ethische Einstellung erwartet. Auf der anderen Seite gehört zum erfolgreichen Spitzensportler auch der Ehrgeiz,  da dürfen wir uns nichts vormachen. Nur ein bisschen pflaumenweich rumreiten, reicht nicht. Aber die Grenze darf niemals überschritten werden.
St.GEORG: Haben die Richter diese Entwicklung – ungewollt – begünstigt, weil sie immer spektakulärere Bewegungen mit hohen Noten honorieren?
Christoph Hess: Wir müssen uns fragen, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind, ob wir nicht des Guten zuviel fordern. Ob wir nicht grundsätzliche Mängel den spektakulären Bewegungen zuliebe manchmal tolerieren. Das gilt auch für die Pferde, die wir auf Bundeschampionaten oder Weltmeisterschaften für Junge Pferde sehen. Das ist eine negative Entwicklung, das will ich nicht verkennen. Im Grund geht es in der Dressur um drei Dinge: Takt, Losgelassenheit und Anlehnung. Wenn diese drei Punkte erreicht sind, kann man auch mehr fordern, aber oft ist auch bei Spitzenpferden einer davon nicht erreicht, manchmal auch alle drei. Dann versucht der Reiter häufig, dies durch spektakuläre Bewegungen zu kaschieren. Man hat häufig den Eindruck, der Reiter bemüht sich gar nicht, das Pferd zur Losgelassenheit zu bringen, sondern nur, die Spannung zu kontrollieren.
St.GEORG: Hat das auch mit der Einführung der Kür zu tun?
Christoph Hess: Sicherlich, aber ich bin ein Freund der Kür, sie tut der Dressur gut. Ohne die Kür sähe es viel trostloser aus. Aber wir müssen uns überlegen, ob die Anforderungen im Grand Prix noch ok sind, ob da wirklich Takt, Losgelassenheit und Anlehnung überprüft werden. Ich würde einige Lektionen wieder einführen, etwa Schritt-Pirouetten, die Schaukel, den fliegenden Wechsel aus dem Mittelgalopp. Um die Aufgabe nicht zu verlängern, könnte man die Piaffe-Passage-Tour kürzen. Die Noten für diese Lektionen zusammen mit den Noten für versammelten und starken Schritt plus die Schlussnote für Durchlässigkeit würde die reelle Ausbildung wieder besser überprüfen, gäben dem Grand Prix eine anderes Gewicht gegenüber der Kür. Ja, der Einfluss von Piaffe und Passasge ist zu stark. Pferde wie Salinero von Anky van Grusnven oder Weltall von Martin Schaudt punkten vor allem über Piaffe und Passage. Das ist nicht ideal.
St.GEORG: Kann ein Richter überhaupt erkennen, ob ein Pferd, ein junges Pferd in Nachwuchsprüfungen ebenso wie ein Grand Prix-Pferd, nach der klassischen Methode ausgebildet wurde?
Christoph Hess: Das kann man sehr wohl erkenne, vor allem am Schritt, etwa wenn ein Pferd in klarem Viertakt geht und im starken Schritt den Hals dehnt. Wichtig ist eine konsequente Bewertung, also eine niedrige Note, wenn der Schritt nicht genügt.
St.GEORG: Sjef Janssen, der Trainer der zweifachen Olympiasiegerin Anky van Grunsven, behauptet, die klassische Ausbildung schade den Pferden und will das Reglement ändern – was hält die deutsche FN davon?
Christoph Hess: Janssen muss dafür erst mal den Beweis antreten, ich weiß nicht, woher er das hat. Die Reitlehre hat sich in Jahrhunderten entwickelt, sie entwickelt sich immer noch und wird alle fünf bis zehn Jahre fortgeschrieben. Ich bin gespannt, welche wissenschaftlichen Untersuchungen er präsentieren will. Ich bin zutiefst überzeugt, das die klassische Ausbildung richtig ist, dass ein auf dieser Basis ausgebildetes Pferd lange gesund und leistungsfähig bleibt.
St.GEORG: Kaum ein Pferd geht heutzutage wirklich immer vor der Senkrechten, wie es das Reglement und die Richtlinien fordern. Wird das genügend geahndet oder hat man sich als Richter (und Zuschauer und Journalist) an diesen Anblick etwa schon gewöhnt?
Christoph Hess: Im Training kann ein Pferd etwas tiefer eingestellt werden, um den ganzen Körper zu gebrauchen, natürlich nicht annähernd so stark, wie es praktiziert wird. Aber man soll sich auch in der Prüfung nicht zu sehr an der äußeren Form aufhängen. Wenn ein Pferd das Gebiss sucht, sich dehnt und dann am Gebiss abstößt, dann ist eine geringfügige Stellung hinter der Senkrechten ein kleinere Fehler, als wenn ein Pferd zwar vor der Senkrechten steht, sich aber dabei eng macht und den Hals nicht mehr als Balancierstange nutzen kann. Entscheidend ist, dass sich der ganze Pferdekörper bewegt. Tatsächlich müssen wir uns fragen, ob wir uns an den Anblick von Pferden, die ständig hinter der Senkrechten gehen, zu sehr gewöhnt haben, Das Thema muss auch in Richterlehrgängen immer wieder angesprochen werden. Wir müssen uns in der Tat ständig aufs neue fragen, ob unsere Messlatten noch in Ordnung sind.
St.GEORG: Schon vor den Dressurreitern haben sich die Springreiter der Rollkur bedient, z.B. Alwin Schockemöhle. Hat die FN als Instanz für Ausbildung und Animal Welfare das zu lange hingenommen?
Christoph Hess: Wir werden nicht verhindern können, dass einzelne Reiter einen Sonderweg zu gehen versuchen. Aber Sjef Janssen erklärt seine Art zu reiten, zur Methode, das ist der Unterschied. Alwin Schockemöhle hat niemals behauptet, dass seine Art zu reiten eine nachahmenswerte Methode ist. Sanktionieren können wir diese Methode aber erst, wenn wir wissenschaftliche Beweise in der Hand haben. Dass diese Kopfhaltung in hohem Maße unnatürlich ist, ist keine Frage.

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