FEI-Chefveterinär Leo Jeffcott

In die Diskussion um die richtigen, das heißt pferdefreundlichen Ausbildungsmethoden in der Dressur haben sich jetzt auch die Tierärzte eingeschaltet. Professor Leo Jeffcott, Vorsitzender der Veterinärkommission der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI), hat sich bei seinen Kollegen umgehört und ein erstes Resumée vorgelegt.

(Frühjahr 2006) Die Rollkur, für Magenkranke bekanntlich eine Wohltat, verursacht der Dressurszene zur Zeit heftige Bauchschmerzen, nachdem ST. GEORG die Diskussion um fragwürdige Trainingsmethoden angestoßen hat. Jetzt suchte FEI-Dressurchefin Mariette Withages Rat beim obersten Veterinär des Weltverbandes Professor Leo Jeffcott, und der hörte sich wiederum bei seinen Kollegen um. In einem ersten Bericht präsentierte Jeffcott die Einschätzungen und Erfahrungsberichte von elf  – namentlich nicht genannten – auf Sportpferde spezialisierten Tierärzten aus aller Welt. Alle bis auf einen niederländischen Veterinär lehnte die extrem tiefe Einstellung, bei der der Kopf des Pferdes über einen längeren Zeitraum – zehn Minuten und länger – so tief eingestellt wird, dass das Maul das Fell berührt, ab oder hielt sie zumindest für bedenklich. Die meisten gaben allerdings auch zu, dass gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse zur Zeit nicht vorliegen und deswegen weiter geforscht werden sollte.
Folgende Bedenken kamen unter anderem zur Sprache:
• Das Zusammendrücken des weichen Gewebes von Schlund und Kehlkopf kann die Atmung beeinträchtigen.
• Die Sicht des Pferdes wird eingeschränkt.
• Die Halswirbelgelenke werden längerfristig überdehnt (Unter längerfristig versteht der befragte Experte der Universität Queensland, Australien, einen Zeitraum von mehr als 20 bis 30 Sekunden)
• Häufig geht dabei das Pferd scharf gezäumt (Kandare), was den Effekt verstärkt.
• Bereits vorhandene Schwächen oder Schäden am Nervengewebe der oberen Wirbelsäule werden durch die übermäßige Dehnung verschlimmert.
• Vorhandene Bandscheibenschäden im Halswirbelbereich werden ebenfalls verschlimmert.
• Entzündungen im Bereich des Genicks und Nackenbandes
Das Argument, dass sich durch diese Art des Trainings das Pferd vorne aufrichtet, wie in der Dressur verlangt, zweifelt der Spezialist aus Queensland an: „Wir haben im vergangenen Jahr Studien durchgeführt, bei denen die unterschiedliche Höhe der Pferde bei verschiedenen Kopfhaltungen gemessen wurde. Positionen, bei denen der Kopf tief getragen wurde, veränderten die Höhe nicht, lediglich die Positionen, in denen der Kopf hoch getragen wurde.“ Zu deutsch: Bei der Aufrichtung soll das Pferd vorne „größer“ werden, das geht aber nicht, wenn ihm der Kopf vor die Brust gezogen wird. Als „Abkürzung“ (Short cut), die auf die Dauer gesehen nicht dem Wohlergehen des Pferdes dient, bezeichnet ein Chiropraktiker der Colorado State University (USA) die Rollkur.
Sehr entschieden lehnt ein britischer Teamvet und früheres Mitglied des FEI-Veterinärkommitees die Rollkur ab. Die extreme Biegung des Halses auf dem Abreiteplatz könne nicht toleriert werden, beeinträchtige auch bei vielen Pferden die Leistung. „Wenn die Dressur-Szene nichts unternimmt, wird es die Tierschutz-Lobby tun“, schreibt er. Er spricht auch die Verantwortlichkeit der Richter an: „Wenn die Ritte, die dieser Vorbereitungsmethode folgen, niedrig bewertet würden, wäre auch das Problem gelöst. Manche Leute halten Vorführungen, die von den Richtern hoch bewertet wird, für sehr unnatürlich. Ich denke, das ist ein Problem der Richter und der Stewards.“ Lediglich der niederländische Dressurspezialist und Mitglied des FEI Veterinary-Komitees hat keinerlei Probleme mit der extrem tiefen Einstellung der Pferde. „Es gibt Leute, die das System unterstützen und Gegner, je nachdem, wer gerade gewinnt.“ Ganz einfach also?

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