FEI-Workshop „Rollkur“ in Lausanne, Januar 2006

Und sie bewegt sich doch, fragt sich nur, in welche Richtung. Die Diskussion um fragwürdige Trainingsmethoden ist auch an der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) nicht spurlos vorbeigegangen. Ende Januar 2006 trafen sich Experten aus drei Kontinenten im Olympischen Museum in Lausanne, um über die Wirkung der extrem tiefen Einstellung beim Dressurtraining zu diskutieren und Forschungsergebnisse vorzulegen.

Drei FEI-Komitees haben sich in den vergangenen Monaten mit dem Thema beschäftigt, das durch einen ST. GEORG-Beitrag im August 2005 („Dressur pervers“) auf den Tisch gebracht wurde: das Dressurkomitee, das den Workshop in Lausanne initiiert hatte, das Veterinärkomitee und schließlich das „Welfare-Komitee“, in dessen Bereich der Tierschutz fällt. Zu Wort kamen vor allem Veterinäre und Ethologen. Gesichtspunkte der klassischen Reitlehre und der reiterlichen Ethik blieben weitgehend außen vor, sind wohl auch von Tierärzten kaum zu beurteilen.
Sjeff Janssen, der Ehemann und Trainer der niederländischen zweifachen Olympiasiegerin Anky van Grunsven, die unter anderem in die Kritik geraten war, stellte seine Ausbildungsmethode vor. An den Bildern, die seinen Vortrag begleiteten, war wenig auszusetzen: Pferd auf der Weide, Pferd im innigen Zwiegespräch mit dem Pfleger, Pferd geführt, Pferd am langen Zügel in idyllischem Ambiente, Pferd von Anky van Grunsven in der Haltung einer jungen Remonte vorwärts-abwärts oder im leichten Sitz geritten, nur kurze Zeit das Pferd etwas tiefer eingestellt. Wegen dieser Bilder hätte man nicht 60 Leute nach Lausanne bemühen müssen und diese Bilder waren bei der Diskussion der vergangenen Monate natürlich auch nicht gemeint.
Wie zu erwarten, gibt es bisher keine medizinischen Beweise, dass die extrem tiefe Einstellung des Pferdehalses, bei dem die Pferdenase zeitweise die Brust berührt und die der klassischen Ausbildungsmethode gemäß den deutschen „Richtlinien für Reiten und Fahren“ widerspricht, gesundheitlichen Schaden verursacht. Vermutet (aber ebenfalls nicht bewiesen) wurde, dass „unerfahrene“ Reiter einigen Schaden mit der „Rollkur“ anrichten könnten. Als entscheidend wurde das Gewicht beurteilt, das der Reiter in der Hand hat. Je leichter die Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul bei dieser Trainingsmethode ist, umso weniger schädlich ist sie – wurde vermutet. Auch hier fehlen Beweise. Als unstrittig galt jedoch die Tatsache, dass diese Haltung vom Pferd nicht über einen längeren Zeitraum ohne äußere Einwirkung beibehalten werden kann. Die vorgestellten Studien waren zum Teil noch unvollständig und zum Teil nicht aussagekräftig genug, um endgültige Schlüsse zu erlauben. Zum Teil hielt auch die angewandte Methodik wissenschaftlichen Ansprüchen nicht stand. Deswegen war der Ruf der Experten nach weiteren Forschungen einstimmig.
Vermutet wurden bisher Schäden im Bereich des Genicks, am Nackenband und an den Gelenken der oberen Halswirbelsäule. Der niederländische Tierarzt Dr. Emile Weller legte Röntgenbilder zweier Pferde vor, die Beschriftung der Aufnahmen wiesen sie als die der beiden Goldmedaillen-Pferde Bonfire und Salinero aus, mit einer nahezu makellosen Struktur im Hals- und Genickbereich. Beide Pferde wurden mehrere Jahre nach der umstrittenen Methode gearbeitet und haben sie anscheinend schadlos überstanden. Allerdings, so gab die US-Professorin Hilary Clayton später – in einem anderen Zusammenhang – zu bedenken: „Zwei Pferde sagen wissenschaftlich gesehen noch gar nichts aus.“ Auch ist nicht bekannt, ob und wieviele Pferde mit dieser inzwischen in vielen Ställen verbreiteten Methode im Laufe der Ausbildung Schaden genommen und niemals Spitzenniveau erreicht haben.
Wie der französische Wissenschaftler Jean Marie Denoix nachweisen konnte, wirkte sich die „Rollkur“ bei Pferden mit bereits vorhandenen Schäden im Halsbereich negativ aus, das heißt, diese Vorschäden wurden verschlimmert – kein überraschendes Ergebnis. Der deutsche Tierarzt Dr. Gerd Heuschmann erläuterte, dass das Vorwärts-abwärts-reiten vor allem beim jungen Pferd unabdingbar für die Kräftigung des Rückens und der Halsmuskulatur sowie die Entwicklung der Schubkraft der Hinterhand ist. Er sieht in der Rollkur eine Form des „aggressiven Reitens.“
Wie ST. GEORG bereits berichtete, läuft seit September 2004 eine gemeinsame Studie der Universitäten Utrecht (NED), Uppsala (SWE) und Zürich über die Auswirkungen verschiedener Hals-Positionen auf Rückentätigkeit und Bewegungsablauf. Der niederländische Tierarzt Dr. René van Weeren stellte vorläufige Ergebnisse der Studie vor, die erst im Frühjahr in Fontainebleau auf einem Tierärztekongress öffentlich präsentiert werden soll. Diesen Ergebnissen zufolge wurde durch die extrem tiefe Einstellung die Bewegungen zwar verkürzt, aber auch Auf- und Ab-Bewegung des Rückens verstärkt. Wie das zu bewerten ist, ob die stärkere Amplitude der Rückenbewegung positiv zu bewerten ist, wie von den Verfechtern der Rollkur, wird von anderen Experten noch in Frage gestellt wie auch zum Teil die angewandten Methoden. Die Aussagekraft dieser nur in Bruchstücken ausgewerteten Studie, ist daher bisher zumindest zweifelhaft.
Die bekannte amerikanische Bewegungsforscherin Hilary Clayton stellte verschiedene Methoden vor, mit denen Bewegungen gemessen werden. Darüber hinaus wies sie nach, dass die extrem starke Biegung des mittleren Teils der Halwirbelsäule, wie sie in der „Rollkur“ von einem Pferd verlangt wird, in der Natur wenn überhaupt dann nur sehr kurzfristig eingenommen werden.
Noch schwieriger als die Auswirkungen der Rollkur auf den Pferdekörper sind die Auswirkungen auf die Psyche des Pferdes wissenschaftlich zu messen und zu beurteilen. In diesem Punkt stocherten auch die in Lausanne versammelten Experten weitgehend im Nebel. Professor Eric van Breeda aus Maastricht hatte versucht herauszufinden, ob und in welchem Umfang mit der „Rollkur“ gearbeitete Pferde unter Stress leiden, der sich auf Atmung und Kreislauf auswirken könnte. Dazu wurden bei je einer Gruppe „Elite-Dressurpferde“ und eine Gruppe „Freizeitpferde“ eine halbe Stunde nach dem Training Puls und Atmung gemessen. Bei beiden Gruppen waren die Werte annähernd gleich schnell wieder normal, bei den Sportpferden noch etwas eher als bei den Freizeitpferden. Der Wert dieser Untersuchung tendiert gegen Null: Natürlich erholen sich hoch trainierte Pferde schneller von einer Anstrengung als in der Regel weniger gut konditionierte Freizeitpferde. Es wurde nicht der Stress während des Trainings selbst gemessen, und keine anderen Anzeichen von Stress (Schweifschlagen, allgemeine Verspannung, Schwitzen) während der Arbeit berücksichtigt. Die Studie sagt also nichts über die psychischen Auswirkungen der „Rollkur“ auf das Pferd aus. Einige im Laufe des Workshops gezeigten Fotos deuteten allerdings daraufhin, dass die extrem tiefe Einstellung Stress verursacht.
Hier brachte der australische Ethologe Andrew McLean nach einer recht allgemein gehaltenen Darstellung des Lernverhaltens den Begriff der „Learned Helplessness“ ins Spiel, der nichts anderes als Resignation beschreibt. Wenn ein Tier begriffen hat, dass weder Flucht noch Kampf (Flight or Fight) es aus seiner Zwangslage befreien, hört es auf, sich zu widersetzen. Am Beispiel der „Rollkur“ kann das bedeuten, dass das Pferd aufgibt; es wehrt sich nicht mehr und versucht nicht mehr, sich aus der unnatürlichen Haltung zu befreien; so kann ein durchhängender Zügel den Eindruck vermitteln, das Pferd fühle sich in dieser Haltung wohl, schon allein deswegen, weil es sich nicht gegen den Zügel wehrt.
Das vorrangige Anliegen des Reitersprechers Richard Davison war es, nun der „Rollkur“ einen „positiven“ Namen zu verpassen. Der Vorschlag der Tierärzte „Hyperflexion of the Neck “ zu deutsche „Überdehnung des Halses“ fand die Billigung von Reitern und Trainern. Ein neuer Name für eine alte Sache – deren Widersprüche und Probleme auch die Experten in Lausanne nicht lösen konnten.
Gabriele Pochhammer

Die Studie zur Rollkur

Von der Studie, die als gemeinschaftliches Forschungsprojekt der Universitäten Uppsala (Dr. Christoph Johnston und Dr. Lars Roepstorff), Utrecht (Dr. René van Weeren) und Zürich (Leitung Dr. Michael Weishaupt mit den beiden Tierärztinnen Katja von Peinen und Regula Keel), die Wirkung verschiedener Halspositionen des Pferdes in der Bewegung untersuchte, hatte man sich im Vorfeld besonders viel versprochen. Die Erwartungen wurden weitgehend enttäuscht, nur ein Teil der Studie wurde präsentiert – Daten, die sich auf die Bewegung des ungerittenen Pferdes bezogen. Ein Großteil der Daten muss erst noch ausgewertet werden, darunter das Gros der in Zürich unter dem Reiter durchgeführten Messungen. Erst im Dezember 2006 soll die Auswertung abgeschlossen sein.
Van Weeren bezog sich auf die Daten, die von insgesamt sieben zum Teil bis Grand Prix ausgebildeten Pferden auf einem Laufband gewonnen wurden, ohne Reitergewicht, aber den Hals in sechs verschiedenen Positionen : 1. Freie Halshaltung, 2. Dressurmäßige Aufrichtung nach FEI-Reglement (Nase vor der Senkrechten), 3. Nase hinter der Senkrechten, starke Überzäumung,  4. „Rollkur“, 5. Stark hochgenommener Hals, 6. Langer Zügel, Nase deutlich vor der Senkrechten (Remontehaltung).
Die deutlichste Auswirkung auf Rückentätigkeit und Schrittlänge hatte erwartungsgemäß die Haltung 5, bei der der Pferdehals nach oben zusammengezogen und der Rücken weggedrückt wird. Bei der „Rollkur“ – Position Nummer – vier wurden zwar die Schritte verkürzt, aber es wurde auch eine stärkere Auf- und Ab-Bewegung des Rückens beobachtet. Inwieweit eine gymnastizierende Wirkung damit verbunden ist, blieb freilich offen. Michael Weishaupt, der die Züricher Studie geleitet hatte, wies im SG-Gespräch darauf hin, dass es Anzeichen dafür gebe, dass bei der Rollkur-Position die Hinterbeine weniger unter den Schwerpunkt und vermehrt hinten heraus arbeiten. Das wurde im Workshop nicht vorgetragen. Auch der bekannte Hippologe Professor Heinz Meyer, der an der Züricher Studie beteiligt war, stellt die vorläufigen Ergebnisse in Frage. Auch kritisiert er die angewandten Methode. Für die verschiedenen Hals-Positionen wurde das Tempo des Laufbands jeweils verändert, in der Annahme, dass sich das Pferd dabei problemloser bewegt.  Die Ergebnisse wurden lediglich mit der Position 1, also der „Freien Haltung“ verglichen, nicht untereinander, was ihre Aussagekraft weiter einschränkt. Noch unklar ist bisher, wie das Reitergewicht die Bewegung in den verschiedenen Halshaltungen beeinflusst – was ja für den Sport das eigentlich Entscheidende ist. Auch hier also: wenig Antworten und viele Fragen.

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