Spurensuche: Wie alt ist mein Pferd?

3-flaemen-jpg1_large

(© Toffi)

Während man heute dank Mikrochips und Pferdepässen meistens über das Alter seines Pferdes Bescheid weiß, hat man früher die Zähne des Tieres betrachtet, um so dessen Alter festzustellen. Aber wie erkennt man anhand der Zähne, wie alt ein Pferd ist?

Wer das Alter seines Pferdes mit Hilfe der Zähne herausfinden möchte, begibt sich auf eine Spurensuche und muss wie ein Detektiv auf viele kleine Hinweise am Gebiss seines Pferdes achten. Je nach dem wie alt ein Pferd ist, sind nämlich bestimmte Abnutzungsspuren an seinen Zähnen zu finden und die Stellung der Zähne verändert sich. Aber Achtung: Das Zahnalter des Pferdes muss nicht immer sein tatsächliches Alter sein, denn die Entwicklung der Zähne wird durch ganz verschiedene Dinge beeinflusst. Der Zustand der Zähne ist also ein Hinweis auf das Pferdealter, kann aber auch täuschen.

Beweisstück A: Milchzähne

Die Zahnentwicklung bei Pferden folgt immer einem bestimmten Ablaufplan. Seine ersten Zähne hat ein Pferd, im Gegensatz zum Menschen, bereits bei der Geburt oder innerhalb der folgenden sechs Tage. Schon mit sechs Monaten ist das Milchzahngebiss vollständig. Die Backenzähne sind die einzigen Zähne des Pferdes, die nicht erst als Milchzähne, sondern gleich als bleibende Zähne wachsen. Der erste Backenzahn ist zu sehen, wenn das Pferd ein Jahr alt ist, der letzte mit etwa vier bis fünf Jahren.

Wie später auch die bleibenden Zähne haben die Milchzähne sogenannte „Kunden“. Das sind ovale, schwarze Dentinflächen (Dentin ist die knochenartige Substanz, aus der der Großteil eines jeden Zahns besteht), die etwa in der Mitte der Kaufläche der Schneidezähne liegen und von Zahnschmelz umgeben sind. Sie sehen aus wie dunkle Rinnen in den Zähnen. Sowohl bei bleibenden Zähnen als auch bei Milchzähnen nutzen sich die Kunden ab. Im Alter von zwölf Monaten verschwinden sie an den Milch-Zangen (Zangen = Schneidezähne), mit 18 Monaten an den Milchmittelzähnen und mit 24 Monaten an den Milcheckzähen. Sobald die Kunden an den Milchschneidezähnen abgenutzt sind, wachsen diese nicht weiter.

Beweisstück B: Zahnwechsel

Im Kiefer wächst jetzt das bleibende Gebiss. Jeder Zahn braucht etwa sechs Monate, um die Reibefläche zu erreichen, also um so nah an seinen Gegenzahn heranzuwachsen, dass das Futter gut zermahlen werden kann.

Auch die Milchvorbackenzähne, die das Pferd meist schon bei seiner Geburt hat, werden nacheinander ersetzt: der erste mit zweieinhalb, der zweite mit drei und der letzte mit dreieinhalb bis vier Jahren. So haben Pferde etwa zu ihrem fünften Lebensjahr ihr bleibendes Gebiss.

Beweisstück C: Kunden und Kundenspur

Sobald das bleibende Gebiss vollständig ist, kann man beobachten, wie sich die Kunden auf den Kauflächen der Schneidezähne abnutzen und so auf das Alter schließen. Im Unterkiefer sind die Kunden etwa sechs Millimeter tief. Jedes Jahr nutzen sie sich um etwa zwei Millimeter ab. Also sind sie nach etwa drei Jahren verschwunden. Da die Zangen ungefähr ab dem dritten Lebensjahr eines Pferdes abgerieben werden, verschwinden ihre Kunden im Alter von sechs Jahren.  An den Mittelzähnen sind die Kunden, mit sieben an den Eckzähnen mit acht Jahren verschwunden. Sind die Kunden abgerieben, bleibt nur ein kleiner Punkt, die Kundenspur, zurück. Sie nutzt sich an den entsprechenden Zähnen im Alter von dreizehn, vierzehn bzw. fünfzehn Jahren ab.

Bei den Zähnen im Oberkiefer ist es ähnlich: die Kunden sind zirka zwölf Millimeter tief und werden jedes Jahr zwei Millimeter abgenutzt. Es dauert ungefähr sechs Jahre bis sie vollständig abgerieben sind. Mit neun sind sie an den Zangen, mit zehn an den Mittelzähnen und mit elf an den Eckzähnen abgerieben sind. Aber: Einige Kunden an den Oberkieferschneidezähnen können länger oder kürzer sein, darum sind sie keine Zuverlässige Spur.

Beweisstück D: Kernspur

Neben den Kunden ist ab dem sechsten Lebensjahr die Kernspur zu sehen. Das ist ein kleiner brauner Punkt auf der Kaufläche der Schneidezähne. Im Gegensatz zu den Kunden und der Kundenspur bleibt sie ein Leben lang sichtbar. Mit sechs ist sie auf den Zangen, mit sieben auf den Mittelzähnen und mit acht auf den Eckzähnen zu sehen.

Weniger hilfreich sind die Kernspuren am Oberkiefer. Sie entstehen erst deutlich später und nicht immer in einem bestimmten Alter.

Beweisstück E: Form der Kauflächen

Die Form der Kauflächen verändert sich im Laufe eines Pferdelebens. Von queroval (bis etwa zum 12. Lebensjahr) über rund (13.-18. Lebensjahr) und dreieckig (18.-23. Lebensjahr) bis hin zu längsoval (ab dem 23. Lebensjahr). Aber Vorsicht: Die Form ist nicht immer einfach zu deuten.

Beweisstück F: Eckzähne

Ein anderes Merkmal ist der sogenannte Einbiss, ein Haken im hinteren Teil der Oberkiefereckzähne. Er entsteht etwa im Alter von neun bis zehn Jahren. Die Kauflächen der Unterkieferschneidezähne schieben sich nach vorn, dadurch berühren sich die Reibeflächen nicht mehr komplett und der Zahn wird nicht überall gleichmäßig abgenutzt. Die Folge: ein Haken entsteht. Etwas später als die Unterkieferschneidezähne schieben sich auch die Schneidezähne im Oberkiefer sich nach vorn. Die Kauflächen liegen wieder aufeinander, die Zähne nutzen sich gleichmäßig ab und der Einbiss verschwindet. Wenn das passiert, ist das Pferd etwa zwölf Jahre alt. Später wiederholt sich dieser Ablauf: mit zirka fünfzehn Jahren und etwa ab dem zwanzigsten Lebensjahr.

Die Eckzähne des Oberkiefers geben aber noch einen weiteren Hinweis: Je älter das Pferd ist, desto länger wird die sichtbare Krone, die Kante der Schneidezähne, im Verhältnis zur Breite.

Außerdem bildet sich etwa ab dem zehnten Lebensjahr vom Zahnfleischrand eine Kerbe an der Oberfläche der oberen Eckzähne. Sie wird auch Galvayne genannt. Da die Zähne eines Pferdes sein Leben lang nachwachsen, wächst auch die Kerbe mit. Bei einem fünfzehnjährigen Pferd erreicht sie etwa die Mitte der Zahnoberfläche. Bei einem zwanzigjährigen Pferd reicht sie vom Zahnfleischrand bis zur Krone, bei einem fünfundzwanzigjährigen Pferd ist sie nur noch an der unteren Zahnhälfte sichtbar. Ist das Pferd über dreißig ist die Galvayne beinahe verschwunden.

Fall gelöst?

Mit diesen Hinweisen kann man das Zahnalter des Pferdes ungefähr bestimmen. Trotzdem ist es schwer auf das tatsächliche Alter des Tieres zu schließen. Die Entwicklung der Zähne und ihre Abnutzung läuft nicht immer genau gleich ab. Zum Beispiel entwickeln Ponys ihr Gebiss oft etwas langsamer als Großpferde und auch die Rasse spielt eine Rolle. Außerdem wird der Zahnabrieb, der bei Pferden mit bleibendem Gebiss die wichtigsten Hinweise liefert, durch Fütterung, Haltung oder Unarten wie das Koppen beeinflusst. Also schaut einem geschenkten Gaul ruhig mal ins Maul, aber verlasst euch dann doch lieber auf die Altersangaben im Equidenpass!

St.GEORG GRATIS LESEN!

Schnell, aktuell und auf einen Blick wissen, was Sache ist! Das bietet der
St.GEORG Newsletter. Jetzt abonnieren und Sie erhalten eine Ausgabe
St.GEORG als ePaper gratis - zum immer und überall lesen.