Balve: Dorothee Schneider und Showtime sind Deutsche Meister, Bella Rose Vierte

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Dorothee Schneider und Showtime, Deutsche Meister im Grand Prix Special 2019 (© von Korff)

Dorothee Schneider ist die neue Deutsche Meisterin in der Dressur. Im Grand Prix Special setzte sie sich in einer kuriosen Prüfung vor Isabell Werth mit Emilio und Jessica von Bredow-Werndl, die Dalera gesattelt hatte. Bella Rose landete auf Platz vier.

„Ich könnte ihn knutschen“ – Dorothee Schneider wischt sich eine kleine Träne aus dem Auge. Gerade ist sie Deutsche Meisterin der Dressur in Balve geworden. Mit 80,745 Prozent für einen Grand Prix Special, in dem beinahe alles klappte. Nur eine Lektion möchte Dorothee Schneider noch üben, hat sie sich jetzt vorgenommen: „das Angaloppieren!“ Für Schneider ist es der zweite Titel nach 2016. Damals hatte sie in Balve die Kür gewonnen, ebenfalls im Sattel von Showtime. Aber der Reihe nach.

Dorothee Schneiders Ritt zum Meistertitel

Das Paar begann mit traumhaften Trabtraversalen, federnder, kadenzierter geht kaum ein Pferd im internationalen Sport im versammelten Trab. Diese echte, ehrliche Kadenz hält der Sandro Hit-Sohn auch in den Seitengängen, ohne jemals Schwebetritte zu zeigen: Stets geht die Dynamik vom Hinterbein aus, die Reitlehre lässt herzlich grüßen. So und nicht anders soll es sein. Im Grand Prix Special steht der Wechsel von starkem Trab und Passagen im ersten Drittel der Aufgabe im Vordergrund. Eine Lektionsfolge, die wie gemacht ist für „Showi“. Wie von einer Spannfeder angetrieben kam der Übergang aus der Passage in den Starken Trab, weich und gefühlvoll die Rückführung ebenso präzise am Punkt. Das sichere Schreiten im starken Schritt dokumentierte: So geht Losgelassenheit. 13 Tritte zeigte das Paar in der ersten Piaffe, die noch minimal im Vorwärts angelegt ist. In der zweiten Piaffe ist der Hannoveraner schön vor der Senkrechten, in den letzten zwei Tritten tauchte er etwas ab, nur um in der folgenden Passage gleich wieder in guter Haltung abzufedern. Und dann – der Patzer! „Showi“ hatte beim Angaloppieren aus der Passage einen Knoten in den Beinen. Springt im Außengalopp an, erst kurz vorm Erreichen der Langen Seite bei B korrigiert Dorothee Schneider diesen Schnitzer. „Ich übe jetzt angaloppieren.“ Die gesamte Galopptour gelang gut, die Serienwechsel waren heute etwas größer und damit auch mit mehr Bodengewinn angelegt als noch im gestrigen Grand Prix. Die letzte Piaffe und die Passagen waren einmal mehr ein Hinweis: Seht her! Hier geht ein Pferd, das sich mit jedem in der Welt messen kann. Bei aller Freude steht bei Schneider aber auch die Analyse des Ritts an: „Die Einleitung der Einer, da kann ich noch besser hinkommen“, gibt sich die neue Deutsche Meisterin selbstkritisch. 80,745 Prozent erhält sie, mit einem „topfitten Pferd – ich bin froh und stolz auf Showtime und wenn ich die Fehler noch weglasse, dann …“ Zwei Richter waren weniger angetan von dem Ritt, Dr. Dietrich Plewa sah das Duo ebenso auf Platz vier in seinem internen Ranking (77,059 Prozent) wie Gotthilf Riexinger (80,49). Dafür empfand Riexinger den Ritt von Isabell Werth und Bella Rose als den zweitbesten, trotz deutlicher Fehler, inklusive Verreiten. Bei Plewa rangierte die Kombination Werth/Bella Rose an Position sechs. Damit lagen die Herren deutlich unter den Noten ihrer Kolleginnen und Kollegen. Über sechs Prozent lagen die Richter bei den Beurteilungen der neuen Deutschen Meisterin auseinander, nicht ganz so meisterlich …

Isabell Werth und Bella Rose

Als letztes Starterpaar kamen Isabell Werth und Bella Rose in die Bahn. Im starken Trab zeigte die Stute eine knappe Hufbreite Übertritt. Die Trabtraversalen nach links und rechts, weit kreuzend – die Stute „wickelte“ sich nahezu um den inneren Schenkel ihrer Reiterin. Akzentuierte und gleichmäßige Passagen verhalfen zu Punkten. In der zweiten Piaffe gab es aber eine leichte Rückwärtstendenz. Tja, und dann kam das, was man kaum glauben konnte: Auch Bella Rose galoppierte falsch aus der Passage an. „Sie wollte gestern ja schon im Grand Prix zu früh angaloppieren aus der Passage“, erläuterte Isabell Werth anschließend. Deswegen sei sie mit deutlicher Linksstellung abgewendet. „Man ist im Training einfach mehr auf den Grand Prix fokussiert“, und da wird nun mal links angaloppiert. Das bestätigt auch Bundestrainerin Monica Theodorescu: „Die Pferde wissen, was kommt, viele nehmen das dann vorweg.“ Doch es sollte nicht allein beim falschen Angaloppieren bleiben. An der kurzen Seite fiel Bella Rose auch noch aus. Anschließend ritt Isabell Werth auf der Linie K-X-M Zweierwechsel. Gefordert war eigentlich die Galopptraversale nach rechts. Chefrichter Reinhard Richenhagen gefielen die Wechsel, er klingelte spät. Man sei sich ja der Tragik des Klingelns bewusst, deshalb habe er Isabell „erst mal ’n paar Wechsel reiten lassen“ (faktisch nahezu die komplette Diagonale, bis die Rufe aus den anderen Richterhäuschen auch bis C vorgedrungen waren). In solch einem Moment frage man sich, „ob man vielleicht gestern Abend etwas viel getrunken hat“, erklärte der Juror.

Die restliche Galopptour war dann nicht ganz spannungsfrei. In den Pirouetten und den neun Einerwechseln auf der Mittellinie war die Harmonie zwischen Reiterin und Pferd dann aber wieder hergestellt. Zum Abschluss belohnten Isabell Werth und Bella Rose das Publikum dann noch einmal mit einer aktiven, federnden Piaffe. 79,471 Prozent waren Platz vier. Mit Hinblick auf einen Aachen-Einsatz von Bella Rose sieht Isabell Werth sich gut gewappnet.

Und ansonsten hätte sie ja auch noch Emilio – Weihegold, gerade aus der „Babypause“, dem Embryotransfer zurück im Aufbautraining darf man auch nicht vergessen. „Die Pferde waren heute eindeutig besser als ich“, so Werths Bilanz.

Spätestens bis Aachen möchte ich alle Gehirnzellen soweit rekultiviert haben, um alle Wege zu finden.

Emilio ist nicht nur ein naher Verwandter zu Bella Rose, er ist auch der Star des Tages. Isabell Werth verdankt ihm die Silbermedaille. Zum Auftakt des Ritts hatte Werth ihn vorher noch einmal einhändig anpiaffieren lassen und dabei mit der rechten Hand hinter der Schabracke geklopft. Die bezweckte Losgelassenheit zeigte sich prompt beim Gruß. Da flatterte plötzlich der rechte Zügel durch die Gegend. Dann aber ging es in eine Prüfung ohne Fehler.

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Isabell Werth und Emilio, Silbermedaille DM Balve 2019, Grand Prix Special (© von Korff)

Im starken Trab wünschte man sich noch etwas mehr Übertritt. Die federnden Passagen gelangen sehr gut. Die ersten beiden Piaffen waren gut auf der Stelle mit fließenden Übergängen – „rein“ wie „raus“. Sichere Galopppirouetten, präzise auf den Punkt genau eingeteilte Serienwechsel und ein starker Galopp mit mehr Risiko als gestern im Grand Prix, zählten zu den Highlights im Galopp. 79,647 Prozent bedeuteten Silber. Knappe 1,5 Punkte vor Jessica von Bredow-Werndl. „Emilio hat hier in Balve schon zwei gute Prüfungen gezeigt, ich freue mich auf die neue Kür.“ Isabell Werth wird Emilio in der Kür reiten, Dorothee Schneider setzt (und sitzt) morgen auf Sammy Davis jr.

Bronze für Jessica von Bredow-Werndl

Mit ruhigem Schweif und hoch ausgreifendem Vorderbein begann die Vorstellung von Jessica von Bredow-Werndl und Dalera im starken Trab. Der Übergang vom versammelten Trab bei C in die Passage war holperig – vermutlich war die Trakehnerstute noch im Grand Prix-Modus, da ist an dieser Stelle das Halten und Rückwärtsrichten angesagt. So erklärt es ihre Reiterin im Anschluss, „ sie denkt halt mit“.

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Jessica von Bredow-Werndl und Dalera, Bronzemedaille DM Balve 2019, Grand Prix Special. (© von Korff)

Sehr gut akzentuiert gelangen die Passagen. Die sicherlich beste Passage-Piaffe-Passage-Abfolge des gesamten Grand Prix Special zeigte die Easy Game-Tochter dann auf der Linie R-I-S, wo die zweite Piaffe gefordert ist. Elastisch, gleichmäßig, schön. Nach 13 gut gesprungenen Einerwechseln kam dann kurz vor der Ecke ein Fehler. Dafür gelang die letzte Piaffe noch einmal aus der Kategorie Lehrbuch – so soll das aussehen! 79,588 Prozent. Auch hier ist Dr. Dietrich Plewa deutlich strenger im Urteil als der Rest der Jury, für ihn der fünftbeste Ritt. „Dalera ist ein abgefahren geniales Pferd“, sagt Jessica von Bredow-Werndl. „Ich hatte noch nie so ein Reitgefühl. Heute hat sie ein bisschen zu viel mitgedacht. Leider waren noch zwei andere große Fehler drin“. Aber sie guckt schon mal nach vorne und prophezeit: „Es ist noch sehr, sehr viel Luft nach oben!“ Sie wird Dalera, „die hat Power“, morgen in der Kür reiten, zu Klängen von Lala-Land.

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„Je älter Damsey wird, desto besser wird er“, findet Helen Langehanenberg. Gerade ist sie abgestiegen, tritt drei Meter zurück und blickt auf den 17-jährigen Hannoveraner. „Jetzt mal ganz ehrlich: Sieht so ein altes Pferd aus?“ Die Antwort hatten die beiden schon vorher im Viereck gegeben. Damsey passagierte so gleichmäßig wie selten. Keine zuckenden Sprunggelenke, „jetzt ist er auch in der Prüfung so losgelassen wie draußen“, bestätigt Bundestrainerin Monica Theodorescu. In den ersten beiden Piaffen war Helen Langehanenberg in Sachen Anzahl der Tritte etwas sparsam. Aber hier steht ja stets die Frage im Raum: Was ist noch Übergang, was schon Piaffe? Teuer war ein Stolperer in den neun fliegenden Galoppwechseln von Sprung zu Sprung auf der Mittellinie. Mit 77,078 Prozent wurde die Kombination Fünfte. Das war die Pflicht, morgen kommt die Kür. Und die liegt den Dritten des Weltcupfinales 2019.

Escolar: Was für eine Runde

Der Westfale Escolar geht sein viertes Grand Prix-Turnier in Balve. Es war der zweite Grand Prix Special seines Lebens. Und was für einer. Dr. Dietrich Plewa, für den dies die zweitbeste aller Runden war, sagte anschließend, es seien solche Ritte, weshalb er richte. Reitmeister Hubertus Schmidt hat den Escobar-Sohn in diesem Jahr das erste Mal auch während der Decksaison trainieren können. Er stand nicht auf dem Gestüt Gute Neuenhof, sondern in Borchen-Etteln bei Familie Schmidt. „Ich bin den Besitzern dankbar“, sagte Schmidt. Er weiß, dass die Entscheidung Escolar in diesem Jahr ausschließlich über Tiefgefriersamen anzubieten bestimmt finanzielle Einbußen bringt. Aber wie richtig – vielleicht ja einmal goldrichtig – diese Entscheidung ist, zeigte das Paar heute: Gutes Halten, starker Trab mit viel Ausdruck über die erste Diagonale. Präzise bei S in der Trabtraversale angekommen. In der Passage mangelte es noch etwas an Kraft im Hinterbein – kein Wunder, der Hengst ist zehn Jahre jung. Dafür tritt Escolar sehr gleichmäßig in der Passage. Und aus der kräftezehrenden Lektion zeigte er dann sofort einen herrlich losgelassenen starken Schritt. 13 Tritte in der ersten Piaffe, die zweite Piaffe voll am Punkt mit zwölf Tritten – Escolar und Hubertus Schmidt zeigten, wie ein Grand Prix-Pferd auf dem Weg nach oben aussieht. Sehr gute Zweierwechsel, toll eingeteilt, und gerade trotz der Mordsmechanik, die dem Westfalen unter anderem im Galopp zu eigen ist, folgten. In den 15 Einerwechseln dann leider ein teurer Fehler. Die neun Einerwechsel zwischen den Pirouetten gelangen gut, der starke Galopp war ein Highlight der gesamten Prüfung. Die letzte Piaffe bei X gelang am besten, voll am Punkt. Und wie der Hengst dann am durchhängenden Zügel die Ovationen des Publikums entgegennahm, das allein wäre schon mindestens eine Neun für Sitz und Einwirkung (und Ausbildungskunst) des Reitmeisters wert gewesen. 77,059 Prozent – das war nicht gerade zu wohlwollend bewertet. Hubertus Schmidt wollte das nicht kommentieren, zu groß war die Freude über Escolar:

Das Pferd ist eine Rakete.

Zufrieden zeigte sich Bundestrainerin Monica Theodorescu. „Alle Pferde sind gut in Form, ein paar kleine Fehler gab es, aber wir sind ja noch nicht am Ende. Alle Pferde sind fit. Toi, toi, toi.“ Mit Blick auf die Probleme mit dem Angaloppieren in der deutschen Spitze schmunzelte sie: „Der Sport war unter anderem sehr unterhaltsam“. Nur um gleich wieder ernsthafter zu werden: „Es waren tolle Pferde, die absolut keine Schwäche zeigen – in keiner Lektion, in keiner Grundgangart. Stand heute sind wir gut aufgestellt“, lautete das Fazit der Bundestrainerin mit Blick auf die Europameisterschaften in Rotterdam.

Das Team für Aachen wird noch im Lauf der Balver Turniertage benannt, also die Equipe, die im Nationenpreis, die CHIO5*-Tour bestreitet. Zumeist sind dies dann auch die Reiter/Pferd-Kombinationen, die aufs Championat fahren. Allerdings fehlte ja in Balve Cosmo. Sönke Rothenbergers Mannschaftsweltmeister hatte in der Schwüle des Talkessels im Sauerland Koliksymptome gezeigt nachdem er im Prüfungsviereck trainiert hatte.

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