CDIO Aachen: Fehlerfreier Totilas schlägt Valegro UPDATE: MIT BILDERGALERIE

Höchstnoten in Passage und Piaffe für Totilas und Matthias Alexander Rath

(© Julia Rau)

Nach dem Patzer-Grand Prix vom
Donnerstag machten heute alle Top-Paare im Dressurviereck weniger Fehler. Eines blieb ganz ohne:
Totilas und Matthias Rath. Das Paar gewann, gefolgt von der Britin Charlotte
Dujardin und Valegro, die mit den Einerwechseln kämpften. Vier Paare konnten
die 80-Prozentmarke knacken, das gab es noch nie in einem Grand Prix Special.

Auf der letzten Mittellinie war all das wieder da, was Totilas einst den medial gehypten Titel Wunderhengst beschert hat. Aktive und ausdrucksstarke Passage, dann Piaffe und dann noch einmal Passage. Vier von fünf Zehnen im Protokoll des Gribaldi-Sohns gab es hier zum Abschluss einer Prüfung, in der Harmonie und Athletik zusammengingen und die noch um Klassen besser war als der Grand Prix vor zwei Tagen. Die Runde war souverän, es gab keine wackeligen Momente. Wohltuend: Die Richtergruppe entschied sich nicht zum fröhlichen Zehnen-Werfen, das eine zeitlang sehr en vogue war, sondern zog Höchstnoten, da wo sie verdient waren und gab sich angemessen zurückhaltend in Lektionen, die eben OK aber nicht herausragend gelangen. Das galt für alle Ritte. So sind die Trabverstärkungen von Totilas eben nicht mehr als eine 7,5, „das ist so, seine Stärken liegen in der Versammlung“, so Bundestrainerin Monica Theodorescu.

84,529 Prozent gab es für den Ritt, vier Richter sahen das Paar auf Platz eins, nur die Chefrichterin Susan Hoevenaars aus Australien, lag deutlich tiefer. Sie hatte aber auch nicht einmal zwei Prozent zwischen dem Rappen und Adelinde Cornelissen und Parzival. Die einstigen Weltcupsieger kamen nach einer eigentlich nicht ausgeführten ersten Piaffe mit 76,216 Prozent lediglich auf Platz sieben. Der Fuchs schien am Ende der Prüfung in der Sommerhitze matt.

Valegro hatte lange Zeit wie der sichere Sieger ausgesehen. Charlotte Dujardin war konzentriert, lag zu Beginn der Prüfung bei 87 Prozent. Alles nach Plan also. Auch am Anfang der Galopptour, dort wo es vorgestern im Grand Prix gehakt hatte, gelang gut. Nach sicheren Zweierwechseln, mit durchschnittlich 9,0 beurteilt und sogar mit einer Zehn geadelt, kam es dann zu einem Fehler in den 15 fliegenden Wechseln von Sprung zu Sprung. Und auch die nächsten Einerwechsel zwischen den beiden Galopppirouetten auf der Mittellinie misslangen. Teure Fehler zu denen sich kleinere Unsauberkeiten gesellten, beispielsweise in den Übergängen zwischen Piaffen und Passagen. Auf einer Skala von eins bis zehn ist Valegro derzeit was die Vorbereitung auf die Weltreiterspiele (WEG) anbelangt vielleicht irgendwo zwischen sieben und acht angekommen. Da ist noch Luft nach oben. Die Endnote von 83,157 Prozent setzte sich aus Beurteilungen zwischen gut 80 und über 85 Prozent zusammen.

Auch Damon Hill ist noch nicht am Leistungszenit. Ein ärgerlicher Taktfehler im ersten starken Trab wie er immer mal passieren kann, war der offenkundigste Fehler. Ansonsten waren es eher „ziemlich gut“ ausgeführte Lektionen, in denen Helen Langehanenberg und ihr Hengst Punkte liegen ließen. Mal kam das Genick zu tief in der Piaffe, dann sprang der Hengst nicht auf die erste Galopphilfe aus der Passage an. Das sind keine Katastrophen, aber in einem derart starken Teilnehmerfeld ist jeder Moment entscheidend. Bundestrainerin Monica Theodorescu war glücklich über alle Ritte. Alle haben besser geritten als vorgestern, Mission vollendet. Schon Kristina Sprehe und Desperados waren klar stärker als im verkorksten Grand Prix. 77,765 Prozent bekam das Paar, das einen kleinen Stolperer vor der ersten Piaffe zu verzeichnen hatte, sonst aber fehlerfrei und sehr gut durch die Prüfung kam. Nach den fliegenden Galoppwechseln lobte Sprehe ihren De Niro-Sohn mehrfach, der quittierte es mit Zufriedenheit. Das Paar wurde Sechster.

Strahlen konnte Isabell Werth. Nicht nur weil ihre Belissimo M-Tochter Bella Rose mit 81,471 Prozent die persönliche Bestleistung gezeigt hatte. Sondern vor allem, weil das „Wie“ dem Publikum den Atem nahm. Mitten hinein in den Jubel nach Totilas Ritt musste die Stute ins Stadion. Am Dienstag hatte sie noch im Training Angst gehabt, überhaupt in die Arena zu gehen. Jetzt zeigte sie sich von Applaus und Atmosphäre gänzlich unbeeindruckt. Beinahe als schien sie sagen zu wollen: „Na, habt ihr es endlich kapiert, dass meine Zeit jetzt angebrochen ist?“ So selbstverständlich trabte und passagierte sie um das Viereck herum. Passagen und Piaffen sind ihre Welt. Die erste Piaffe war noch nicht voll ausbalanciert, die zweite deutlich besser am beinahe durchhängenden Zügel geritten und die dritte Weltklasse: Zwei Zehnen gab es für die Stute, die in Aachen erst den zehnten Grand Prix ihrer Karriere ging und die mit zehn Jahren das jüngste Pferd im Starterfeld war. Fehler in den Zweierwechseln und ein etwas langsamer starker Schritt, dem man mehr Aktivität, mehr Fleiß gewünscht hätte, kosteten Punkte. Ob sie das Pferd sei, das ganz groß herauskäme, wenn die anderen Granden aus der Weltspitze einmal abgetreten seien, wollte ein TV-Reporter wissen. Werths Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Nein! Die will ich schon schlagen, solange sie noch da sind.“ Ein paar mehr Punkte hätte sie schon erwartet, so Werth. Aber das Potenzial ist noch längst nicht ausgeschöpft: im starken Trab muss die Stute noch mehr überfußen, in den Galopppirouetten sich noch mehr setzen. Dafür ist sie in der Passage und der Art in die Piaffe zu kommen schon recht nah am Ideal. „Sie ist ja erst zehn, das kann man gar nicht glauben“, freute sich Bella Roses Besitzerin Madeleine Winter-Schulze.

Mit einem couragiertem Ritt, wohl auch in dem Bemühen, ihren Don Auriello daran zu erinnern, dass er seine Hinterbeine sehr wohl zur Lastaufnahme auch in anderen Lektionen als nur in der Piaffe verwenden könne, kam die Schwedin Tinne Vilhelmson-Silfven auf den fünften Rang. Mit etwas über 79 Prozent wurde das durchaus erfolgreiche Bemühen der fein sitzenden Schwedin belohnt. Serienwechsel, beim Weltcupfinale in Lyon noch ein Problem, klappten wie am Schnürchen.

Die größte Überraschung lieferte die US-Amerikanerin Laura Graves, vor ein paar Wochen bereits Zweite beim CDI Fritzens. 74,784 Prozent erzielte sie mit Verdades, einem KWPN-Wallach von Florett As, den die nicht eben betuchte Familie vor elf Jahren als Jährling gekauft hatte. Nur nach Betrachtung eines Videos, in natura kamen sie ihn erst in den USA zu sehen. Rhythmische Passagen und Piaffen, Achten auf die Einerwechsel, der zwölfjährige Niederländer ist kein Anwärter auf den Titel modernster Pferdetyp der Welt, er ist eher die Version solide. Aber genau das ist er auch wirklich. Er will Dinge richtig machen und wird dabei von seiner fein einwirkenden Reiterin, die mit Debbie McDonald trainiert, dezent unterstützt.

Platz acht, ein toller Einstieg und damit noch vor dem Briten Michael Eilberg und Half Moon Delphi. Der Schimmel, der in den Passagen punktet, hatte Fehler in den neun Einerwechseln zwischen den Galopppirouetten (74,706/9.). Zehnte wurde die Dänin Anna Kasprzak mit Donnperignon. Der finnische Dunkelfuchs ging nahezu konstant zu eng im Hals, auch in den Piaffen, die zweite zusätzlich mit wenig Tritten: Auch die Einerwechsel des gerade am Augen operierten Donnerhall-Sohns misslangen. Die Dänen, 2013 in Herning als Gastgeber durchaus noch mit Chancen auf eine Teammedaille, werden bei den WEG diesbezüglich kaum ein Wort mitsprechen.

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