CHIO Aachen: Dressurkrimi – Jessica von Bredow-Werndl siegt mit halbem Punkt Vorsprung

Fünf Richter, 33 Lektionen plus Schlussnoten, und dann
entscheidet ein halber Punkt. Jessica von Bredow-Werndl hat mit Unee BB den
CDI-Grand Prix gewonnen und verwies Fabienne Lütkemeier auf Platz zwei.

Die Abendsonne zauberte bereits lange Schatten der Pferde auf den Sand im Dressurstadion als die letzten Starter im Grand Prix der CDI-Tour, also diejenigen Reiter-Pferd-Kombinationen, die in keiner Mannschaft beim Nationenpreis (CDIO) an den Start gehen ins Viereck kamen. Da waren die meisten Menschen schon mehr rot- als braungebrannt und der erste richtig große Wettkampftag neigte sich dem Ende zu. Bei immer noch Temperaturen um die 20 Grad gingen die Pferde, den man es zutraute vorne mitzumischen.

Vorgelegt hatte da schon eine Exil-Aachenerin, die Polin Beata Stremler mit dem Rubin Royal-Sohn Rubicon. Sie trainiert bei dem Aachener Ton de Ridder. Mit ihrem Rheinländer, mit dem sie sich in der vergangenen Saison schon verschiedentlich gut in Szene setzen konnte, kam sie auf 72,4 Prozent mit u.a. geschmeidigen Traversalen. Das war am Ende ein beachtlicher dritter Platz.

Doch dann, als die Sonne nach halb neun Uhr schon über die neue Tribüne hinüberschien, es keine Schatten mehr auf dem Sand gab und das Flutlicht angeschaltet wurde, kam Fabienne Lütkemeier mit D’Agostino. Der Fuchs, der sich bei den Deutschen Meisterschaften in Balve erschrocken hatte und die Kür nur mit Ach und Krach beendet hatte, musste sich beweisen, musste liefern. Schließlich geht es in Aachen in diesem Jahr um die Teilnahme an den WEG, auch für die Mannschaftseuropameisterin von 2013. Und genau das tat D’Agostino, er lieferte: 73,20 Prozent standen am Ende eines Ritts, der in allen starken Tempi und in den Serienwechseln mit Achten bedacht wurde. Beide, Reiterin und Pferd, werden immer noch besser. Fabienne geht regelmäßig zur Physiotherapie, ihr Sitz ist dadurch stabiler geworden, die viel zitierte positive Körperspannung kommt zum Tragen. Und auch die Piaffen, die D’Agostino von Hause aus weniger liegen, sind am Punkt, gleichmäßig und im Takt, die Übergänge gelingen durchgängig richtig gut. War das der Sieg? Es sah so aus. 73,2 Prozent war die neue Bestmarke.

Bald kam ein Konkurrent: Er lässt sich immer mal was Neues einfallen. Diesmal zackelte Unee, der KWPN-Hengst von Jessica von Bredow-Werndl, im starken Schritt einmal an. Ein genauso untypisches wie teures Anzackeln, zählt der schicke Rappe doch zu den Erscheinungen im internationalen Viereck, die gerade im starken Schritt zu punkten wissen. Aber Taktverlust, das ist teuer, die Lektion geht mal zwei. Und der Durchschnittsnotenwert der laufenden Prüfung sackte von fetten 75 auf knappe 71 Prozent zurück. Da musste die Bayerin dann erst einmal wieder auf Hocharbeiten umschalten. Das gelang ihr, lediglich die Galopppirouette nach rechts hätte schöner sein dürfen, da war der Gribaldi-Sohn etwas eifrig und drehte schnell. 73,18 Prozent hieß es zunächst, das hätte Platz zwei bedeutet. Doch dann wurde nochmal gerechnet. Und siehe da: 1830,5 Punkte, 73,22 Prozent, war das offizielle Endresultat, ein halber Punkt mehr als D’Agostino (1830) und Fabienne Lütkemeier der Sieg!

Vorausgesetzt, dass das CDIO-Team, Helen Langehanenberg/Damon Hill, Isabell Werth/Bella Rose, Kristina Sprehe/Desperados und Matthias Alexander Rath/Totilas, für die Weltreiterspiele (WEG) nominiert wird, müssen nun Fabienne und Jessica untereinander klären, wer als Reservereiterin in die Normandie reist. Die nächsten Prüfungen sind also noch einmal mit 100 Prozent Konzentration zu reiten. Bundestrainerin Monica Theodorescu muss sich noch nicht entscheiden. Nominiert wird erst am Montag nach Aachen.

Don Johnson, Isabell Werths zweites Pferd, hat die Rolle des Reservisten erstmal hintenan gestellt. Bis zur ersten Piaffe war der Hannoveraner gut unterwegs, lag um die 77 Prozent. Doch dann kam die Piaffe. Nach den ersten Tritten machte der Don Frederico-Sohn einen Hüpfer, dann noch einen und noch einen. Erinnerungen an Balve kamen hoch, da hatte der Hannoveraner im Grand Prix Special in der ersten Piaffe bei den Deutschen Meisterschaften ebenfalls blockiert. Isabell Werth korrigierte deutlich, ließ den Wallach kurz vorm Erreichen des Hufschlags lange piaffieren, bis wieder alles im Lot war. Da war die Note aber von über 76 Prozent in den 60-er Bereich abgestürzt. Isabell Werths Routine, sie hat schon über zehnmal den Großen Dressurpreis, die Addition aller Ergebnisse der Prüfungen der Großen Tour in Aachen gewonnen, zahlte sich aus, als Johnny zum Abschluss eine mustergültige Piaffe bei X zeigte. Doch mehr als Rang elf war nicht drin.

Der Brite Michael Eilberg wurde im Sattel von Marakov Vierter. Der Braune ist lektionssicher, die ganz große Aura weiß er allerdings nicht im Viereck zu verbreiten (71,6 Prozent). Fünfte wurde Dorothee Schneider mit Forward Looking. Die Stute zeigte sich von ihrer guten Seite. Es gab kleinere Unsauberkeiten, aber keine groben Schnitzer (71,48 Prozent).

Der Oldenburger Hengst Romanov aus dem Besitz des österreichischen Waffenproduzenten Glock zeigte unter dem Niederländer Hans Peter Minderhoud einen Ritt mit deutlichen Mängeln in allen Kriterien, in denen Durchlässigkeit besonders abgeprüft wird: Rückwärtsrichten übereilt, Schritt mit Taktverlust, der Hengst durchgehend eng im Hals, keine Rahmenerweiterung in den starken Tempi, schwankende Piaffen trotzdem gab es noch eine Bewertung jenseits von ziemlich gut (7,0), nämlich 70,8 Prozent, Platz sieben. Die Richter waren übrigens dieselben, die auch bei den Weltreiterspielen in den Häuschen am Viereck sitzen werden.

Ganz anders zeigte sich Girasol, die Württemberger Stute, die unter Nadine Capellmann eine durchwachsene Saison hatte. Jetzt zeigte sich die Stute in vielen Lektionen entspannter, das tut dem Gesamtbild der Gribaldi-Tochter gut. In der Piaffe reitet Nadine Capellmann die Württembergerin leicht nach vorwärts, wohl um den Fluss zu erhalten. In der abschließenden Piaffe bei X kurz vorm Schlussgruß gelang das wirklich gut. Der Ritt, der auf Solidität, weniger auf Extravaganz angelegt war, erntete 71,36 Prozent Platz sechs. Achte wurde Diego v. Don Larino unter Marion Engelen (70,48).

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