Deutsches Dressurteam ist Weltmeister, Werth liefert Bestleistung mit Bella Rose

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Mit Freudentränen in den Augen zelebrierte Isabell Werth die Schlusslinie im Grand Prix auf Bella Rose. WM Tryon 2018 (© Pauline von Hardenberg)

Die deutsche Dressurequipe ist mit deutlichem Abstand Mannschaftsweltmeister geworden. Isabell Werth und Bella Rose setzten sich mit persönlicher Bestleistung an die Spitze. USA auf Platz zwei, Großbritannien gewinnt Bronzemedaille.

„Wenn es nach mir geht, können wir gerne 45 Grad haben“, hatte Isabell Werth gestern gescherzt. „Hauptsache mein Kopf bleibt noch klar.“ Denn Bella Rose scheint kein Problem mit der Hitze zu haben.  Die erfolgreichste Dressurreiterin aller Zeiten muss einen guten Draht nach oben haben. Immer heißer war es im Laufe des Nachmittags geworden. Kaum ein Lüftchen, das Abkühlung gewährt hätte. Schon gestern hatte Dorothee Schneider nach dem Grand Prix gesagt, Sammy Davis jr. habe nach der Prüfung mehr als sonst „gepumpt“.

Allerding zog eine Wolke vor die Sonne, als das Paar ins Stadion gebeten wurde. Ein Omen? Wenn, dann ein gutes. Denn Isabell Werths Rechnung, die Nummer eins der Welt, Weihegold, zu Hause zu lassen, ist aufgegangen. Es war die mit Abstand beste Prüfung, die Bella Rose je gegangen ist. 84,814 Prozent – Führung, Gold für Deutschland! Ein Comeback, das damit Sportgeschichte geschrieben hat.

Bella Rose siegt für deutsches Gold

Schon die Grußaufstellung, von Bella Rose nicht wirklich geliebt, gelang souverän. Keine Unruhe. Jetzt ging es ums Ganze, das schien die Belissimo M-Tochter zu wissen. 8,3 zum Auftakt. An der ersten kurzen Seite ein herrliches Bild: Die hochbeinige Fuchsstute im versammelten Trab, leicht an den Hilfen, federnd und ausdruckstark. Und dann die Traversalen. Besser hat sie vielleicht noch Satchmo an einem seiner besten Tage gezeigt. Stellung, Biegung, Kadenz, Takt, weites Übergreifen – alles da und nahe der Vollendung. 8,9 gab es für die Linkstraversale. „Das geht eigentlich nicht besser.“

Dieses Pferd ist ein Geschenk. Ich war elektrisiert als sich sie dreijährig gesehen habe und das hat sich bis heute nicht verloren.

Pauline von Hardenberg

Mit fast 85 Prozent lieferten Isabell Werth und Bella Rose eine neue Bestleistung im Grand Prix ab. (© Pauline von Hardenberg)

Das Rückwärtsrichten gelang erst auf die zweite Hilfe, 7,1. Dann die erste Piaffe. Die erste Gänsehaut. Die erste von mehreren, die noch folgen sollten. Übergänge so fließend und energisch, rhythmisch und präzise wie man es selten sieht. Bewertung: 9,6. Ein Raunen ging durchs Stadion als diese Note, für die Reiter nicht sichtbar, auf den Anzeigetafeln, die das „Open Scoring“ den Zuschauern zeigen, erschienen. 7,0 für den starken Schritt. Die Note 83,7 als Zwischenwertung. Die zweite Piaffe wieder mit brillanten Übergängen. Sichere Zweierwechsel, nicht ganz schnurgerade, 7,6. Starker Galopp nicht mit 100 Prozent Risiko geritten, gefolgt von gut eingeteilten Zickzack-Traversalen, mit Stellung und Biegung. Kontrolliert, aber auch selbstsicher ging Isabell Werth mit ihrem Herzenspferd „Bella“ zur Sache.

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Das zeigte sich spätestens nach den beiden Galopppirouetten auf der Mittelinie. Da grinste Isabell Werth ins Richterhäuschen. Vermutlich wissend, dass sie auf der letzten Linie, mit der dritten Piaffe, eingebettet von Passagen, nur noch gewinnen konnte. „Ich habe mehrfach während der Prüfung gelacht, aber mich immer wieder gezwungen, mich zu konzentrieren. So eine Prüfung gelingt einem nicht jeden Tag. Als ich die letzte Mittellinie runterritt, das war Gänsehaut pur“, sagte die neue Mannschaftsweltmeisterin im Anschluss.

Das war heute eine Sternstunde.

Pauline von Hardenberg

Der Dank an Bella Rose! Vier Jahre nach ihrem Verletzungsaus bei der WM 2014 ist die Stute zurück. Und wie! (© Pauline von Hardenberg)

Diesem Fazit konnte sich jeder anschließen, der es gesehn hat. Jessica von Bredow-Werndl (Neunte der Einzelwertung) und Dorothee Schneider (13.) nahmen ihre Mannschaftskollegin am Ausritt des Stadions in Empfang. „Weltmeisterin“, juchzte Jessica von Bredow-Werndl. Sönke Rothenberger (Dritter) gratulierte derweil Bella Roses Besitzerin Madeleine Winter-Schulze. Die, und das ist die weniger erfreuliche Nachricht des Abends, ist vor der Siegerehrung hingefallen und liegt im Krankenhaus zur Untersuchung. Und so hatte Isabell Werth bei aller Freude nach Pressekonferenz und Dopingprobe nur noch ein Ziel: Schnell zu „Mado“ und sehen, wie es ihr geht.

Silber für die USA dank starkem Schlussritt

Der Druck der Schlussreiterin lastete auf der US-Amazone Laura Graves und Verdades. Nicht nur letzte Reiterin des US-Teams, sondern der Abschluss des gesamten Grand Prix. Was sofort auffiel: Dieser Ritt mit dem zwar 16 Jahre alten, aber gerne einmal heiß werdenden Verdades stand unter der Überschrift „Kontrolle“. Vom Halten, geschmeidigen Traversalen über einen etwas untertourig gerittenen zweiten starken Trab und einer akzentuierten ersten Piaffe gelang alles. Weich, geschmeidig, gut. Vor dem Schritt rangierte das Paar auf Position zwei in der Zwischenwertung. Gröbster Schnitzer war der Übergang aus der zweiten Piaffe in die Passage. Dabei ging der Rhythmus verloren. Ein Zwischenschritt, dann ging es weiter. Die Zweierwechsel waren sicher, die sehr guten Einerwechsel hatte Laura Graves zu früh eingeleitet, so dass sie schon kurz nach X vorbei waren, 8,3. Die gab es auch für die Zickzack-Traversale, wiederum sehr kontrolliert. Gute Pirouetten, ein leichtes Ausweichen im Hinterbein bei der abschließenden Piaffe schlossen die Prüfung ab.

81,537 Prozent, damit war die Silbermedaille für die Gastgeber sicher. Die Hitze hatte Verdades keine Probleme bereitet, „der“, lachte Laura Graves, „ist immer frisch“.

Die zweitbeste US-Amerikanerin, Kasey Perry-Glass, freute sich anschließend auf den morgigen Tag mit ihrem Dublet und den Grand Prix Special. Dort, so die Achtplatzierte, wolle sie noch einmal mehr Gas geben. „Er lässt das zu“. (Über die ersten Ritte des Entscheidungstags, lesen Sie hier ausführlich).

Die Briten können es auch ohne Valegro

Ein Pferd, das alle sehen wollten, auch weil es bislang wenig international und wenn, dann vor allem im heimischen Großbritannien eingesetzt wurde, ist Freestyle. Die Hannoveraner Stute ist die neue Hoffnung von Olympiasiegerin Charlotte Dujardin. Aus der Hoffnung ist am 14. September 2018, also heute, ein Star geworden. Und das im zarten Alter von neun Jahren. Das jüngste Pferd im Feld.

Pauline von Hardenberg

Neun Jahre jung! Freestyle unter Charlotte Dujardin (GBR), Platz fünf im Grand Prix. (© Pauline von Hardenberg)

Die Richter liebten dieses Pferd ganz offenkundig. Die Fidermark-Tochter mag ein etwas altmodisches Modell sein, aber sie hat das Zeug zu punkten. Ein dicker kurzer Hals, eine gerade Kruppe – Muttervater Donnerhall scheint ein wenig im Styling durch. Im Styling und in den Tugenden und Talenten. Die Stute hat alles, was es für Piaffen und Passagen braucht. Wobei sie noch in den Piaffen dazu neigte, ihre Hinterbeine weit, mitunter zu weit unter ihren kurzen Rücken zu schieben. Dann ist es schwierig den Takt zu halten. Das gelang Freestyle in keiner der drei Piaffen, die im Grand Prix gefordert sind. Die erste Piaffe hatte zunächst eine Rückwärtstendenz in der Einleitung, zur zweiten ließ die Britin die Stute zu früh antreten, deutlich vorm geforderten Punkt.

Einige Übergänge in die Passage waren exzellent, wenn auch noch etwas breit im Hinterbein getreten. Mühelos setzte sich die Stute in die Erhabenheit, die diese Lektion ausmacht. Und das mit viel Knieaktion. Die fliegenden Galoppwechsel zählten zu den Highlights. Die Galopppirouetten waren zwar sehr groß angelegt, bekamen aber trotzdem Bewertungen bis 7,6. Im versammelten Galopp und dort vor allem auf Wendungen, ist die Stute manchmal kurz vor der Grenze den klaren Dreitakt zu verlieren. Mit 77,764 Prozent lieferte das Paar die beste Leistung des britischen Teams ab, Platz fünf in der Einzelwertung, die allerdings für die weiteren Prüfungen nicht relevant ist. Einmal abgesehen davon, dass die Richter die Rangierung im Hinterkopf haben.

Carl Hester, mit Delicato Sechster im Ranking, scherzte, man sei in die USA gefahren, um zu zeigen, dass die britische Dressur eben „doch nicht nur Valegro sei“. Auf den Namen „Miss Valegro“ soll Freestyle im Stall hören. Charlotte Dujardin gab freimütig zu, dass sie gegrübelt hätte, ob sie schon in die USA fliegen sollte mit solch einem jungen Pferd.

„Ich war mir nicht sicher, sie ist neun Jahre alt, ich glaube es war ihr sechster Grand Prix. Mein Motto war, einfach rein und das beste versuchen, ihr Sicherheit vermitteln, nächstes Jahr geht mehr. Die Fehler, die wir hatten, sind leicht zu beheben.“


MANNSCHAFTSWELTMEISTERSCHAFTEN  DRESSUR 2018

GOLD: Deutschland 242,95
(Isabell Werth, Bella Rose/84,829, Sönke Rothenberger, Cosmo/81,444, Jessica von Bredow-Werndl, Dalera/76,677, Dorothee Schneider, Sammy Davis jr./75,062)

SILBER: USA 233,136
(Laura Graves, Verdades/81,537, Kasey Perry-Glass, Dublet/76,739, Adrienne Lyle, Salvino/74,860, Steffen Peters, Suppenkasper/73,494)

BRONZE: Großbritannien 229,628
(Charlotte Dujardin, Freestyle/77,764, Carl Hester, Delicato/77,283, Spencer Wilton, Super Nova II/74,581 Emile Faurie, Donno di Maggio, 72,795)


Eng war es zwischen den Briten und den Schweden. Vor allem als deren Schlussreiter Patrik Kittel mit Well Done nach einem fehlerfreien Ritt mit hohen Bewertungen in Piaffen und Passagen mit 78,199 Prozent hinter Sönke Rothenberger und Cosmo auf Rang vier im Einzelklassement landete. 229,628 Zähler hatten die Briten, 229,456 die Schweden.

„Zackig“ – Vater und Sohn

Einen deutlichen Schritt nach vorne haben der Niederländer Edward Gal und Zonik seit dem Weltcupfinale im April gemacht. Der mit mächtigem Hals ausgestattete Zack-Sohn bestach mit seiner Trabverstärkung. Auch in den Traversalen bewegte er sich mit viel Ausdruck und hoher Aktion im Vorderbein. Das Rückwärtsrichten war gehorsam. Nur in der Piaffe verlor der imposante Hengst, dem man das Testosteron auf 100 Meter Entfernung ansieht, an Ausdruck. Wenig Aktion im Vorderbein, aber dafür im Takt. Der starke Schritt gelang gut, 7,6. Auch die zweite Piaffe wünschte man sich lebhafter.

In der Galopptour reichte der Hengst nicht an seine Möglichkeiten im Trab heran. In der Zickzack-Traversale war das Genick nicht immer der höchste Punkt. Die Einerwechsel gelangen gut, 7,9. Während die erste Pirouette noch auf kleinem Kreis gewendet war, überdrehte der Hengst die Rechtspirouette und rettet sich mit einem Sprung nach vorne heraus. So etwas kostet Punkte, die Pirouetten haben den Faktor zwei im Protokoll. 77,189 Prozent, Platz sieben. Die Niederländer landeten in der Mannschaftswertung auf Rang fünf.

Außerdem noch in den Top Ten: Der Däne Daniel Bachmann Andersen mit dem Hengst Zack, Zoniks Vater. Auch er Finalist beim diesjährigen Weltcupfinale von Paris. Er kam auf 76,149 Prozent. Der Rousseau-Sohn vom dänischen Gestüt Blue Hors setzte sich im skandivanisch berittenen Deckhengste-Duell damit mit 0,05 Prozent – vermutlich kaum mehr als einen Punkt – vor seinen Kollegen Dante Weltino vom Dressurpferdeleistungszentrum Lodbergen, der zweitbeste. In den Piaffen gab es leichte Taktprobleme. Am Ende der Zickzack-Traversalen und kurz vorm Schlussgruß stockte der Hengst kurz. Vater und Sohn unter den zehn besten der Welt. Das hat es auch noch nicht gegeben.

Ergebnisse finden Sie hier.

Morgen steht der Grand Prix Special auf dem Programm. Hier gehen die 30 besten Pferde der heutigen Prüfung an den Start. Erstmals geht es dann im Dressurviereck um Einzelmedaillen.

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