„Die Grenzlinie ist das Problem!“

Interview mit Chefrichter Dr. Volker Moritz zu den Dressururteilen beim CHIO Aachen 2005
Die voneinander abweichenden Noten der Aachener Dressurprüfungen gaben zuweilen zum Kopfschütteln Anlass. St.GEORG-Chefredakteurin Gabriele Pochhammer sprach mit Dr. Volker Moritz über das Problem des Richtens.

St.GEORG: Wie erklären Sie sich die zum Teil erhebliche voneinander abweichenden Richterurteile in Aachen?
Dr. Volker Moritz: Spektakuläre Unterschiede gab es vor allem im Grand Prix Special, bei Weltall von Martin Schaudt bis zu 20 Plätze. Aber auch in den anderen Prüfungen, der CDI-Tour und der kleinen Tour gab es deutlichere Abweichungen. Das fällt umso mehr auf, als wir uns bemühen, die Richterurteile transparent zu machen, das heißt, indem bereits während der Prüfung die Noten für die einzelnen Lektionen sichtbar gemacht werden. Ich bin überzeugt, dass jedes Mitglied der Jury seine Pflicht tut. (Zwischenfrage: Genügt das?„Hat seine Pflicht getan“ ist in einem Zeugnis eine niederschmetternde Bewertung.) Menschen sind eben keine Computer.
Manche Unterschiede lassen sich aus der Position des Richters erklären. So erging es mir mit der Schweizer Reiterin Silvia Iklé: Ich saß bei C, und dreimal streckte das Pferd in der Kür die Zunge heraus, jedes Mal direkt vor mir. Ich dachte, was hat das Tier gegen mich. So etwas schlägt sich natürlich auch in die Schlussnoten Harmonie, Rittigkeit und Durchlässigkeit nieder. Die anderen Richter konnten das gar nicht sehen. Hier gibt es also eine logische Begründung für abweichende Noten. Zwischenfrage: Aber das ist ja wohl nur ein Sonderfall.
Die Jury in Aachen hatte in dieser Zusammensetzung vorher noch nie zusammen gerichtet.
St.GEORG: Ist das wichtig?
Dr. Volker Moritz: Es erleichtert die Kommunikation. Man tauscht sich doch aus in den Pausen, zu zweit, zu dritt. Wenn diese Kommunikation fehlt, erschwert das die Angelegenheit.
St.GEORG: War das denn in Aachen der Fall?
Dr. Volker Moritz: Ja, ohne Namen zu nennen,  legte ein Richter, der zum ersten Mal in Aachen richtete, auf diese Kommunikation offenbar keinen Wert.
St.GEORG: Meinen Sie ihren finnischen Kollegen?
Dr. Volker Moritz: Ich habe gesagt, ich möchte keine Namen nennen.
St.GEORG: Wie ist es möglich, dass ein relativ unbekannter und offenbar auch unerfahrener Richter beim größten Dressurturnier der Welt richten darf?
Dr. Volker Moritz: An sich ist es gute Tradition, dass in Aachen die Richter sind, die auch beim jeweiligen Championt richten. Das war diesmal leider nicht der Fall. Ein Richter wurde auf persönlichen Wunsch eines Trainers aus dem Aachener Raum eingeladen. Er war kompletter Newcomer und bemühte sich auch nicht, Rat einzuholen.
St.GEORG: Der Veranstalter lädt die Richter ein. Ist das eine gute Lösung. Wäre es nicht besser, die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) würde die Richter einsetzen und sie damit unabhängiger machen?
Dr. Volker Moritz: Der Veranstalter hat hier völlige Freiheit, aus der Richterliste auszuwählen und das ist auch gut so. Die FEI wäre damit rein verwaltungstechnisch überfordert. Allein in Aachen mit CDIO-Tour, CDI-Tour und Kleiner Tour brauchte man zehn Richter, sonst mindestens sieben.
St.GEORG: Wie unbefangen sind die Richter vor diesem Hintergrund?
Dr. Volker Moritz: Bei Veranstaltungen wie Aachen kann man davon ausgehen, dass kein Richter befangen ist. Dass der Veranstalter ihm willfährige Richter einlädt, können sie vergessen. Das mag auf B-Turnieren anders sein.
St.GEORG: In welchen Punkten herrschte bei den Aachener Richterurteilen besondere Uneinigkeit?
Dr. Volker Moritz: Es sind keine Schwerpunkte erkennbar. Die Abweichungen ziehen sich nach dem Zufallsprinzip durch die ganze Aufgabe.

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