DM Balve 2020: 6,5 Punkte zwischen Dalera und Weihegold im Grand Prix

Dressur, Qualifikation, DM

Isabell Werth und Weihegold OLD, Balve DM 2020 (© von Korff)

Kopf an Kopf-Rennen in der ersten Prüfung bei den Deutschen Meisterschaften Dressur in Balve. Isabell Werth und Weihegold setzten sich knapp vor Jessica von Bredow-Werndl und Dalera. Dorothee Schneider und Faustus wurden Dritte.

So mag es Isabell Werth: Als sie als letzte Starterin in goldenem Sonnenschein mit Weihegold ins Viereck in Balve ritt, kam ihr Jessica von Bredow-Werndl mit Dalera entgegen. Und in dem Moment erschien die Wertung für das Bayern-Duo: Über 81 Prozent – Isabell Werth war spätestens jetzt im Wettkampfmodus angekommen.

Dem routinierten Duo gelang ein präziser Ritt mit energisch abfußenden Passagen und Piaffen, dynamischen Übergängen und super zentrierten Pirouetten. „Da glaube ich, kann man nicht kleiner drehen“, so Isabell Werths Fazit.

Einziger Haken: Die 15 fliegenden Galoppwechsel von Sprung zu Sprung sprang die Stute, aber erst auf die dritte Hilfe. So begann Weihegold erst kurz vorm Mittelpunkt, schaffte aber noch alle „Einer“ vorm Wechselpunkt abzuschließen. „Weihe ist ja schon länger im Geschäft, die weiß, was dann kommt. Weil sie auf der Diagonalen gleich loslegen wollte, habe ich sie erstmal zurückgenommen. Als ich dann die Hilfen für die Wechsel gegeben habe, hat sie erstmal nicht reagiert. So nach dem Motto, ja was denn nun , kannst du dich mal entscheiden?“

Die Trabverstärkungen lagen eher im unteren Erwartungshorizont, die letzte Mittellinie mit Passage, Piaffe und Passage war dafür Weltklasse. „Ich hatte eine Gänsehaut“, sagte Richterin Dr. Evi Eisenhardt im Anschluss. Und Gänsehaut = dreimal 10,0 im Protokoll. Sie und Elke Ebert hatten die beiden Weltcup-Abonnement-Siegerinnen auf Platz eins gesehen. Die drei anderen Juroren, Katrina Wüst, Henning Lehrmann und Christoph Hess, sahen das Team „Aubi“ vorne: Jessica von Bredow-Werndl und Dalera. 6,5 Punkte trennte das Paar am Ende von Isabell Werths Siegerritt, der mit 81,6 Prozent bewertet wurde.

Teurer Zick-Zack-Fehler für Jessica von Bredow-Werndl

Jessica von Bredow-Werndl und Dalera klopfte vorm Einreiten die Stute noch mit der linken Hand in einer Passage, zupfte sich den Frack zurecht, dann ging es los. Hochkonzentriert ging es schon in die erste Ecke auf der linken Hand nach einem Halten, das noch besser hätte sein können. Jenseits von 80 Prozent ist die Luft dünn, da zählt jedes noch so kleine Mosaiksteinchen. Besagte Ecke, lehrbuchmäßig angelegt („wie eine Viertel-Volte“), läutete eine sichere Trabverstärkung ein. Die Traversalen waren weit kreuzend, die Passage-Piaffe-Touren leichtfüßig, taktmäßig und federnd. Ein kurzes Klopfen am Hals zu Beginn des starken Schritts sollte der Easy Game-Tochter wohl signalisieren: Weiter so!

von Korff

Jessica von Bredow-Werndl und TSF Dalera BB, DM Balve 2020

Teuer war aber dann ein Fehler in den Zickzack-Traversalen: einmal sprang Dalera erst nach sieben Galoppsprüngen im Seitwärts den fliegenden Wechsel. In dieser Lektion gab es im Schnitt eine 5,9. Isabell Werth hatte hier zehn Punkte mehr. „Mein Fehler, ich hätte sie nicht stören sollen, da wollte ich für einen Moment zu viel Kontrolle“, so Jessica von Bredow-Werndl. „Dalera ist in einer Hammerform. Es macht krass viel Spaß in Balve“, 81,34 Prozent, Platz zwei.

Glücklich sein konnte auch Dorothee Schneider, deren Faustus seine gute Form von Ising bestätigen konnte. Der Hannoveraner Wallach v. Falsterbo ging mit wunderschöner Silhouette, die Traversalen waren fließend und vorbildlich in Biegung uns Stellung, die Piaffe gut am Platz, aber nicht ganz so spritzig wie die beiden Erstplatzierten.

Dorothee Schneider und Faustus DM Balve 2020

Ausgerechnet in der Galopptour, in der der Zwölfjährige auftrumpfen kann, wie kaum ein Zweiter, gab es ein Missverständnis: Der erste Wechsel in den Zweierwechsel kam nicht, dafür dann volles Risiko in einer Mordsgaloppverstärkung: Und obwohl er äppeln musste, zeigte der Hannoveraner auch noch 15 Einerwechsel bester Sorte, schnurgerade, das Genick immer oben. In der zweiten Pirouette musste der innere treibende Schenkel für einen Moment deutlich den Fleiß erhalten. Aber auch das gelang der Reitmeisterin. Nach ausdrucksstarker Passage-Piaffe-Tour zum Abschluss kam das Paar auf 78,36 Prozent.

Werth: „Geschicklichkeitsreiten mit Emilio“

Isabell Werth und Emilio waren als zweites Paar gegen 15.40 Uhr am Start gewesen. „Das war heute ’ne heiße Sache“, lautete ihr Fazit als sie das Viereck acht Minuten später verließ. Und in der Tat hätte wohl keiner husten dürfen während der Prüfung. Denn dann wäre Emilio möglicherweise in die Luft gehüpft. Es war ein Ritt auf einem Vulkan, einem westfälischen.

Das kündigte sich schon bei der Grußaufstellung an und setzte sich dann fort. Im Schritt hielten alle die Luft an. Reiterin, Pferd und Publikum. Neben dem Pferdebegleitpersonal sind ja 600 Zuschauer erlaubt in Balve. Im versammelten Schritt hätte es Zeitfehler geben müssen, so lange brauchte das Paar an der kurzen Seite.

Ich habe nicht geatmet und nur gedacht, nicht bewegen, nicht bewegen, nicht bewegen“

Isabell Werth

Das war heute Geschicklichkeitsreiten, wenn es dafür ne Note geben würde, die wäre hoch“, scherzte die 15-fache deutsche Meisterin im Anschluss.

„Emilio ist die ganze Zeit hier schon geladen. Heute morgen wollte ich eigentlich nur ein bisschen Schritt reiten, wie immer. Aber dann hat er die Pferde in der Führmaschine gesehen. Da konnte er nur noch piaffieren.“ Sie habe ihn morgens dann noch etwas getrabt und galoppiert, um die Spannung herauszubekommen. „Immerhin hat er technisch keine Fehler gemacht, das war ja früher schon mal anders, da konnte er schon mal auf der Stelle galoppieren, um sich Luft zu machen.“

Auch die fliegenden Galoppwechsel waren unter der Devise Sicherheit vor Ausdruck angelegt. Darunter litt die Einteilung beispielsweise der 15 fliegenden Galoppwechsel von Sprung zu Sprung auf der Diagonalen. Höhepunkte waren die Pirouetten, vor allem die auf der rechten Hand. Da war Emilio vor den treibenden Hilfen, setzte sich, sprang auf kleinstem Kreis. Mit generösen 78,02 Prozent wurde das Paar Vierte.

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Platz fünf ging mit77,78 Prozent an Benjamin Werndl und Daily Mirror. Es war eine Runde mit vielen Bewertungen im Bereich von 7,5 bis 8,5 und einigen Neunen. Das Rückwärtsrichten kostete ein paar Punkte, ein leichtes Stocken in der ersten Piaffe, nicht die Lieblingslektion von Daily Mirror, aber sicher ausgeführt, ließ auch mal ein sechs vorm Komma erscheinen. Die zweite Piaffe gelang gleichmäßiger als die erste. Im Galopp hieß es dann in jeder Lektion „alle ACHTung“. Unter das „gut“ rutschte zunächst keine der Bewertungen. Klasse Zweier-, noch bessere Einerwechsel, in der Linkspirouette kam dann im ersten Drittel der Fleiß abhanden: Da musste Werndl einmal den Damon Hill-Sohn an seinen Job erinnern, in der Rechtspirouette blieb der Galopprhythmus im Hinterbein nicht ganz erhalten. Teuer, schließlich sind die Galopppirouetten ja mit dem Faktor zwei in der Wertung versehen.

Fünf Paare wurden in Blave platziert. Auf den Rängen folgten Ingrid Klimke und Franziskus, der als noch etwas Applaus aufbrandete weil Vorreiterin Dorothee Schneider gerade die Bahn verließ, fröhlich vor der Prüfung bockte. Die Piaffen waren gut am Punkt, das gewohnt beherzte Zulegen im starken Galopp ein Highlight. Im Schritt ärgerten den Fidertanz-Sohn die Fliegen etwas, das quittierte er mit leicht unruhigem Kopf – 77,4 Prozent.

76,56 Prozent erzielte Benjamin Werndl mit seinem zweiten Pferde Famoso OLD. Eine Störung in einer Piaffe und ein Taktfehler im letzten starken Trab kosteten ein paar Punkte.

Noch über 75 Prozent kam auf Rang acht Helen Langehanenberg mit der hochbeinigen Holsteiner Stute Annabbelle v. Conteur. Die braune Stute wirkt immer sicherer im Grand Prix-Viereck, 75,02 Prozent.

Mit 74,2 Prozent folgten Senta Kirchhoff und L’Arbuste, letztjährige Sieger im Louisdor-Preis. Der Wallach ist einer, dem Corona den Einstieg in den „echten“ Grand Prix Sport nicht gerade erleichtert hat. Ich Hagen zeigte er schon einen sehr guten Grand Prix, sagt Bundestrainerin Monica Theodorescu. Heute fehlte den beiden etwas von jener Prüfungsroutine, die das Paar in „normalen Zeiten“ hätte sammeln können. Insgesamt wünschte man sich, dass der in Dänemark geborene Oldenburger mehr Last aufnimmt und dadurch letztendlich die Nase noch deutlicher an die Senkrechte bekommt in der Prüfung. Dann sind sicherlich noch ganz andere Bewertungen drin für den schmucken Zehnjährigen.

Den zehnten Rang gab es für ein weiteres Pferd, das in den Grand Prix-Sport hineinwächst. Auch wenn Sönke Rothenbergers Santiano R schon im Weltcup eingesetzt wurde. Der San Amour-Sohn aus Brandenburg hat viel Talent für Piaffen und Passagen. Bei der Trabverstärkung trat er heute aber kaum über die Spuren der Vorderhufe mit seinen Hinterhufen. In den Zweierwechseln schüttelte er kurz den Kopf. Gerade und aktiv in der Anlage zeigte der Braune die 15 Einerwechsel, aber leider nicht fehlerfrei. Punkten konnte Rothenberger zum Schluss der Aufgabe als er an schöner leichter Verbindung auf der letzten Linie zu Piaffe und Passage ansetzte, 74,16 Prozent.

Blut führt zum Ausschluss

Weil im Verlauf der Prüfung sein Pferd im Maul zu bluten begonnen hatte, wurde Frederic Wandres disqualifiziert. Chefrichterin Katrina Wüst sah das verdächtige Rot und stapfte durchs Viereck, das Papiertaschentuch gezückt. Ein Wischen am Maul des Hannoveraners Duke of Britain machte klar: Für Frederic Wandres ist die DM leider zu Ende.

www.st-georg.de

Chefrichterin Katrina Wüst mit dem blutigen Taschentuch auf dem Weg zum Richterhäuschen.

 

Im morgigen Grand Prix Special wird der erste Medaillensatz für die Deutsche Meisterschaft 2020 vergeben, um 15 Uhr beginnt die Prüfung. Dass Corona den Rahmen der DM möglicherweise beeinträchtigen könnte, ist übrigens nicht der Fall. Bundestrainerin Monica Theodorescu lobte die Verantstalter, „hier wurden keine Mühen gescheut!“

Die Ergebnisse finden Sie hier,

https://results.hippodata.de/2020/1843/html/de/hippodata/resultlist_01.html?style=balve2020