DRESSUR – Unschlagbare Dujardin gewinnt Kür-Gold, grandioser Damon Hill Silber

Dressur ist in der Spitze weiblich: Helen Langehanenberg

(© Pauline von Hardenberg)

Dressurreiten in Perfektion lieferten zwei Reiterinnen heute
im d’Ornano Stadion in Caen ab. Die Britin Charlotte Dujardin siegte mit
Valegro in überlegener Manier in der Kür. Helen Langehanenberg und Damon Hill
gewannen in Superform Silber und Adelinde Cornelissen (NED) freute sich mit
Parzival über Bronze. Auch Kristina Sprehe kann stolz sein.

Wenn Valegro kein Fehler unterläuft, dann kann ihn kein Pferd auf der Welt schlagen. Das ist nach dem Kürsieg bei den Weltreiterspielen in der Normandie amtlich. Die Britin Charlotte Dujardin zeigte mit dem niederländischen Wallach (zwei Tage zuvor hatten sie bereits den Einzel-Titel gewonnen), dass die Kür auch ein Musterbeispiel für klassisch gutes Reiten sein kann. In ihrem Programm werden keine Schwächen kaschiert, so viele weist Valegro ja auch nicht auf, sondern vielmehr wird in jedem Moment unterstrichen, zu welchen Abfolgen von Lektionen ein Pferd in der Lage ist, das von Kopf bis Fuß locker und durchlässig ist. Das ist kein Gewürge von Höchstschwierigkeit zu Höchstschwierigkeit, sondern eine Steigerung der Anforderungen der klassischen Aufgaben, geschickt untermalt mit passender Musik. Im konkreten Fall Musik aus dem Film Drachenzähmen leicht gemacht was aber in keiner Weise ihr Verhältnis zu Valegro widerspiegele, wie die amtierende Olympiasiegerin und Welt- und Europameisterin (damit ist sie übrigens diesbezüglich mit Isabell Werth/Gigolo und Nicole Uphoff/Rembrandt gleichgezogen) betonte. Es war begeisternd, mit welcher Leichtigkeit der Negro-Sohn sich in den Piaffen scheinbar beliebig oft in die eine oder andere Richtung wenden lässt, ohne auch nur im Traum daran zu denken, den Takt zu verlieren. Fliegende Wechsel von Sprung zu Sprung der Marke absolute Gänsehaut, Pirouetten , einfach alles war gut, nein sehr gut. Vielleicht eine Sekunde Spannung im versammelten Schritt geschenkt, dieses Reiten war ein Beispiel dafür, wie Dressur aussehen soll. Bis hin zur Ehrenrunde. Die Help, Help-Schreie von vor acht Jahren bei der Ehrenrunde bei den Weltmeisterschaften in der Aachener Soers sind Geschichte. Gut so!
Bundestrainerin Monica Theodorescu schwärmte von der leichten Anlehnung, und war auch begeistert von dem, was nach der Kür kam, als die 21.000 Zuschauer in bester Fußballfan-Manier mit Fahnen und Applaus Valegro und Dujardin feierten. Da geht er dann aus dem Stadion raus, als würde sie gerade mit ihm durch den Wald reiten. Heute wird wohl noch ein bisschen gefeiert. Ihr Trainer und Mentor Carl Hester, „es gibt keinen besseren auf der ganzen Welt“, würde dem Alkohol durchaus nicht abgeneigt sein, wenn die Gelegenheit da sei, so die neue Doppelweltmeisterin. Ich glaube heute hatte er schon genug, so richtig feiern werden wir dann wenn wir zu Hause sind.
Feiern darf, nein muss, auch Helen Langehanenberg. Damon Hill hat sich bei den Weltreiterspielen kontinuierlich gesteigert, von Prüfung zu Prüfung. Heute war der Mr. Hill, wie Helen Langehanenberg den Donnerhall-Sohn gerne nennt, in Bestform. Er zeigte äußerst gleichmäßige Piaffen, war zu jeder Sekunde vor den treibenden Hilfen und reihte ebenfalls Höchstschwierigkeit an Höchstschwierigkeit aneinander. Wenn die Musik zu tiefen, akzentuierten Celli wechselt und der westfälische Hengst zu passagieren beginnt, dann weiß man, was die Chefrichterin Isabelle Judet meint, wenn sie sagt, die Richter hätten nicht grübeln müssen, die Noten seien ihnen zugeflogen. Und wenn sich Damon Hill mit gesenkter Kruppe bei aktiv abfußendem Hinterbein schier um den inneren Schenkel seiner Reiterin wickelt und in der Passage traversiert, dann ist das etwas, was man nicht vergisst. Nie!
Was Damon Hill so einzigartig macht? Helen Langehanenberg, die sagt dass die 88,286 Prozent von heute sich besser als die 90,38 Prozent vom Februar dieses Jahres in Neumünster angefühlt hätten, hat ein passendes Bild zur Hand: Es sei eben nicht nur, dass Damon Hill Stadionatmosphäre liebe und alle geben würde. „Er ist irgendwie gar kein Pferd. Wenn er etwas kleiner wäre, würde er gemeinsam mit uns auf dem Sofa sitzen.“
Bis der mit der Bronzemedaille ausgezeichnete Wallach Parzival neben seiner Reiterin Adelinde Cornelissen einen Sofa-Platz angeboten bekommt, dauert es noch ein wenig. Der 17-jährige ging die Red Knight roter Ritter Kür, die mit ihrer teilweise mittelalterlichen Instrumentierung ein wenig Ähnlichkeiten im Musikstil mit der Siegerkür der Britin hat. In der ersten Linkspirouette verlor der Jazz-Sohn den klaren Galopprhythmus, in der zweiten war das dann besser. Insgesamt wirkte er matter als früher, in die Passagen fußt er längst nicht mehr so energisch ab, wie noch vorn ein paar Jahren. Allerdings war er in den Piaffen deutlich ausbalancierter als noch im Grand Prix, in dem er deutlich mit dem Kopf genickt hatte. Auch die Galoppwechsel, sonst eine der Stärken des Fuchses, haben an Ausdruck verloren. Dafür zeigte er zum Schluss der Prüfung eine frische und aktive Piaffe mit zweifachem Richtungswechsel. An ein Aufhören denkt Cornelissen nicht, auch wenn der Fuchs seit 2012, als bei ihm ein Herzproblem diagnostiziert wurde, nur noch mit Pulsmesser trainiert wird. Allerdings trug er den zu Trainingszwecken auch schon vorher. Cornelissen ist ein Sportfreak, arbeitet mit Fitnessexperten zusammen und ist sicherlich die durchtrainierteste aller Athletinnen im Dressursport. So lange er das Spiel noch liebt, machen wir weiter, gab sie bei der Pressekonferenz zu Protokoll. Ein amerikanischer Journalist hatte die indirekte Frage nach einer möglicherweise bevorstehenden Verabschiedung von Parzival gestellt. 85,714 Prozent erhielt die mehrfache Weltcupsiegerin.
Es gab genug Stimmen, die Kristina Sprehe, wie im Special, auf dem dritten Platz gesehen hatten. Die 27-Jährige war mit der Kür am Start, die ihr den deutschen Meistertitel 2014 bescherte. Der Hannoveraner Hengst Desperados ging über weite Strecken gleichmäßiger in den Passagen als noch im Grand Prix Special. Wenn man ihm etwas gewünscht hätte, dann dass er sich gerade in den Trabreprisen etwas frischer präsentiert hätte. So unterlief dem De Niro-Sohn ein teurer Taktfehler im starken Trab und insgesamt fehlte ein bisschen Pep. Das schlug sich auch in den Galopppirouetten nieder, in denen der Hengste einmal sein Hinterbein vergaß und die insgesamt nicht an das Niveau aus dem Grand Prix Special heranreichen konnten, 83.125 Prozent. Bundestrainerin Monica Theodorescu schwieg diplomatisch. Aber Kristina ist die Zukunft. Ihr Fazit: „Das war hier noch mal eine Nummer größer als Herning. Das Mannschaftsgold war souveräner, da hatten wir in Herning noch gezittert, ich bin sehr glücklich, die Bilanz ist top. Mannschaftsgold war ja das Hauptziel, aber dass es jetzt so viele Medaillen geworden sind, ist super!“

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