Ein Ritt, der Geschichte macht, weil er eine Geschichte hat – Bella Rose und Isabell Werth

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Live aus Tryon von den Weltreiterspielen berichtet Jan Tönjes (© www.st-georg.de)

Der Sieg im Grand Prix bei der Weltmeisteschaft in Tryon war selbst für Isabell Werth etwas ganz Besonderes. Nicht weil sie zum fünften Mal den Titel Mannschaftsweltmeisterin gewonnen hat, sondern weil sie es mit Bella Rose geschafft hat, die Weltelite zu schlagen. Gedanken dazu von St.GEORG-Chefredakteur Jan Tönjes.

Und wer den Text noch einmal nachlesen möchte, kann das hier tun:

Tja, was soll man da sagen? Sie hat es geschafft. Einfach so. Wobei „einfach“ war es bestimmt nicht. Und sie hat es wieder getan. Geweint. Öffentlich. Weil sie sich ihrer Tränen nicht schämt. Nicht schämen muss. Außerdem hat sie es allen gezeigt: Ja, es war die richtige Entscheidung, dass Isabell Werth Weihegold zu Hause in Rheinberg gelassen hat und dass sie stattdessen Bella Rose als ihr WM-Pferd mit nach Tryon genommen hat. Bella Rose – ist sie denn wirklich gesund? Hält sie das durch? Reicht die Turnierpraxis aus? Setzt „die Werth“ da nicht ihren Dickschädel durch? Ist denn das Risiko nicht viel zu hoch? Denkt sie überhaupt an die Mannschaft?

Dieser Ritt, diese 84,814 Prozent, war nichts, was in die Geschichtsbücher eingehen wird aufgrund der technischen Brillanz, der hohen Wertnoten oder dem Umstand, dass dieser Ritt maßgeblich beteiligt war an der 12. Goldmedaille eines deutschen Dressurteams bei Weltmeisterschaften. Dieser Ritt war geschichtsträchtig, weil er eine Geschichte hatte. Die Geschichte einer Reiterin, die an ihr Pferd geglaubt hat. Egal, wie oft sie dafür belächelt wurde, wenn sie sagte, „Bella“ sei im Aufbautraining und dass sie guter Dinge sei. Unabhängig davon, was die Außenwelt dachte, hatte Isabell Werth einen Plan. Der folgte keinem groben Kalkül, keinen Rechenmodellen, welches Pferd für welche Lektion was für Noten bekommen könnte. Der hat eine Quelle: das Herz.

Ich kenne Isabell Werth lange und sie ist nicht erst seitdem Bella Rose in ihr Leben getreten ist, ein emotionaler Mensch. So bärbeißig sie auf dem Pferd gucken kann, wenn sie sich konzentriert, so herzlich ist ihr Lachen. Ihre Selbstironie, ihre Schlagfertigkeit. „Geburtstag? Bei uns im Rheinland hat jeden Tag irgend ’ne Kuh auf der Wiese Geburtstag“ – das ist so ein typischer Werth. Oder auch, dass nicht die Badehose Schuld sei, wenn der Schwimmer versagt hat.

Das Gesamtpaket Werth hat gestern geliefert. Hat allen Skeptikern gezeigt, wie es geht. Weihegold, die Nummer eins der Welt, die amtierende Europameisterin und Weltcupsiegerin musste Bella Rose den Vortritt gewähren. In einem Sport, bei dem neben der individuellen Leistung des Prüfungstags ja immer auch die Richter als Gewohnheitstiere über Sieg und Niederlage entscheiden. Der Blick ins Viereck, die Schublade mit dem Schildchen „Weihegold“ aufgezogen, die Achten, Neunen und Zehnen herausgenommen und gleichmäßig im Protokoll verteilt – fertig! So hätte auch der Abschlussritt der letzten deutschen Teamreiterin aussehen können. Anstatt dessen Bella Rose.

Zur Betreuung im Flugzeug nach Tryon sind für alle Dressurpferde zwei Plätze frei. Für den Tierarzt und eine Pflegerin. So war es bislang. Mit Bella Rose ist Isabell Werth selbst mitgeflogen. Sie war es, die sich dann in der Quarantäne auch um die anderen deutschen Pferde gekümmert hat. Immer nah dran an Bella sein! Die Verbundenheit mit diesem Pferd zu beschreiben, fällt ihr schwer. Darauf angesprochen, fließen oft sofort die Tränen, die Stimme stockt.

Der Ritt selbst war ein Beispiel dafür, warum Isabell Werth die erfolgreichste Dressurreiterin aller Zeiten ist. Es war kein Spaziergang vom überraschenden Comeback auf dem Schindlhof der Familie Swarovski am 1. Juli in Tirol bis zum Einreiten in den Grand Prix in Tryon Mitte September. Aber die sechseinhalb Minuten in der Prüfung haben gezeigt, welche Früchte es tragen kann, wenn jemand fest an sein Pferd glaubt. Noch in Aachen hatte Isabell Werth wieder und wieder das Einreiten geübt, weil Bella Rose mal einen fliegenden Wechsel einbaute, dann wieder nicht ruhig stand. In Tryon: Einreiten, Halten, Unbeweglichkeit, Gruß. Auch die Serienwechsel, in denen ihre eigene Energie der Stute im Weg stehen kann, gelangen ohne Probleme. Der starke Trab, nun ja, der geht noch immer nicht voll über den Rücken. Da will die Stute einfach los. Da fliegen die Beine hoch. Dafür gibt es aber dann eben auch keine Achten. Da waren die Richter in jüngerer Geschichte bei anderen Pferden schon großzügiger. Aber das ist gut so. Bella Rose punktet dann, wenn sie Sachen besser macht als der Rest der Konkurrenz. Die Traversalen dieser Stute jagen einem einen Schauer nach dem anderen über die Haut. Wie sich dieses Pferd biegt! Wie weit die Beine kreuzen! Von Piaffen und Passagen ganz zu schweigen. Hier die hohe Kadenz – wirkliches Tanzen, dort dann die Piaffe, häufig am nahezu durchhängenden Zügel geritten. Dann das Hinausgleiten in die Passage. Alles im Fluss. Keine Störung. Keine Hilfe zu sehen. Reiten in Perfektion.

Es reicht aber auch, Bella Rose einfach nur an der kurzen Seite im versammelten Trab zu sehen. Dieses selbstverständliche Schwingen, diese ungezwungene Selbsthaltung!

Schließlich ist da noch ein Moment, der Bella Rose auszeichnet – dann, wenn alles fertig ist, der Job erledigt. Wenn das Publikum applaudiert und Isabell Werth die so typischen kräftigen Klopfeinheiten am Hals verteilt, dann lässt Bella Rose die Ohren hängen und geht entspannt durchs Stadion.

Es hat fast schon etwas von der Arroganz einer Diva, wie sie da ihre Huldigungen entgegennimmt.

Bella, ich möchte ein Autogramm von Dir. Schreib bitte: „Für deinen Fan Jan“. Danke!

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