EM Göteborg: Isabell Werth Europameisterin in der Kür, Rothenberger dicht dran

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Einhändig zum Titel: Isabell Werth und Weihegold. (© Pauline v. Hardenberg)

Titel Nummer drei für Isabell Werth bei der Europameisterschaft in der Grand Prix Kür. Aber diese Goldmedaille war kein Spaziergang. Sönke Rothenberger gewann seine zweite Silbermedaille und lag lediglich 0,368 Prozentpunkte hinter seiner Mannschaftskollegin. Bronze gewann abermals Dänemarks neuer Superstar Cathrine Dufour.

Da flossen Tränen bei der jetzt 17-fachen Europameisterin, auf dem Podium mit der Goldmedaille um den Hals zeigte sich: Titelgewinne werden nie Routine, auch für Isabell Werth nicht. „Das war der emotionalste Moment, ich war so voller Adrenalin. Die Anspannung der Woche kommt dann raus, ich bin halt nah am Wasser gebaut,“ erläuterte Werth.

Die Jungen im Aufwind bei der Europameisterschaft

Pauline v. Hardenberg

Aber auf der Ziellinie konnte sich auch Sönke Rothenberger das Lächeln nicht mehr verkneifen. (© Pauline v. Hardenberg)

Es waren die Europameisterschaften der jungen, aufstrebenden Dressurstars – seien es die zweibeinigen wie die Däninnen Cathrine Dufour und Anna Zibrandtsen, die vierbeinigen wie Dante Weltino (unter Therese Nilshagen (SWE) Fünfte) oder Cennin (mit Madeleine Witte-Vrees (NED) Achte) oder in der Idealkombination Sönke Rothenberger (24) und Cosmo (10). Und sie war die Gejagte. Eine Situation, die Isabell Werth liegt. „Top Leistungen, jeder pusht den anderen, das macht den Sport aus“. Sönke Rothenberger hatte mit einer wunderbaren Kürvorstellung und 90,614 Prozent mehr als nur ein bisschen Druck aufgebaut (im Liveticker finden Sie noch einmal die Ritte beschrieben). „Wir beide, Weihe und ich, wussten, jetzt darf nicht der kleinste Minifehler passieren“, so Isabell Werth. Rothenberger unterlief ein Fehler in den Einerwechseln, das sei, so sagte er danach, der eine Teller des Jongleurs gewesen, der nicht in der Luft geblieben sei. „Aber 99 Prozent der Teller sind heile“, so der neue Vize-Europameister, der gestern Dressur mit Jonglieren verglichen hatte. Alles muss 100 Prozent stimmen.

Europameisterschaft der Emotionen

Isabell Werth war nicht die einzige, die Gefühle zeigte. Bundestrainerin Monica Theodorescu, die mit der Superbilanz dreimal Gold, zweimal Silber morgen früh nach Deutschland zurückfliegt, sagte, sie habe in der Zeit als das Ergebnis von Isabell Werth noch nicht bekannt gegeben war, an ihren Vater gedacht. „Das war meine Art und Weise sich bei ihm zu bedanken. Zwei Pferde auf solch einem Niveau das ist schon fantastisch, unglaublich.“

Isabell Werth hatte als letzte Starterin mit persönlicher Bestleistung, 90,982 Prozent, gewonnen. Vor allem die letzte Linie mit Piaffen und Passagen und einer 360-Grad-Piaffe-Pirouette ließ den Zuschauern den Atem stocken. Chefrichterin Anette Iacobaeus-Fransen aus Schweden schwärmte „Die Pferde und Reiter waren so harmonisch, das hat Gänsehaut gemacht.“ Sie und der Däne Hans Christian Matthiesen hatten Werth auf Platz zwei gesehen.

Publikumsliebling war Sönke Rothenberger. Der griff zur Medaille vor seiner Brust:

Sie können das nicht sehen, aber von Nahem sieht man, dass es Silber mit einem Goldrand ist.

Er lobte sein Pferd – „Cosmo hat mir das im Viereck zurückgegeben, was wir, die Trainer und ich auf dem Abreiteplatz erarbeitet haben“ – den Musikarrangeur Cees Slings – „ein Gesamtkunstwerk, passt zu meinem leichtfüßigen Pferd“. Es ist weniger bombastisch als vielmehr die Ruhe und das Feine, was die Musik ausmacht. Sie stammt aus dem Film „Live, die, repeat“ mit Tom Cruise.

Und der Lobende wurde auch gelobt, vor allem von Bundestrainerin Monica Theodorescu: „Sönke hat alles richtig gemacht, er hat auf alles gehört, was wir ihm eingeflüstert haben. Er ist jetzt wirklich in der Weltspitze angekommen.“ Hätte man Sönke das vor zwei Jahren gesagt, hätte er wahrscheinlich gelacht, denn der Weg in die Weltspitze war alles andere als einfach. Anfang des Jahres haben wir Sönke zuhause besucht und die ganze Geschichte können Sie hier lesen.

Zu Isabell Werth hatte sie auch ein spannendes sprachliches Bild parat:

Die Piaffe und Passage, das war ja Dressur zelebriert. Das hätte sie auch mit dem Finger in der Nase geschafft.

Bundestrainerin Monica Theodorescu über Isabell Werths Goldritt

Die Dänin Cathrine Dufour hat, ungeachtet aller bisherigen Leistungen im Nachwuchsbereich, bei den Senioren das Wochenende ihres Lebens gehabt. „Beim Losfahren habe ich auf Top fünf gehofft.“ Doch ihr Caprimond-Sohn Cassidy ist „seit Aachen noch mehr Kontrolle und entspannter“, wie sie sagt. Und das sah man den beiden, die seit sieben Jahren ein Paar sind, an. 84,561 Prozent – persönliche Bestleistung, wie die anderen beiden auch.

Die besten Ritte zum Schluss der Woche

Insgesamt waren die Leistungen in der Kür am besten. Die Dänin Anna Zibrantsen ritt mit Arlando das erste Mal eine Grand Prix-Kür und wurde mit moderner Musik (Ed Sheeran, OMI, Coldplay …) Sechste. Der alte Recke Donnperignon der Dänin Anna Kasprzak ging trotz seiner 18 Jahre das erste Mal mit der Nase vor der Senkrechten und wurde Siebter. Der noch junge Niederländer Cennin, schon beim Weltcupfinale mit von der Partie, kam knapp dahinter. Auch er in schöner Haltung und nicht so festgezogen, wie man es lange Zeit in der Weltspitze von Madeleine Winter-Vrees’ Landsmännern erlebt hatte.

Sehr generös wurde Carl Hester mit Nip Tuck beurteilt. Der mächtige Wallach kann punkten, wenn alles klappt. Wenn ihm Fehler unterlaufen ist er aufgrund seiner wenig guten Trabtour einfach kein 80-Prozentpferd, und seien die Galoppwechsel noch so gut. Hester wurde Vierter mit 80,614 Prozent noch vor der 34-jährigen Schwedin Therese Nilshagen, die mit Dante Weltino die zweite Grand Prix Kür ihres Lebens ritt. Auch der Danone-Sohn ist erst einmal zuvor, in Aachen, Kür gegangen. 80,441 Prozent reichten zu Platz fünf, Fehler in den 23 (!) Einerwechseln kosteten Punkte.

Zufriedenes Grand Prix Baby

Pauline v. Hardenberg

Championatsbaby Sammy Davis jr. hat heute nochmal alles gegeben. (© Pauline v. Hardenberg)

Mehr als zufrieden war Dorothee Schneider mit Sammy Davis jr. Auftritt in der Kür. Der Rappe begann frisch und dynamisch, am Ende schien nach der langen Woche etwas die Luft raus zu sein. „Ich bin sehr froh, dass ich noch dabei sein konnte“, bilanzierte Schneider das Debüt des San Remo-Sohns. „Auch wenn er einige Male versucht hat, auf Tauchstation zu gehen.“ Tatsächlich kippte der schicke Bayer am Ende manchmal im Genick ab. Aber Schneider bekam ihn immer wieder vor die treibenden Hilfen.

Alle sind glücklich und zufrieden. Alle strahlen.

Das größte Strahlen aber kommt auf Isabell Werths Gesicht als sich durch die Menge der auf ein Einzelinterview wartenden Journalisten ein kleiner strohblonder Junge schiebt und seine Mama umarmt, Frederik, Isabells Sohn. Gestern ist die Familie in Göteborg angekommen. Isabell wuschelt ihm durchs Haar: „So, meinst du, du kannst die Uhr tragen, mein Schatz?“ Er kann und schnappt sich das Schmuckkästchen mit dem Chronometer des Titelsponsors Longines. Und morgen geht es in den großen Vergnügungspark hinterm Scandinaveum. „Das ist schon lange versprochen, und das machen wir!“

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