EM-Kür Rotterdam: Werth Gold, Schneider, Silber, v. Bredow-Werndl Bronze – die Ritte

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Dorothee Schneider (Silber), Isabell Werth (Gold), Jessica von Bredow-Werndl (Bronze). EM-Kür Rotterdam, Europameisterschaften 2019 (© Pauline von Hardenberg)

Das hat es schon lange nicht mehr gegeben: Rein deutsches Podium bei der EM-Kür in Rotterdam. Isabell Werth siegt vor Dorothee Schneider und Jessica von Bredow-Werndl. Alle reiten bei der Europameisterschaft eine persönliche Bestleistung. Und es war knapp! Die Ritte im Kurz-Telegramm.

Die drei deutschen Starterinnen gewinnen alle Medaillen bei der EM-Kür in Rotterdam! Hier die Ritte im Telegramm zusammengefasst.

GOLD in EM-Kür: Isabell Werth und Bella Rose

Mehr als 89 Prozent von Jessica von Bredow-Werndl, 87,771 von Cathrine Dufour (DEN): Isabell Werth weiß, sie bekommt hier nichts geschenkt. Der Beginn gleich die Piaffe-Pirouette mit 360 Grad-Wendung. Dann Passage-Traversalen, Puccinis Arie „O mio babbino caro“ im Stadion in Rotterdam. Dann nach links: Trabtraversale. Beethovens „Ode an die Freude“ pirscht sich an, in leichter Instrumentierung. Es folgen Hammer-Traversalen (9,6) Starker Schritt über die Diagonale von H bis B (7,6). Anschließend versammelter Schritt, der im Takt nicht ganz klar ausfällt (6,8). Dann Piaffe (9,4). Im Galopp stehen zunächst Galopptraversalen auf dem Programm. Im starken Galopp prescht Bella Rose durch die Bahn. Dazu wieder Beethoven, aber diesmal die 5. Sinfonie. Eine doppelte Pirouette folgt, danach direkte elf gute Zweierwechsel. Immer noch Beethoven: die Streicher fiedeln, Bella Rose galoppiert, was das Zeug hält. Jetzt sind Hörner zu vernehmen – die die nächste Pirouette. Lastaufnahme muss in den kommenden Monaten auf dem Lehrplan stehen. Das weiß Isabell Werth und das ist ja auch eine Frage der Kraft. Hochkonzentriert dann wieder Serienwechsel: 21 Einerwechsel – gut!

Nach der Linkspirouette liegt die Zwischenwertung bei 85 Prozent. Und die „Ode an die Freude“ ist wieder da: Der letzte starke Trab, danach abwenden auf die Mittellinie. Puccini, gesungen, Passage-Piaffe-Übergänge mit einer 10 und eine weitere 360 Grad Piaffe. Das Publikum beginnt zu klatschen im Takt. Bella nimmt den freudig auf und einhändig passagiert Isabell Werth zum Gruß. 90,875 eine weitere persönliche Bestleistung! Das 20. Gold und das neunte in einer Einzelkonkurrenz nach dem Triumph im Grand Prix Special in Werths Karriere. Nur bezogen auf Europameisterschaften, versteht sich.

SILBER! Dorothee Schneider und Showtime

Show must go on! „Dressur-Queen“ (eigentlich schreibe ich diese dämliche Formulierung nie, aber hier drängt sie sich halt auf) Isabell Werth geht aus dem Stadion, Dorothee Schneider und Showtime kommen. Und mit ihnen: Queen. Die Kultband rund um Freddie Mercury aus den 1970er und 1980er Jahren. „Ladies and gentlemen it‘s showtime“, tönt eine Stimme zum Gruß beim Betreten des Vierecks durch die Stadionlautsprecher. Los geht’s: Passage-Traversalen rechts, im versammelten Trab vorwärts-seitwärts nach links. Das Ganze mit einem herrlich fließenden Übergang. Der Sandro Hit-Sohn wickelt sich um Dorothee Schneiders inneren Schenkel. Jede Faser seines Körpers arbeitet so, wie es das Lehrbuch wünscht. Über die Diagonale fliegt das Paar in einem ersten starken Trab. 92 Prozent ist die erste Note, die als Zwischenwertung erscheint. Die Piaffe bei A gelingt gut. Weiter geht es in der Passage-Traversale (9,3). Zum versammelten Schritt ist Freddie Mercury zu hören: „Empty spaces, where are we going to? Does anybody know what we are looking for? Show must go on!“ Wie recht der Freddie doch hat!

Super starker Schritt, der beste der Spitzengruppe, direkt aus der Fächerpiaffe bei X – das ist eine Höchstschwierigkeit. Ohne Losgelassenheit geht so etwas nicht. Doppelte Pirouetten am Anfang der Galopptour. In der erste hätte Showtime mehr Innenstellung haben dürfen. Es folgen die Zweierwechsel, die das Paar sicher nach Hause bring, wieder ein starker Galopp dann eine etwas größere doppelte Pirouette. In den Einerwechseln sieht es so aus, als ob einer der fliegenden Galoppwechsel nicht ganz durchgesprungen ist. Zum Ende scheint ein bisschen die Luft raus. Eine leichte Rückwärtstendenz in der letzten Piaffe wird durch eine echte Showi-Passage abgeschlossen.

90,561 Prozent, persönliche Bestleistung, Silbermedaille.

BRONZE! Jessica von Bredow-Werndl und Dalera

Besch.. Auftakt zur EM und nun der absolute Höhepunkt in der EM-Kür der (bisherigen Karriere): Jessica von Bredow-Werndl, Dalera und die Melodien aus „Lala Land“. Dressurkür-Reiten, wie man es sich nicht schöner vorstellen kann: Federleichte Passage zum Auftakt: „City of stars“ ertönt. Ryan Gossling hätte Tränen in den Augen, wenn er diese erste federnde Piaffe-Pirouette gesehen hätte (wenn er denn Dressurexperte ist). Es „läuft“ zu Lala Land: 86,679 die erste Zwischenwertung. Vorm Schritt, nach diversen Traversalen in Passage oder versammelten Trab, bei denen die Trakehner Stute nicht einmal ihren Takt auch nur annähernd verloren hat: Dann 87, 453 Prozent! Eine Sensation liegt in der Luft.

Jessica und die Stute sind perfekt im Takt der Musik. Jetzt Galopp:  Zweierwechsel gelingen sicher zu den Geigen im Dreivierteltakt, jede Pirouette auf den Punkt zur Musik: Die Traversalen geschmeidig. Dalera tanzt! Auch die Einerwechsel gelingen herrlich. Dann noch einmal starker Trab zu den Latinorhythmen, die Lala Land auch zu bieten hat. Dann die letzte Linie: Passage-Traversalen und daraus eine Piaffe und direkt daraus in die Fächerpiaffe, ein Tritt wie der andere! Perfekt im Takt! Beim frenetischen Applaus nach dem Gruß macht Dalera einen Satz. Schnell hat Jessica die Stute wieder bei sich. Sie klopft die Trakehner Stute, formt mit den Händen das Herzzeichen, wirft Kusshändchen ins Publikum. Als „Jessi“ am Kiss and Cry Korner vorbei reitet, ballt sie die Siegesfaust. Dann das Resultat: 89,107 Prozent, persönliche Bestleistung! Bislang waren dies die 87,595 Prozent von Aachen.

Cathrine Dufour (DEN) und Atterupgaards Cassidy

Pauline von Hardenberg

Dänisches Dreamteam: Cathrine Dufour und Cassidy, EM Rotterdam 2019 (© Pauline von Hardenberg)

Nach Jessica von Bredow-Werndls Filmmusik holt uns die dänische Bronzemedaillen-Gewinnerin zurück ins Hier und Jetzt. „Ain’t nobody“, der Chakakhan Klassiker in der Chart-Version von Felix Jaehn und Jasmine Thompson. Dazu der schicke Caprimond-Sohn, den jeder ins Herz schließt, der ihn sieht. Das satte Xylophon-Thema passt perfekt zum Takt von Passagen am Beginn dieser EM-Kür. Das Dänen Duo ist einfach eine Einheit. Harmonie in Perfektion. Weit kreuzende Trabtraversalen und eine erste Piaffe-Pirouette mit viel Lastaufnahme. Vielleicht die „klassischste“ aller Piaffen in der Prüfung – das Genick oben, die Nase vor, die Hanken gebeugt. Daraus geht’s im starken Trab weiter. In einer weiteren Piaffe-Pirouette dann ein kleiner Taktfehler vorm starken Schritt, der versammelte Schritt ist richtig gut (8,4). Im Galopp ein weiteres Highlight: sichere schnurgerade Zweierwechsel, tolle Anlehnung, viel Risiko in den Galoppverstärkungen. 21 Einerwechsel wieder perfekt gerade und bergauf. Dann ist Felix Jaehn wieder zurück, „Ain’t nobody“, mit Piaffen und Passagen endet diese Kür. Schade, dass die Musik (vor allem im Galopp) ein bisschen zusammengestückelt klingelt. Dafür sind Cathrine und Cassidy einfach ein Traumpaar, Danish Dynamite! 87,771 Prozent

Judy Reynolds (IRE) und Vancouver

Pauline von Hardenberg

Judy Reynolds (IRE) und Vancouver EM Rotterdam 2019 (© Pauline von Hardenberg)

Irische Flötenmusik, die ein bisschen wie Charlotte Dujardins zweite Valegro-Kür „How to tame a dragon“ klingt. Federnd leicht die Passagen und Piaffen von Vancouver. Die Musik ist aus einem Guss, trotzdem werden die einzelnen Lektionen betont. Aber niemals nach der Holzhammermethode. Schönes Kürreiten zu Klängen, bei denen man sofort die irische Tanzshow „Lord of the Dance“ mit dem wieselflinken Choreographen Michael Flatley vor Augen hat. Das darf nicht fehlen. Und es passt zu wie auf einer Linie gespannten Einerwechseln. Dann volles Risiko im starken Galopp auf der Mittellinie. wo bei der Rückführung Vancouver einmal hinten den umsprang. Es folgt guter starker Schritt, dazu Gesang, eine klare helle Frauenstimme, was sonst? 81 Prozent flackern in der Zwischenwertung nach dem starken Schritt auf. Dann kommt Vancouver etwas zögerlich aus einer Piaffe in die Passage. Jetzt sind Trabtraversalen an der Reihe, dazu Trommelwirbel. Die Trabtraversalen hat Reynolds zwischen zwei Galoppabschnitte gesetzt. Dann erst reitet sie Galopptraversalen und doppelte Pirouetten. Eine wirklich durchdachte, clevere Choreographie! Pirouette links 8,6! Herrliche Zweierwechsel. Am Ende von C auf A die Mittellinie herunter im starken Galopp, Übergang vor A in die Piaffe-Pirouette mit 180 Grad-Drehung und dann in einer ausdruckstarken Passage bis zum Gruß. 85,589 Prozent sind Platz fünf. Das steht fest, weil Judy Reynolds die letzte Startposition zugelost bekommen hat.

Edward Gal (NED) und Zonik

Pauline von Hardenberg

Starker Trab: Edward Gal (NED) und Zonik, EM Rotterdam 2019 (© Pauline von Hardenberg)

Orchester, Chor, Frauenstimmen, Streicher – Kürmusik, wie man sie immer wieder hört und die nicht hängen bliebt. In den Piaffen tritt der Rappe konstant rechts höher, häufig auch in den Passagen. Der starke Trab ist spektakulär. In den Piaffen wackelt das Genick. Am langen Zügel sicheres großes Schreiten im starken Schritt über die Diagonale, dazu eine singende Dame. Galopp beginnt mit Traversalen. Dann ein weit bergauf gesprungener starker Galopp gefolgt von einer doppelten Pirouette In den Zweierwechseln nach links springt Zonik deutlich kürzer (7,4). In den Einern gibt es ein leichtes Problem. Zu einer Piaffe bei A mit 90 Grad-Drehung ertönt eine Art Theaterdonner, auf den ein starker Trab folgt. Die Musik läuft noch, da steht Gal schon zum Schlussgruß. „Sein Publikum“ feiert ihn – Standing Ovations. Die hätten andere zuvor eher verdient. 84,271 Prozent – großzügiges Richten!

Daniel Bachmann-Andersen (DEN) und Blue Hors Zack

Pauline von Hardenberg

Daniel Bachmann Andersen und Blue Hors Zack, EM Rotterdam 2019 (© Pauline von Hardenberg)

Die beiden waren Vierte beim diesjährigen Weltcup-Finale in Göteborg gewesen. Mehr als 85 Prozent hatte es da gegeben. Der Gruß sicher, auf allen vier Füßen und gleich nach rechts diagonal durchs Viereck im starken Trab. Bei C dann Piaffe, 90 Grad-Drehung und Passage zum Abwenden auf die Mittellinie. Dort dann Passage. Traversalen nach rechts und links, letztere im versammelten Trab. Und im Anschluss das ganze spiegelbildlich noch einmal von A. Herrliche Trabtraversalen, die 79,9 Prozent sind erreicht in der Zwischenwertung. Die Piaffe diesmal besser als im Grand Prix und im Grand Prix Special. Zu Streichern versammelter Schritt von B nach E, dann starker Schritt diagonal zu Punkt F.

Mit einsetzendem Beat galoppiert der Däne an: Galopptraversalen rechts, Pirouette, Traversalen nach links, zweite Pirouette exakt zur Musik. Was für ein starker Galopp! Volles Risiko – das Gefühl muss da oben drauf gigantisch sein. Am Ende der Diagonale, zu ganz dezentem Piano eine doppelte Pirouette. Es folgen Zweierwechsel, alles mit Bewertungen über 8. Ein Fein sitzender Reiter, ein toller Hengst. Das macht Spaß! Am Ende der Einerwechsel aber ein Fehler, dafür sind die nächsten, sofort über die Diagonale geritten, super Bergauf, dynamisch. Bachmann Andersen nutzt den Joker auf dieser Diagonalen, wiederholt eine misslungene Lektion. Der Abschluss: Alles im Fluss. Dann Passage und eine lebhafte Fächerpirouette zum Gruß bei G. 83,711 Prozent – neue Führung zu diesem Zeitpunkt.

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Patrik Kittel (SWE) und Well done de la Roche

Pauline von Hardenberg

Patrik Kittel (SWE) und Well Done de la Roche, EM Rotterdam 2019 (© Pauline von Hardenberg)

Matte Passage zum Auftakt, bei X eine Piaffe-Pirouette. Streicher zu einer ganzen Trabtraversale. Glockenspiel und Xylophon zu Passage-Traversalen. Kreativ ist die Choreographie nicht. Schritt, wieder mit Streichern, diesmal Geige (oder Bratsche?). Dann die Galopptour beginnend mit einer viel zu groß angelegten doppelten Pirouette, daraus Traversalen nach rechts und links. Auch die nächste Pirouette ist recht groß. Die Verstärkung reitet der Schwede ohne viel Risiko. Zweierwechsel scheinen etwas vor der Musik zu sein, aber gelingen. Die 17 leicht schwankenden Einerwechsel am Ende auf einer gebogenen Linie. In der Piaffe fällt das Genick förmlich nach unten, die Nase ist hinter der Senkrechten. Der Takt bleibt gut im Gleichmaß. 82,296 Prozent

Die Ergebnisse finden Sie hier.

 

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