FEI-Regel zum Blut im Maul: Im Prinzip nein, aber

Blutendes Maul

(© Blutendes Maul)

…keine Regel ohne Ausnahme: Bei der Generalsversammlung der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) in Rio de Janeiro vom 11. bis 14. November wird über einen neuen Passus im Dressurregelment abgestimmt. Demnach werden Pferde, die aus dem Maul oder sonst wo bluten, eliminiert – außer bei Championaten und anderen wichtigen Events.Dann bekommen sie eine zweite Chance.

Die Öffentlichkeit wird wenig Verständnis für eine Diskussion haben, die zurzeit in der internationalen Dressurszene geführt wird. Seit bei der Weltmeisterschaft 2010 in Kentucky die niederländische Mitfavoritin Adelinde Cornelissen vom Chefrichter abgeklingelt wurde, weil aus dem Maul ihres Pferdes Parzival blutiger Schaum tropfte, wird darüber gestritten, ob ein blutendes Maul Grund genug ist, ein Pferd zu eliminieren. Parzival hatte sich vor dem Einreiten auf die Zunge gebissen, hörte wenig später auf zu bluten, aber für Cornelissen war die WM vorbei. Jetzt soll ins Dressurregelement der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) ein Passus eingefügt werden, der regelt, ob und wann sichtbares Blut am Pferd zum Ausschluss führt. Bei der Generalversammlung vom 11. bis 14. November in Rio de Janeiro wird über den Vorschlag des Dressurkomitees abgestimmt.

In den FEI-Dressurregeln steht im Moment noch nichts davon, dass sichtbares Blut automatisch zum Ausschluss führt, sehr wohl aber, dass die Richter ein Pferd aus tierärztlichen Gründen disqualifizieren können. Und Bluten aus dem Maul ist ganz klar eine tierärztliche Angelegenheit, sagt der FEI-Abteilungsleiter Dressur, Trond Asmyr. Es sei allgemein akzeptiert, dass ein Pferd mit Blut im Maul genauso wenig fit für den Wettkampf sei wie ein lahmes Pferd. Aber wohl nicht mehr lange. Der Anstoß für einen neuen Passus kam von Cornelissens Trainer Sjef Janssen, dem Ehemann der dreifachen Olympiasiegerin Anky van Grunsven. Der Club Internationaler Dressurtrainer, in dessen Vorstand Janssen sitzt, schlug dem Dressurkomitee der FEI eine Regelung vor, nach der der Reiter bei einem blutenden Pferdemaul zwar abgeklingelt wird, aber nach tierärztlicher Inspektion weiter reiten darf in der nächsten Pause oder als letzter Starter wenn die Wunde als harmlos eingestuft wird. Doch nun protestierten gleich drei wichtige Interessenverbände des Dressursports, die Reiter, die Offiziellen und die Turnierorganisatoren. Ihr Vorschlag: Ein Pferd, an dessen Körper in der Prüfung Blut sichtbar wird, soll sofort eliminiert werden. Blutet das Pferd vor dem Start, aber die Blutung stoppt vor dem Einreiten und die Verletzung wird vom Tierarzt als harmlos eingeschätzt, darf der Reiter starten. Diese Version hat die FEI nun in ihrer Vorlage aufgegriffen, allerdings mit Ausnahmen: Bei Olympischen Spielen, Championaten und Weltcupfinals soll auch bei blutendem Maul während der Prüfung nach einer tierärztlichen Inspektion der Ritt fortgesetzt werden dürfen. Wenn ein Team platzen könnte, wenn damit womöglich eine Medaille verloren geht dann sieht man in der FEI offenbar auch den Tierschutz etwas lockerer. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) will diesem Vorschlag zustimmen. Denn nur bei großen Events wie Olympischen Spielen und Championaten sind Tierärzte am Dressurviereck, die das Pferd sofort untersuchen könnten, sagt FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach und gibt erst auf Nachfragen zu: Natürlich spielt auch der Teamgedanke eine Rolle. Wohl weniger für die Pferde als für Reiter und Offizielle. Nicht nur, weil diese Regel eine Handvoll Top-Reiter von der strikten Tierschutzverpflichtung ausnimmt, ist die Vorsitzende des Internationalen Dressurreiterclubs, die sechsfache Olympiateilnehmerin Kyra Kyrklund gegen jede Ausnahme: Ein blutendes Pferd ist wie ein lahmes Pferd, das kann auch nicht starten, selbst wenn es nach einer halben Stunde wieder schmerzfrei läuft. Sie verweist auf die praktischen Probleme, und wird dabei von Tierärzten wie Gerrit Matthesen, vielfach für die FEI im Einsatz, unterstützt: Wie soll das gehen? Wenn ich die Wunde richtig untersuchen will, muss ich das Zaumzeug abnehmen, das Maul mit einer Taschenlampe genau ausleuchten, ein Maulgitter anlegen. Das ist doch während einer Prüfung gar nicht möglich. Deshalb fordert Matthesen kategorisch: Bei Blut raus. Kyrklund, selbst auch Trainerin, weiß, dass es selten Zufall ist, wenn ein Pferd aus dem Maul blutet. Die Ursache sei vielmehr im Training zu suchen. Dressur soll ein harmonisches Zusammenspiel von Mensch und Tier demonstrieren, so fein, dass keine Hilfe sichtbar wird. Wie passen da blutende Wunden ins Bild? Ich glaube, dass ein Pferd, das entspannt und ruhig ist, nicht aus dem Maul blutet, sagt Kyrklund.

Gabriele Pochhammer