Hagen: Noch ein persönlicher Rekord für Jessica von Bredow-Werndl – aber der Sieg für Charlotte Dujardin

pvh-180911-WEG Tryon-4278

Charlotte Dujardin (GBR) und Freestyle bei der WM Tryon 2018 (© Pauline von Hardenberg)

Die Temperaturen mögen mit dem Schwinden des Tageslichts im Springstadion auf Hof Kasselmann in den Keller gegangen sein. Die Temperaturen im Viereck heizten sich im Grand Prix Special hingegen von Paar zu Paar mehr auf.

Grand Prix Special und Kür bei den Horses & Dreams 2021 wurden heute Abend unter Flutlicht auf dem Hauptplatz ausgetragen. Als Jessica von Bredow-Werndl mit Dalera BB das Viereck des Grand Prix Special verließ und die Durchsage kam: „82,553 Prozent. Das ist ein neuer Persönlicher Rekord“, war ziemlich klar, dass die Siegerin vom Vortag auch heute schwer zu schlagen sein würde. Die Trakehner Easy Game-Tochter ging eine mega Prüfung, die unter der Überschrift, Erhabenheit, Eifer und Harmonie stand. Mehrfach gab es Neunen und Zehnen für die federleichte und elastische Arbeit in Piaffen und Passagen. Auch bei den Übergängen waren die Richter mehrfach der Meinung, mehr geht nicht und gaben die Idealnote. Sogar für ihre 15 Einerwechsel erhielt die Stute heute einmal eine 9. Apropos, die neun Einerwechsel auf der Mittellinie zwischen den Pirouetten waren es, die sie heute teuer zu stehen kamen. Da hatte Jessica von Bredow-Werndl einen kurzen Moment der Dyskalkulie. Das, und das Angaloppieren aus der Passage, das auch nicht ganz so schön gelang wie der Rest. Aber ansonsten wirkten die beiden definitiv wie ein Olympiapaar. Und die musikalische Untermalung, ein klassisches Potpourri, das es ja auch in Tokio geben wird, mag auf den ersten Blick nicht unbedingt sinnvoll erscheinen, schaden tut es aber jedenfalls auch nicht.

Dujardin auf Angriff

Beim Ausritt konnten Jessica von Bredow-Werndl und ihre schärfste Konkurrentin Charlotte Dujardin auf der Hannoveraner Fidermark-Tochter Freestyle sich quasi abklatschen, denn die britische Olympiasiegerin war gleich als nächste dran. In einem Punkt ist Dujardin Isabell Werth sehr ähnlich: Wenn es darauf ankommt, kann sie noch eine Schippe drauf legen.

Dujardin nahm heute wirklich jeden Punkt mit, der da im Viereck zu holen war. Sie war definitiv auf Angriff gepohlt. Das mag für manche Richter schon ein bisschen zu sehr nach vorne gewesen sein, denn die Bewertungen waren recht unterschiedlich. Janet Lee Foy bei B (die auch in Tokio am Viereck sitzen wird) gab Dujardin zum Beispiel über vier Prozent weniger als Jessica von Bredow-Werndl. Wo die eine auf Harmonie und Einklang setzte, ritt die andere gewissermaßen mit dem Messer zwischen den Zähnen. Das gefiel Foys Kollegen gut: Entschieden wurde die Prüfung durch die Niederländerin Marietta Sanders-van Gansewinkel bei E bzw. Alban Tissot bei M, die Dujardin 85,426 Prozent bzw. 85,638 Prozent gaben und damit deutlich mehr als ihre Kollegen, die auf 81,915 (Dr. Evi Eisenhardt), 81,064 (Elke Ebert) bzw. 80,319 Prozent (Janet Lee Foy) kamen. Im Durchschnitt wurden es 82,872 Prozent.

Freestyle hat die Taktik ihrer Reiterin jedenfalls nicht gestört. Sie machte von Anfang bis Ende der Prüfung mit. In den Übergängen zwischen Passagen und starkem Trab flog sie nur so los, wenn es nach vorne ging, kam aber auch willig und fließend wieder zurück. Wermutstropfen: die Kopf-Hals-Haltung, die sich nie ändert, egal in welchen Tempi. Dass die Stute sich aber durchaus bereit ist, sich an die Hand zu dehnen, demonstrierte sie im starken Schritt. Viel besser waren allerdings schonmal ihre Piaffen. Sowohl die erste als auch die zweite wirkten klebend. Aber dem standen viele Highlights gegenüber, wie zum Beispiel die Schlusslinie, oder die fliegenden Wechsel von Sprung zu Sprung.

Quantaz in Topform

Nur ein Paar hätte den beiden an der Spitze theoretisch noch gefährlich werden können: die erfolgreichste Reiterin aller Zeiten, Isabell Werth, mit ihrem nun nicht mehr ganz so neuen Star im Stall, dem elfjährigen Quaterback-Sohn Quantaz, den sie für ihre Schülerin Victoria Max-Theurer geritten ist, sich dann aber so gut mit ihm angefreundet hat, dass ihre Freundin und Mäzenin Madeleine Winter-Schulze sich an ihm beteiligt hat. Quantaz ging heute eine wirklich gute Runde, war zufrieden im Maul und sichtlich bemüht, alles richtig zu machen, was seine Reiterin immer wieder mit einem anerkennenden Lob quittierte. Im Schritt hat der liebe Gott bei ihm in Sachen Vor- und Übertritt etwas gegeizt, aber die Punkte, die er da verlor, holte er sich beispielsweise bei den gelungenen Pirouetten wieder zurück. Summa summarum kam er auf 80,340 Prozent.

Die weiteren Plätze

Dahinter belegte Benjamin Werndl mit einem gut aufgelegten Daily Mirror Platz vier (76,468). Der elegante Rappe begeisterte mit ausdrucksvollem starken Trab und und energisch abfedernden Passagen und piaffierte auch ganz ansprechend. Mustergültig: der starke Schritt, für den Janet Lee Foy sogar die 10,0 gab.

Platz fünf sicherte sich der ehemalige Weltmeister der jungen Dressurpferde, der KWPN-Hengst Glamourdale v. Lord Leatherdale, unter der Britin Charlotte Fry. Der imposante Rappe ist definitiv ein Hingucker. Selbst die anwesenden Springreiter stellten ihre Gespräche ein, um das Geschehen auf dem Viereck zu verfolgen, als der Rappe im starken Galopp über die Diagonale flog. 76,404 Prozent gaben die Richter dem neuen potenziellen Championats-Paar der Briten.

Damit hatten gleich zwei Reiterinnen das Nachsehen, die mit ihren Pferden ebenfalls noch recht neue Gesichter sind: die Dänin Carina Cassøe Krüth auf der hoch eleganten Fürstenball-Tochter Heiline’s Danciera, die toll ging, aber nicht ganz spannungsfrei war (75,787), und Österreichs Victoria Max-Theurer auf dem Ampere-Sohn, den sie ja von Marcus Hermes übernommen hat. Unter seiner neuen Reiterin fällt erst so richtig auf, wie groß dieser Wallach eigentlich ist. Ein kleines Missverständnis bei der Einleitung der Linkstraversale kostete heute Punkte. Vor allem aber muss Max-Theurer daran arbeiten, dass Abegglen ihr nicht immer wieder hinter die Senkrechte kippt. Dann hat sie ein Superpferd, das heute mit 75,021 Prozent bedacht worden war.

Gleich in der ersten Hälfte des Starterfeldes waren Hubertus Schmidt und Escolar an der Reihe. Der Hengst wirkte heute viel frischer als gestern, und wäre es nicht vor der ersten Piaffe zu einem Abstimmungsproblem bekommen, wäre auch noch mehr drin gewesen, als die 73,766 Prozent, die es wurden. Knapp geschlagen geben mussten sich mit 73,681 Prozent Annabelle und Helen Langehanenberg.

Alle Ergebnisse finden Sie hier.

St.GEORG NEWSLETTER

Schnell, aktuell und auf einen Blick wissen, was Sache ist!
Das bietet der St.GEORG Newsletter.