Angestrebtes „HiLo-Drop-Richtverfahren“: Isabell Werth – Reiter haben nie abgestimmt

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Isabell Werth und Weihegold erhielten mehrfach die Wertnote 10,0 für Piaffen im Grand Prix beim CHIO Aachen 2017 (© www.paulinevonhardenberg.com)

Der Weltreiterverband (FEI) möchte auf jeden Fall Regeländerungen in der Dressur durchsetzen. Allen voran das sogenannten HiLo-Drop-Verfahren. Dabei belegt ein Papier, das St.GEORG zugespielt wurde: Nahezu alle Beteiligten sind dagegen. Isabell Werth sagt gegenüber St.GEORG-Online, der internationale Reiterclub gebe in der Diskussion nicht die Meinung der Reiter wieder, sondern des Vorstands. Aus anderen Ländern kommen ähnlich deutliche Worte.

Das HiLo-Drop-Verfahren sollte nach Willen des Dressurkomitees der Internationalen Reiterlichen Vereinigung eingeführt werden, um den Dressursport transparenter zu gestalten. Die Idee, unter anderem von dem Statistiker David Stickland in die Diskussion eingebracht, sieht vor, dass grundsätzlich die höchste und die niedrigste Bewertung jeder einzelnen Lektion gestrichen wird. Stickland, das sollte man wissen, profitiert von seinem statistischen Know-How – so soll nach Willen des FEI-Dressurkomitees ein „Dashboard“ den Richtern zur Verfügung gestellt werden, also eine Übersichtsseite auf dem Computer, auf dem sie ihre eigenen Leistungen im Vergleich zu anderen Kolleginnen und Kollegen im Nachhinien betrachten können. Erweiterungen, etwa Videos der Ritte sind angedacht. Stickland ist der Mann hinter diesem Projekt.

HiLo plus „weg mit Reinheit der Gänge“, „Schwung“ und „Durchlässigkeit“?

Zusätzlich gibt es auch ernsthafte Überlegungen, die vier Schlussnoten für die Reinheit der Gänge, den Schwung, die Durchlässigkeit und Sitz und Einwirkung des Reiters in internationalen Prüfungen bis auf die Note für den Sitz zu streichen. Tenor: Alle diese Komponenten würden ja schon in den einzelnen Bewertungen jeder Lektion beurteilt, außerdem könnten erfahrene Richter mit diesen Noten noch „politische“ Entscheidungen treffen. Sprich den Ritt noch einmal nach oben „pushen“ oder ihm die entscheidenden Punkte versagen. Diskutiert werden die angestrebten Regeländerungen bei der Generalversammlung des Weltreiterverbandes, der FEI General Assembly in Montevideo in der übernächsten Woche.

Das sagen die Beteiligten zu HiLo in der Dressur

Kaum ein Thema beschäftigt alle Beteiligten im internationalen Dressursport schon seit Monaten mehr als dieses umstrittene Verfahren. Nach Willen des Dressurkomitees der FEI soll es in Kürze bei der Generalversammlung zur Abstimmung kommen. Es heißt, von ganz oben würde Druck ausgeübt, dass eine Regeländerung her müsse, damit man den Dressursport besser und transparenter machen würde. Eigentlich aber, so sagen viele hinter vorgehaltener Hand, ginge es weniger um eine sinnvolle Änderung, sondern vielmehr nur darum, überhaupt etwas zu ändern. Motto: Seht her, wir denken nach vorne, wir machen unsern Sport modern, wir ändern etwas. Auch die Sechs-Prozent-Regel, die verhindert, dass ein Richter (wie beispielsweise der Niederländer Eddy Wolff van Westerrode bei der Europameisterschaft in Aachen 2015) einen Ritt über alle verständlichen Varianzgrenzen in der Bewertung nach oben „hievt“, soll wegfallen.

Ein internes Papier, das St.GEORG-online vorliegt zeigt: Die überwiegende Mehrheit der Beteiligten ist gegen diese Regeländerung. Und hat auch gute Gründe.

Die „Offiziellen“, sprich Richter und Stewards (IDOC), sind dagegen. Die Vereinigung der Veranstalter von internationalen Dressurturnieren (AIDEO) wendet sich strikt gegen eine Einführung noch in 2017, signalisiert aber Bereitschaft, in 2018 das Prinzip auf ausgesuchten Turnieren zu testen. Aus diesen Kreisen heißt es, dass bei der großen Veränderungswut im FEI Hauptquartier in Lausanne unter anderem vergessen würde, dass schon die technische Umsetzung nicht so einfach sei, wie man sich das im Technikzeitalter vorstellt. „Aachen ist nicht überall“, sagt jemand, der seinen Namen hier lieber nicht lesen möchte.

Deutsche wenden sich klar gegen HiLo

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) hat sich klar gegen die angestrebte Regeländerung ausgesprochen. Der überwiegende Teil der anderen nationalen Föderationen ebenso. Dänemark gibt sich nicht ganz so klar, glaubt aber nicht daran, auf diesem Weg etwas zu ändern. Die Briten möchten lieber abwarten, bis das ganze System überdacht ist. Deutlichere Worte fand da Carl Hester, der erstens als Aktiver direkt betroffen ist und ohne den zweitens nichts geht in Großbritanniens Dressur, da er die Rolle eines selbst im Team reitenden (National-)Trainers nun schon seit längerer Zeit eingenommen hat. Er sprach in einem Zeitungsbeitrag gewöhnt pointiert, wie das von ihm zu erwarten war, analog zum Brexit vom „Drexit“, sprich vom Ausstieg aus der Dressur. Die britischen Richter melden in einem gesonderten Statement ebenfalls Bedenken an. Die spanische Föderation unterstützt den IDOC-Vorschlag, sprich: „No!“. Aus den USA gibt es ein deutliches Statement

Der Vorschlag bietet keine Lösung des Problems, er dient lediglich dazu, es zu vertuschen

Aus einem Statement des amerikanischen Verbandes

Die einzigen Verbände, die sich für das angestrebte Rechenmodell derzeit aussprechen sind Italien und Japan sowie die Niederlande.

Trainer für den strittigen Vorschlag

Im Lager der Trainer wurde das Thema HiLo-Drop kontrovers diskutiert, heißt es. Ansonsten aber stünde die Vereinigung hinter den Veränderungsideen der FEI. Dem Vorstand dieses Club gehört unter dem Vorsitz des Briten David Hunt auch der Niederländer Sjef Janssen an, der lange Präsident war. Der Trend zu manufaktiertem Reiten, zu abgerichteten Pferden, auf denen Menschen aus reichen Familien dank entsprechendem Scheckbuch kometenhaft in der Weltrangliste aufsteigen, ist für die Trainer sicherlich ein Argument – wer braucht da Schlussnoten, Gehorsam ist gefragt, das Pferd muss funktionieren. Anders als beispielsweise das Internationale Olympische Komitee (IOC), das „gekauften“ Erfolgen kritisch gegenüber steht, partizipieren die Trainer an diesem Prinzip wie keine zweite Gruppe.

Auch der Internationale Dressur Reiter Club (IDRC) unterstützt die angestrebte HiLo-Drop-Regeländerung, inklusive der Streichung der Schlussnoten für z.B. Schwung, Durchlässigkeit und Reinheit der Gänge. So zumindest das offizielle Statement. Was als Äußerung aller Dressurreiter (miss-)verstanden werden könnte, ist aber lediglich die Meinung des Vorstands. Dazu zählen unter anderem die Australierin Halye Beresford, die bei internationalen Auftritten im Grand Prix in den vergangenen Jahren stets unter bzw. in der Kür knapp über 70 Prozent gelandet ist, die jetzige Trainerin Kyra Kyrklund (Finnland), die seit 2010 nicht mehr auf Turnieren im Frack unterwegs war, Wayne Channon, seit 2009 nicht mehr international aktiv, und die Kanadierin Evi Strasser.

Isabell Werth: „Das stimmt so einfach nicht“

Die Äußerung des IDRC möchte Isabell Werth so nicht stehen lassen. Die Weltranglistenerste macht klar: „Es ist eine Entscheidung des Vorstands, ohne dass es unter uns Reitern eine Abstimmung gegeben hätte.“ Die Reiter seien im Gegenteil in deutlicher Mehrheit gegen HiLo-Drop, so Werths Einschätzung. „Wir haben uns mehrfach getroffen, das letzte Mal anlässlich der Europameisterschaften in Göteborg, dabei war ganz klar, dass wir Aktiven, die wir vor Ort waren, in HiLo-Drop keinen Sinn erkennen können.“

Ein Rechenmodell

Der erfolgreichsten Dressurreiterin aller Zeiten fällt es nicht schwer, gegen das vom Dressurkomitee favorisierte Rechenmodell Argumente zu anzuführen. „Wenn ein Pferd beispielsweise die Zunge an einer Seite, sagen wir außen, heraushängen lässt im starken Trab muss der Richter das mit nicht mehr als Fünf beurteilen. Die anderen Richter, die das nicht sehen können, geben zwei Achten und zwei Neunen. Bei Fünf Richtern ist das nach aktueller Richtmethode dann im Schnitt eine 7,8. Nach HiLo eine 8,3. Und das ist nur ein Beispiel. Die unterschiedlichen Sitzpositionen machen eben in der Summe eine Note aus. Das gilt für schwankende Piaffe von vorne, für die Grußaufstellung von der Seite, für kurz gesprungenen fliegende Galoppwechsel zu Beginn einer Diagonalen und vielem mehr. Neben diesen technischen Aspekten kommt noch ein weiterer Gesichtspunkt hinzu. Es hat lange gedauert, bis das, was immer wieder gefordert wurde, endlich umgesetzt worden ist: Dass die Richter nicht nur Noten zwischen sechs und acht geben, sondern die Notenskala voll ausschöpfen. Nach oben und nach unten. Diese Richter, wollen wir sie nun erfahren, mutig oder wie auch immer nennen, würden nun abgestraft. Geben sie eine Zehn, wissen sie, dass sie vermutlich gestrichen wird und nicht zählt, eine Acht ist dann die vermeintlich bessere Wahl. Gleiches gilt natürlich auch für eine Zwei oder eine Fünf.“

Der Wegfall der Schlussnoten ist für Werth indiskutabel. „Die Schlussnoten geben das Große und Ganze wieder und wenn ich ein Pferd habe, das Pass geht, muss das in den Schlussnoten auch noch einmal auftauchen, weil es ja maßgeblich für den Gesamteindruck des Ritts ist – eine Grundgangart fehlerhaft, das ist essentiell! Wenn generell die Reinheit der Gänge am Ende keine Rolle mehr spielen würde, wäre das ein Rückschritt, weil dem Differenzieren zwischen dem Besseren und dem Guten wieder ein Stück weit etwas weggenommen würde. Ich bin offen für alle Änderungen, die unseren Sport voranbringen. Aber sie müssen sinnvoll sein. Bei den konkreten Vorschlägen kann ich das leider nicht erkennen.“

Wenn man an etwas arbeiten müsse, so Werth, dann an der Qualität des Richtens. „Wir brauchen Schulung und einen Austausch, damit wirklich ganz klar ist, was im Viereck wie bewertet wird.“ Außerdem sei es doch so:

Wenn man nicht schwimmen kann, muss man nicht die Badehose wechseln!

Isabell Werth fordert bei dem Richten zu beginnen und nicht bei einer verfremdenden Auslegung der Wertnotenvergabe der Richter

Von Richterseite kommt noch ein Argument: HiLo-Drop würde auch die individuelle Richterentscheidung und damit das Ranking, „die Platzziffern“, verwischen. „Ich unterschreibe dann ein Protokoll, im dem ich jemanden auf Platz sieben habe, aber am Ende steht in der offiziellen Auswertung, ich hätte ihn auf Platz drei gehabt – ich frage mich, ob das juristisch haltbar ist,“ so ein Kommentar aus dem Kreis international tätiger Richter.

Übrigens: Es gibt unterschiedliche Beispielrechnungen, bei denen Ergebnisse nach dem HiLo-Drop-Verfahren im Nachhinein angewandt wurden. Neue Platzierungen hat es in den seltensten Fällen gegeben, in der Rangierung der Spitz überhaupt nicht. Immerhin: in einer der schwärzesten Stunde der Dressur, dem würdelosen Abschied des lahmenden Totilas aus dem internationalen Sport bei der Europameisterschaft in Aachen 2015, hätte HiLo eine leichte Veränderung gegeben: 0,25 Prozent mehr!

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