Isabell Werth gewinnt achte Goldmedaille bei Dressur-Europameisterschaft, Dorothee Schneider Zweite

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Dorothee Schneider, Isabell Werth, Cathrine Dufour (DEN), EM Rotterdam 2019 (© Pauline von Hardenberg)

In einem Kopf-an-Kopf-Rennen hat Isabell Werth die Dressur-Europameisterschaft im Grand Prix Special vor Dorothee Schneider mit Showtime gewonnen. Für Schneider war es die erste Einzelmedaille ihrer Karriere. Jessica von Bredow-Werndl wurde Vierte hinter Cathrine Dufour (DEN, Bronze). Sönke Rothenberger patzte und ist nicht mehr in der Kür am Samstag startberechtigt.

Isabell Werth ist die neue Europameisterin der Dressurreiter. Am späten Abend wurde ihr in Rotterdam die Goldmedaille umgehängt. Für Werth ist es der achte Einzeltitel ihrer Karriere bei Europameisterschaften und der erste im Sattel von Bella Rose. Die Züchter der Belissimo M-Stute, das Ehepaar Strunk, waren in Rotterdam vor Ort. Der Titelgewinn war alles andere als ein Spaziergang für die Nummer eins der Welt. Dafür sorgte Dorothee Schneider. Mit persönlicher internationaler Bestleistung, 85,456 Prozent, lag Schneider im Sattel des Hannoveraners Showtime v. Sandro Hit (Z.: Heinrich Wecke, Stadthagen) gerade einmal 35 Punkte hinter Isabell Werth. Bei sieben Richtern sind das pro Juror fünf Punkte. Werth blieb fehlerfrei, Schneider unterlief bei den neun fliegenden Galoppwechseln von Sprung zu Sprung ein Fehler. Müßig nun statistisch auszuwerten, wer wann vor wem gelegen hat und wann welche Punkte wie zustande gekommen sind.

Duell um die Dressur-Europameisterschaft

Festzuhalten ist: Es war ein Kampf auf Augenhöhe. Und für Dorothee Schneider stellte sich überhaupt nicht die Frage, ob sie den Titel verloren habe. „Es ist die erste Einzelmedaille in meiner Karriere. Das ist der beste Tag meines Lebens. Showtime war lange verletzt, jetzt ist er wieder da. Wir haben ihm die Zeit gelassen, die er benötigte.“ Es sei sehr emotional für sie, fügte sie hinzu. „Mein Dank gilt Gabriele Kippert, dafür, dass ich seit zehn Jahren mit ,Showi‘ diesen gemeinsamen Weg gehen kann.“ Kippert ist mehr als eine Sponsorin. Für Dorothee Schneider ist sie Mäzenin und Freundin.

Darum ist der Grand Prix Special so wertvoll

Isabell Werth strahlte, „Bella ist einfach ein so besonderes Pferd“. Auch Werth ritt persönliche Bestleitung mit Bella Rose. Sie konnte ihre Leistung von der WM in Tryon noch einmal leicht verbessern. 86,520 Prozent waren es genau.

Diese Europameisterschaft hat noch etwas schon jetzt gezeigt: Bei aller Euphorie rund um die Kür, ist es der Grand Prix Special, der die sportlich höchste Schwierigkeit der klassischen Dressurreiterei darstellt. Nur in dieser Aufgabe ist wirkliche Vergleichbarkeit gegeben. Das äußert sich schon in der Unterschiedlichkeit der beiden Top-Pferde. Vor allem aber in der Art und Weise, wie sie die einzelnen Lektionen zeigen.

Bella Rose und Showtime im Vergleich

Beispiel Trabverstärkungen: Hier Bella Rose mit eiligen Tritten, aber längerem Hals, dort Showtime, der ausgehend von einem kraftvoll arbeitenden Hinterbein den Schub durch den Körper fließen lässt. Beispiel Passage: So unterschiedlich die beiden Pferde im starken Tempo auch sein mögen, in der Passage ähneln sie sich. Bella Rose mag hier noch etwas tänzerischer daherkommen, Showtime aber brilliert mit ehrlicher Kadenz, stabil im Genick – unentschieden. In der Piaffe ist Bella Rose an Gleichmaß kaum zu überbieten. Doch Showtime zeigte heute Piaffen, die um Klassen besser waren als die im Grand Prix. Da hatte er sich festgehalten, heute ließ er los, senkte sich gut in der Hinterhand. Wie ein durch und durch gut gymnastiziertes Pferd zu schreiten hat, zeigte wiederum Showtime im starken und versammelten Schritt: Das einzige Pferd, dass hier zwei Bewertungen über acht bekam. Auch ein Kompliment an Ausbilderin Dorothee Schneider.

In der Galoppade verfügen beide Pferde über mehr als nur gute, aber nicht überragende Anlagen. Die fliegenden Galoppwechsel in Serie wünschte man sich bei beiden noch über etwas mehr Boden, wobei Bella Rose im Vorderbein mehr und höher ausgreift. In den Pirouetten hatte heute Showtime die höheren Noten. Dafür unterlief ihm aber ein Fehler in den Einerwechseln zwischen den Pirouetten. Und in den 15 Einerwechseln auf der Mittellinie verlor Dorothee Schneider den Bügel. „Ich muss glaube ich mal zu Moni (Bundestrainerin Monica Theodorescu) an die Longe und Sitzübungen machen“, scherzte die frischgebackene Vizeeuropameisterin.

Unterm Strich bleibt eines: Zwei Ausnahmepferde, jedes mit Stärken aber auch Schwächen, harmonisch von ihren Reiterinnen vorgestellt. Schöner Sport bei der Dressur-Europameisterschaft!

Mit 16 Jahren persönliche Bestleistung: Cassidy

Und es muss eigentlich drei Ausnahmepferde heißen. Denn die Bronzemedaille ging wie schon 2017 in Göteborg an die Dänin Cathrine Dufour und Cassidy. Der Caprimond-Sohn mit dem hübschen Gesicht – „ja, er ist wirklich ein Pony“, sagt Cathrine Dufour – ist gleichfalls ein Pferd, das viele Dinge gut kann. Aber auch hier ist es die Partnerschaft, das Gemeinsame, was den Ritt auszeichnet. Der berühmte „Happy Athlete“, er hört auch auf den Namen Atterupgaards Cassidy. Sie sei ohne Erwartungen nach Rotterdam gefahren, sagte Dufour. „Und nun Dritte hinter diesen Ladies! Ich hatte meiner Pflegerin schon gesagt, flechte ihn aus und gib ihm sein Mash.“ 81,337 Prozent – besser war der mittlerweile 16-jährige Fuchs noch nie.


Der Liveticker zum Nachlesen

In Rotterdam haben wir live jeden Ritt kommentiert. Die unmittelbaren Eindrücke können Sie hier im Liveticker noch einmal nachlesen.


Der Siegesritt war einer à la Werth. Hochkonzentriert, nur nicht ablenken lassen. Eine gewisse Erleichterung brachte ein Moment kurz vor der Mitte der Aufgabe. Aus der Passage heraus muss dann rechts angaloppiert werden. Das hatte bei den Deutschen Meisterschaften in Balve nicht geklappt. „Als ich den richtigen Galopp hatte, habe ich jaaa gedacht. Und dann: Konzentration! Konzentration!“, so Werth.

Für die Zuschauer vor Ort, die die Richterbeurteilungen während der Prüfung verfolgen konnten, war es ein spannendes Finish. Mal lag Schneider vorne, dann wieder Werth. Am Ende waren es die Noten für die Lektionen auf der letzten Mittellinie, die Werth zum Sieg verhalfen. Dort hagelte es förmlich die Idealnote Zehn für Piaffe, Passage und Übergänge. Ein amerikanischer Journalisten-Kollege wollte 73 Zehnen in Werths Protokoll gelesen haben. Werth vertraut aber weniger Statistiken als vielmehr ihrem Gefühl. „Die Passage-Piaffe-Tour mit ihren Übergängen fühlte sich heute so an, dass ich nicht wüsste, wie es noch besser gehen soll.“

Ob sie Dorothee Schneider als Konkurrentin gefürchtet habe? Natürlich wisse sie um die Qualitäten des Duos Schneider/Showtime. Doch die Reiterinnen, die beide in diesem Jahr 50 Jahre alt geworden sind, und bei denen man gerade bei der Pressekonferenz nach der Siegerehrung den Eindruck gewinnen konnte, dass sie wirkliche Mannschaftskameradinnen sind, wollten nichts von Konkurrenz wissen. „Wir alten Frauen – das ist jetzt zurück in die Zukunft“, so Werth.

Vierter Platz für Jessica von Bredow-Werndl

Trotz zwei grober Schnitzer wurden Jessica von Bredow-Werndl und die Trakehner Stute Dalera v. Easy Game (Z.: Silke Druckenmüller, Ferschweiler) Vierte. Die Passage nach der ersten Piaffe misslang und bei den 15 Einerwechseln war nach ca. der Hälfte der fliegenden Galoppwechsel ein Knoten in den Beinen. Aber Jessica von Bredow-Werndl war sofort wieder fokussiert und ließ danach keine Punkte mehr liegen. 78,541 Prozent waren weniger als sich die junge Mutter aus Aubenhausen erwünscht hatte. Aber angesichts der Patzer auch dies eine Note zum Aufbauen.

„Jetzt freue ich mich auf Lala Land“, sprich die Kür am Samstag, guckte die Mannschaftswelt- und Europameisterin im nächtlichen Stadion von Rotterdam nach vorne. Zu Beginn der Prüfung hatte von Bredow-Werndl konstant über 80 Prozent gelegen.

Sönke Rothenberger: schwarzer Donnerstag

Freimütig gab Sönke Rothenberger zu, dass es der wohl schlechteste Grand Prix Special der gemeinsamen Karriere war. Der Wow-Effekt, der Cosmo noch vor zwei Jahren in Göteborg umgab, war in Rotterdam nicht mehr da. Und in der Galopptour häuften sich Fehler: In Serienwechseln, bei der Rückführung aus dem starken Tempo, das konnte nicht kompensiert werden. Zumal der stark schäumende Cosmo auch in einstigen Paradelektionen drei bis vier Zehntel unter dem ging, wie man ihn schon erlebt hat. „Im Sport muss man mit Niederschlägen rechnen“, so Rothenberger. „Wir fahren jetzt nach Hause und versuchen uns zu verbessern.“ Als Sechster mit mehr als 78 Prozent hätte er zwar die Qualifikation für die Kür. Aber hier dürfen nur die drei besten einer Nation im Viereck erscheinen.

Pauline von Hardenberg

Sönke Rothenberger und Cosmo, EM Rotterdam 2019 (© Pauline von Hardenberg)

78,252 Prozent – die Irin Judy Reynolds hätte wohl selbst nicht geglaubt, dass sie eine solche Note im Grand Prix Special mit Vancouver v. Jazz erzielen könnte. Der Routinier hatte keine Flausen im Kopf und ist in der Form seines Lebens. Sein Platz fünf unterstreicht das.

Noch eine PB, persönliche Bestleistung, gab es. Für den Briten Gareth Hughes und Classic Briolinca, eine Krack C-Enkelin. 78,085 Prozent – Hughes, Siebter, wollte seinen Augen nicht trauen, als er diesen Wert auf der Stadiontafel sah. Nach dem Aus von Charlotte Dujardin setzte sich Hughes noch vor Carl Hester (77,508/Neunter).

Mit Platz acht war Edward Gal mit Zonik v. Zack noch gut bedacht. Viele ungleiche Tritte im Hinterbein in Piaffen und Passagen, stockende Übergänge, gleichzeitiges Hüpfen mit den Hinterbeinen – was in L-Dressuren geahndet würde, wurde hier toleriert. Auch Patrik Kittels Ritt mit Well Done, bei dem sich immer wieder darstellte, dass die Stute nicht über den Rücken arbeitete, kam noch auf mehr als 77 Prozent, vor allem dank hoher Passage-Benotungen. Kann eine Passage wirklich besser als „gut“ sein, wenn in den anderen Trablektionen hinter der Rückentätigkeit immer ein Fragezeichen steht? Bei prominentem Namen wohl ja. Das ist der kleine bittere Nachgeschmack am Ende eines Tages bei der Dressur-Europameisterschaft, an dem gutes Reiten ganz vorn stand.

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