Neumünster: Zu erwartender Erfolg von Damon Hill im Grand Prix für die Weltcup-Kür

Grand Prix für die Weltcup-Qualifikationskür bei den VR Classics in Neumünster – „Dami“ hat mal wieder alles richtig und seine Reiterin „stolz“ gemacht, Anna Kasprzak hofft auf den Gewöhnungseffekt und Jessica von Bredow-Werndl findet’s „cool“.

Als erstes Paar der letzten von drei Gruppen im Grand Prix für die Kür von Neumünster mussten die beiden Weltcup-Titelverteidiger Helen Langehanenberg und Damon Hill ins Viereck. Dami war gut drauf locker, flockig, losgelassen wie immer und dabei heute gut vor den treibenden Hilfen. Ab und zu klappte der Donnerhall-Rubinstein-Sohn mit dem Maul, aber das störte das Gesamtbild nicht. Die Passagen waren wie immer ein Highlight (fünfmal die 10,0!), die Piaffen so gut wie auf der Stelle, mit maximaler Lastaufnahme, trotzdem ausbalanciert, eifrig, taktmäßig und nur in der zweiten gab es einen Hauch von Rhythmusverlust (auch hier wurde mehrmals Noten zwischen 9 und 10, genauso wie für die Übergänge). Der Schritt war fleißig mit guter Dehnungsbereitschaft. Im Galopp fing der nun 13-jährige Westfale super an mit flüssig bergauf nach vorne gesprungenen Zweierwechseln und exakten, durchlässigen Zick-Zack-Traversalen. Die Einerwechsel hätten flüssiger nach vorne sein können. Die erste Pirouette hätte kaum besser sein können, alle Richter sahen hier ein glattes Sehr gut. Die zweite war nicht ganz so gut, aber auch noch mindestens gut. Bis zur letzten Mittellinie gab es im Grunde nicht einen Fehler. Die Passage auf der Mittellinie auf X zu war eine Augenweide: kraftvoll, ganz gleichmäßig mit beinahe waagerechtem Unterarm. Die Piaffe bei X stand dem in Nichts nach. Doch man sah schon, dass Damon Hill hier besonders viel Last aufgenommen hatte. Er schaffte es, dies mit in die Passage zu nehmen, konnte diesen Kraftakt dann aber wohl nicht bis zuletzt durchhalten. Jedenfalls versuchte er, vor dem Grußpunkt G zu stoppen. Helen Langehanenbergs wusste warum: Er meinte, er sei fertig, das sei jetzt gut gewesen. Und ich finde, er hatte eigentlich Recht! Sie war überglücklich mit ihrer Vorstellung heute: Die Anlehnung, die Übergänge, das klappte alles. Ich habe das Video noch nicht gesehen, aber mein Gefühl war sehr sehr gut! Ob sie schon einmal über 89 Prozent im Grand Prix bekommen hat, so wie heute von der Französin Marietta Almasy, der Richterin bei M? Ich glaube nicht, in Herning vielleicht! Wir haben nachgeschaut. Nein, das ist eine persönliche Bestleistung. Auch bei den Europameisterschaften erreichten die beiden nicht dieses Notenniveau.

Apropos Noten, es gab da eine recht große Spannbreite der Bewertungen bei mehreren Paaren. Im Falle von Damon Hill lautete die niedrigste Note 81,80 Prozent der Richterin bei H, Liselotte Fore, und die höchste eben die 89,30 Prozent von Marietta Almasy. Auf die Frage, wie das denn zustande gekommen sei, antwortete Chefrichterin Dr. Evi Eisenhardt spontan, da solle man doch ihre Kollegen fragen. Zumindest mit Almasy hatte sie aber schon gesprochen, und die erklärte, sie habe die Vorstellung der beiden Titelverteidiger einfach gerne gemocht. Na, da war sie nicht die einzige!

Platz zwei ging an einen Gast aus Dänemark: Anna Kasprzak auf dem einst von Christoph Koschel in den Sport gebrachten Donnerhall-Sohn Donnperignon. Der imposante Dunkelfuchs war sichtlich angespannt in der Holstenhalle, in der die Zuschauer doch recht dicht am Viereck sitzen. Das war unter anderem im Schritt deutlich erkennbar, als Pepe erst auf der zweiten Hälfte der Diagonalen begann, das Gebiss zu suchen und sich an die Hand heranzudehnen. Ich hoffe, morgen ist er schon ein bisschen müde, brachte Anna Kasprzak ihr heutiges Reitgefühl auf den Punkt. Die Aufgabe der beiden war zwar geprägt von Dynamik und Energie, besonders in der Trabtour. Auf der anderen Seite traten aber auch alte Schwächen besonders zutage, beispielsweise die mangelnde Dehnungsbereitschaft. Die Grußaufstellungen, wie auch das Halten vor dem Rückwärtsrichten waren nicht geschlossen, die Passagen hingegen gewohnt gut, die Piaffen allerdings weniger. Wobei die zweite und dritte besser gelangen als die erste, in der der nun 15-jährige Wallach doch sehr am Boden klebte. Im starken Galopp riskierte Kasprzak alles und punktete zudem mit einer klar erkennbaren willigen Rückführung. In den Zick-Zack-Traversalen musste die Reiterin aufpassen, dass sie ihr Pferd im sicheren Dreitakt hielt. Alles in allem eine Prüfung mit Höhepunkten aber Luft nach oben, 77,60 Prozent lautete das Ergebnis.

Eine der Überraschungen des Tages waren Jessica von Bredow-Werndl und Unee BB, der der internationalen Richterin Beatrice Bürchler-Keller gehört. Seit zwei Jahren reitet die Aubenhauserin den Gribaldi-Sohn und wir werden immer besser und bekommen immer mehr Punkte. Es macht total Spaß, einfach cool!, freute sie sich nach ihrem gelungenen Auftritt, der ihr 75,480 Prozent bescherte. Vermisste man sonst immer etwas die Geschlossenheit bei dem KWPN-Hengst zeigte er sich in diesem Punkt heute deutlich verbessert. Dem sichtlich erstarkten Engagement der Hinterhand ist dann wohl auch die klar erkennbare Verbesserung der Anlehnung zuzuschreiben. Insgesamt ist auf einmal viel mehr Gleichmaß in der Bewegung als noch vor knapp einem Jahr. Nur kurzzeitig kam der Schwarzbraune noch mal auf die Vorhand und wurde etwas eng, beispielsweise in den Traversalen im Trab und Galopp und in den Zweierwechseln. Dem gegenüber standen Trabverstärkungen mit viel Schub und Raumgriff, taktsichere, fleißige Piaffen und ein gelassener Schritt. Bei der Rückführung aus dem starken Galopp hätte Jessica wahrscheinlich noch ein paar Pünktchen mitnehmen können, die war etwas verwischt. Aber alles in allem ist hier ein klarer Aufwärtstrend zu erkennen bei den derzeit Viertplatzierten im Weltcup-Ranking. Wies kommt? Ich trainiere mit meinem Bruder und Jonny Hilberath. Wir haben ganz viel an der Kraft und der Kondition gearbeitet. Jetzt fällt es Unee leichter, Last aufzunehmen und dementsprechend macht es ihm auch viel mehr Spaß.

Ein bisschen Pech hatten heute Helen Langehanenbergs Goldmannschafts-Kollegen der EM in Herning, Isabell Werth auf Don Johnson und Fabienne Lütkemeier mit DAgostino. Beide Pferde waren doch etwas umgebungsorientiert in der zugegebenermaßen nicht ganz einfachen Holstenhalle. Isabell Werth hatte das Los den Startplatz im Anschluss an Damon Hill und Helen Langehanenberg zugewiesen. Die Zuschauer waren noch im Begeisterungstaumel als sie mit ihrem Don Frederico-Sohn die Bahn betrat. Das hat den nun zwölfjährigen Hannoveraner aus dem Besitz der Prüfungssponsorin Madeleine Winter-Schulze so gar nicht behagt. Zuerst wollte er gar nicht auf die Richter zu galoppieren bei der Grußaufstellung. Werth konnte ihn dann doch überzeugen. Die Trabverstärkungen gelangen mit großer Schwungentfaltung und deutlich erkennbarer Rahmenerweiterung. Das Rückwärtsrichten war durchlässig, der starke Schritt losgelassen. Den zweiten Schnitzer gab es nach dem versammelten Schritt, als Don Johnson angaloppierte, statt anzupassagieren. In der Galopptour verloren die beiden dann noch einmal Punkte beim Aufnehmen aus dem starken Galopp als Don Johnson umsprang. So musste Deutschlands erfolgreichste Dressurreiterin sich heute mit 74,640 Prozent zufrieden geben.

Auch Fabienne Lütkemeiers DAgostino konnte sich nicht recht anfreunden mit der sehr familiären Atmosphäre der Holstenhalle. Wie Don Johnson „warf er schon bei der ersten Grußaufstellung den Anker“. Seine Reiterin klopfte ihm den Hals und gab ihm so die Zuversicht, sich doch in Richtung der furchterregenden kurzen Seite mit den bösen Richtern zu wagen. Aber während der gesamten Aufgabe sah der De Niro-Sohn sich immer mal wieder auf den Zuschauerrängen um, statt sich voll und ganz auf seinen Job zu konzentrieren. Hinzu kamen dann noch Fehler in den Einerwechseln und Piaffen, in denen der Hannoveraner ja schon immer zwar rhythmisch und fleißig war, aber Lastaufnahme vermissen ließ. So wurden es heute nur 72,980 Prozent für die beiden Mannschaftseuropameister, die ja schon mehrfach bewiesen haben, dass sie das eigentlich besser können.

Die zweite positive Überraschung des Tages neben Jessica von Bredow-Werndl und Unee BB war das Paar auf Rang sechs, die erst 20-jährige Dänin Nanna Skodborg Merrald auf ihrem eleganten dunkelbraunen dänischen Warmblutwallach mit dem schönen Namen Millibar. Nanna reitet den Milan-Liberty Dane-Sohn seit er fünf Jahre alt ist und hat mit ihm den ganzen Weg aus dem Junioren- über das Junge Reiter-Lager bis zum Grand Prix beschritten. Dabei gab es mehrere EM-Medaillen, auch welche in Gold. Und was nicht selbstverständlich ist: Den beiden ist ein nahtloser Übergang vom Junge Reiter-Lager in den Grand Prix-Sport gelungen. Trainiert werden die beiden von Michael Sogaard, der 2003 für Dänemark bei den Europameisterschaften in Hickstead im Einsatz war. Beim CHIO Aachen und anlässlich der EM in Herning entschieden Nanna und Millibar alle U25 Grand Prix-Prüfungen für sich. In ihrer dänischen Heimat, in Odense, gaben sie im Herbst 2013 ihr Weltcup-Debüt und katapultierten sich aus dem Stand auf Rang vier. Dieselbe Platzierung gab es dann noch mal in Stockholm.

In der heutigen Konkurrenz wurde es nur Rang sechs. Aber ehrlich gesagt, hätte man sich das elegante Paar auch leicht vor Werth und Lütkemeier vorstellen können. Denn die Aufgabe war nicht nur so gut wie fehlerfrei, der Wallach zeigte sich auch noch ausgesprochen ausdrucksstark, dabei aber völlig losgelassen und immer bei der Reiterin. Stets vor den treibenden Hilfen, ging er in mustergültiger Anlehnung und einem Gleichmaß, wie man es in der ersten Hälfte des Starterfeldes vermisste. Die Piaffen hätten etwas mehr auf der Stelle sein können, waren aber gesetzt, rhythmisch und aktiv. Beim Übergang aus der zweiten Piaffe in die Passage hatte Millibar einmal kurz Schwierigkeiten mit dem Rhythmus, fing sich aber sogleich wieder. Die Zweierwechsel waren flach, aber sicher nach vorne gesprungen. Die Einerwechsel klappten auch, allerdings noch recht schwankend. Trotzdem, das war eine Augenweide, was die für die frühe Stunde schon zahlreichen Zuschauer mit ganz viel Applaus quittierten. Heute gab es 72,840 Prozent, aber man muss kein Prophet sein, um zu sehen, dass dies ein Paar mit Zukunft ist. Man darf gespannt sein auf die morgige Kür!

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