Das Olympia-Dressurparkett ist bereitet – Stadiontraining Nummer eins

Training dressuur – Olympic Games Tokyo 2020

Das deutsche Team beim Training im Dressurviereck unter Wettkampfbedingungen, Olympia Tokio 2021 (© hippofoto.be)

Es ist der erste spannende Tag: „Familiarization“, sprich Stadiontraining unter Wettkampfbedingungen. Flutlicht, Blumen, Richterhäuschen – Eindrücke, die keine TV-Kamera von Tokio aus in die Welt sendet.

Unter Flutlicht konnte heute das erste Stadiontraining unter Wettkampfbedingungen absolviert werden. Es ging nach dem ABC. Von AUS (Australien) bis ROC. Das steht für die russischen Reiter, die wegen des Staatsdoping ja nicht für eine offizielle russische Mannschaft starten können.

Sonne beim Stadiontraining, dann wird’s dunkel

Bei der ersten Hälfte des Stadiontrainings schien für das Starterfeld noch die Sonne. Das Flutlicht war aber trotzdem bereits angestellt. Bei den letzten 30 Reiterinnen und Reitern war die Kunstbeleuchtung dringend notwendig. Um 18.20 Uhr dämmert es in Tokio. Ab spätestens 19 Uhr ist es dann zappenduster. Die Temperaturen sinken schon ab 16 Uhr in den Bereich „angenehm sommerlich“ und eine leichte Brise geht auch. Dazu sind die Stallungen leicht temperiert. „Ich brauche da schon eine Decke“, sagt Helen Langehanenberg, Ersatzreiterin der deutschen Equipe. Heute beim Training mit „Mausi“, der Holsteiner Stute Annabelle, die das erste Mal ein Stadion gesehen hat – „war ja auch noch nie in Aachen“ – ging so, dass sicherlich einige Equipechefs im Stillen hoffen mögen, sie könnten eines ihrer Pferde schnell noch herausnehmen und die Holsteiner Stute „umlackieren“. Passagen und Piaffen vom Feinsten, im Galopp schon wieder stark verbessert im Vergleich zu den Deutschen Meisterschaften. So ein „Ersatzpferd“ findet man weit und breit nicht. Solch eine konzentrierte Reiterin wohl auch nicht.

Die ersten Eindrücke des Stadiontrainings

Deutschland ist gut aufgestellt für Olympia. Das war schon vorher klar und das zeigte sich auch heute. Entsprechend zufrieden resümiert Bundestrainerin Monica Theodorescu das Geschehen vor den japanischen Teehäusern nachempfundenen Richterhäuschen. „Alles ist im Moment im Plan. Wir haben noch nicht zu viel trainiert, das wird jetzt gesteigert. Die Pferde sind gut drauf, gut gymnastiziert, locker und konditionell alle in guter Verfassung. Am Donnerstag trainieren wir noch einmal abends, dann ist am Freitagvormittag die Verfassungsprüfung und abends beginnt die Vorbereitung in Richtung Prüfung. Das wird individuell für jedes Pferd und mit jedem Reiter auf den jeweiligen Prüfungstag abgestimmt, so wie es auch bei anderen Championaten der Fall ist.“

Jede so wie sie es mag

Gymnastizieren war angesagt. Jeder Reiterin hatte da ihr individuelles Konzept. Isabell Werth, die heute Geburtstag feierte, stellte Bella Rose tief ein, ritt viele gebogene Linien und im Stadion vergleichsweise wenig Piaffen und Passagen. Was sie wirklich „übte“ war das Halten und Stillstehen.

Dorothee Schneider zählte zu den wenigen Reiterinnen, die ihr Pferd auf Wassertrense gezäumt hatten. Der Hannoveraner Showtime begann ganz klassisch mit Trab/Schritt-Übergängen, gefolgt von Tempounterschieden in Trab und Galopp. Dann kamen Schulterherein und Seitengänge – Schneider Style, hundertfach erprobt, hundertfach für gut und richtig erachtet. Forciert wurde da gar nichts. Gestern hatte Showi einen Schritttag, „so wie zuhause auch“, sagt seine Ausbilderin.

Jessica von Bredow-Werndl ritt die Trakehner Stute Dalera zunächst viel im Geradeaus außen um das Viereck herum. Jede Nation konnte zunächst zehn Minuten den Innenraum des Stadions nutzen und durfte dann anschließend zehn Minuten ins eigentliche Viereck. Dort trainierte die Weltranglistenzweite einige Ausschnitte aus dem Grand Prix. Das Angaloppieren Mitte der langen Seite, das Halten bei C. Alles verlief nach Plan.

Helen Langehanenberg begann mit dem Galopp, früh schon arbeitete sie an den fliegenden Galoppwechseln. Später dann im Trab wechselte sie an der langen Seite zwischen Renvers und Travers und am Ende kaute Annabelle vorbildlich die Züngel aus der Hand. Fertig, schön!

Und die anderen Nationen?

Die Dänen sind eine starke Mannschaft. Der Joker ist Catrine Dufour, die – glaubt man Instagram – vor allem nach Tokio gereist ist, um vor der Kamera zu turnen. Ihr talentierter Bordeaux-Sohn Bohemian ging phasenweise eng. Dufours Trainerin Kyra Kyrklund erkannte das wohl. Ihre Gestik (oder wie heißt das, wenn man mit dem Bein so zappelt, dass die Botschaft klar ist: „Qualm ihn an, der muss mehr vor die treibenden Hilfen“) waren unmissverständlich. Der Deckhengst Zack, mittlerweile schon einer der Veteranen im Viereck, ging unter Nanna Skodborg Merrald frisch und schwungvoll. Heline’s Danciera und Carina Cassøe Krüth werden vor Ort trainiert von Andreas Helgstrand. Alle Dänen ritten Ausschnitte aus der Aufgabe: Einreiten, antraben, Traversale, bei C Halten und Rückwärtsrichten. Die mit eleganten schwarzen Schabracken, die rot eingefasst sind, ausgestattete Equipe muss man im Auge haben in Hinblick auf eine Teammedaille.

Briten: very relaxed

Die Briten scheinen nicht nur daheim in Sachen Covid 19 eigene Ideen zu haben … Während Charlotte Fry ihren Niederländer Everdale nach allen Regeln der, nun ja, Kunst in den 20 Minuten ritt, war die zweite Charlotte deutlich entspannter. Charlotte Dujardin, die den kleinen Fuchs Gio – dessen knappes Stockmaß erst recht auffällt, wenn er zwischen vielen „großen“ Pferden unterwegs ist – statt ihrer Stute Freestyle mit nach Tokio gebracht hat, nutzte das Stadiontraining, um ausführlich Schritt zu reiten. Geradeaus und in verschiedenen Seitengängen. Man verrät kein Geheimnis, wenn man sagt, dass es viele Pferde gibt, die in dieser Gangart mehr zu bieten haben, als der Apache-Sohn. Aber es ging wohl nur um Entspannung. Ein kleines Anpiaffieren, das war es. Lehrmeister Carl Hester, der Dujardins Wallach En Vogue reitet, war ähnlich gechillt. Irgendwann trabte er dann untertourig an, ließ den Wallach ein bisschen hin und her Schenkelweichen im Trab, dann ein bisschen Passage. Das war’s. Gareth Hughes als Ersatzreiter ritt Lektionen mit dem Sandro Hit-Sohn Sintano van Hof Olympia.

Wie stark die Briten sind, ist nach dem heutigen Tag schwer einzuschätzen. Morgen wird auch noch einmal trainiert. Dann übrigens in umgekehrter Reihenfolge, so dass die Mannschaften, die heute im Hellen ritten, morgen auch in vollem Flutlicht trainieren können.

Edward will es wissen

Dass die niederländische Equipe sich etwas vorgenommen hat, zeigten vor allem zwei Teammitglieder. Allen voran Edward Gal. Er gab alles mit Total US. Motto: „Hoch die Beine – im Vorwärts, im Seitwärts und auch auf der Stelle“. Die Bewegungsmöglichkeiten – sprich der Radius des Vorder- aber auch des Hinterbeins – des Totilas-Sohns erstaunen mitunter. Wie losgelassen das dann im Viereck aussehen wird, bleibt abzuwarten. Gehorsam ist der Rappe mit dem hübschen Gesicht.

Der Rappe Dreamboy ging unter Hans Peter Minderhoud nahezu immer in schöner Silhouette, zeitweise kam die Zunge kurz zum Vorschein. Die Anlehnung dürfte im Genick stetiger sein. Der Hengst machte den Eindruck eines gefestigten Grand Prix Pferdes. Marlies van Baalen ritt ihren Totilas-Sohn Go Legend mitunter ganz langsamen Schritt, ließ im Trab auch mal die Zügel durchhängen. Und Ersatzreiterin Dinja van Liere ging derweil couragiert zur Sache.

Wie stark sind die Schweden?

Die Schweden haben auch viele auf der Liste. Patrik Kittel, von dem das beste Teamergebnis erwartet wird, zeigte heute mit Well Done mehrfach ungleichmäßige Tritte in der Trabtour. Und das nicht nur für ein paar Tritte. In den Traversalen und auch in einer Verstärkung traten diese Probleme eindeutig zu Tage. Die Pferde der Schwestern Ramel machten einen zufriedenen Eindruck. Dante Weltino und Therese Nilshagen arbeiteten in großen Arbeitspirouetten im Galopp.

Das US-Team

Kurz vor Schluss kam die Equipe aus den USA. Steffen Peters und Suppenkasper sahen ordentlich aus. Der Braune wurde mit wenig variierender Halseinstellung gearbeitet. Mit Spannung wurde der Auftritt von Adrienne Lyle und Salvino erwartet. Der Sandro Hit-Rappe ging gut, aber nicht auffällig gut. Manchmal wollte er mehr schieben als tragen, was zu leichten Unregelmäßigkeiten im Hinterbein führte. Aber: Lyle, die schon über 80 Prozent mit dem Hannoveraner erritten hat, forcierte nichts, sondern schloss den Rappen mit Tempounterschieden immer wieder von hinten heran. Sabine Schut-Kery und Sanceo, neu in der Atmosphäre eines Stadiontrainings, wirkten konzentriert.

Erstes Fazit

Das erste Training unter Echtzeitbedingungen taugt nicht, um schon den Stab über dem ein oder anderen Paar zu brechen. Was generell auffiel: Viele dieser internationalen Top-Pferde gehen wirklich schlechten Schritt, nicht nur am aufgenommenen Zügel. Viertakt? Zu vernachlässigen … Da muss man sich fragen, ob im Spitzensport vielleicht zu viel auf „Pi“ und „Pa“ geachtet wird, also auf Piaffen und Passagen. Oder noch genauer: Ob eine „ausdrucksstarke“ Passage allemal lieber (weil höher bewertet) ist, als ein losgelassener Pferderücken. Auch wenn der doch eigentlich die Basis sein sollte.

In Tokio können Antworten auf diese Frage per Richterurteil gegeben werden. Bleiben Sie dran, es bleibt spannend – hoffentlich nicht verspannt.


Unser täglicher Olympia-Podcast: Hier geht es zu Episode 1

  1. Sylvia

    Der letzte Abschnitt des Textes ist das – leider nicht neue – Problem der Dressurreiterei bzw. des entsprechenden Richtens, und damit der Grund, warum sich mittlerweile viele von Dressurwettbewerben abgewandt haben – sowohl aktiv als auch als Zuschauer.
    Danke, dass Sie dieses Thema immer wieder in den Mittelpunkt stellen und nicht müde werden, es kritisch zu hinterfragen!
    Hier hilft kein Bashing und kein inflationäres Ausrufen von „Rollkur“, sondern es ist und bleibt Aufgabe der Verbände, reelle Ausbildung durch kompetentes Richten mit den korrekten Schwerpunkten zu belohnen. Der Fisch fängt vom Kopf an zu stinken.

  2. M. Bach

    „Reelle Ausbildung durch kompetentes Richten“ dürfte tatsächlich der Schlüssel zum Erfolg sein.

    Ich teile ebenfalls die Meinung, dass auch das Punktesystem noch einmal überdacht werden sollte:
    Die „Pi-PA“-Tour wird vollkommen überbewertet, im Vergleich zu anderen GP-Aufgaben und deren Durchführung (Anlehnung, Durchlässigkeit, etc.).

    Eine Extra-Note könnte es auch dafür geben, wie Reiter mit kleineren oder größeren Störungen umgehen: wie sie ihr Pferd wieder beruhigen, und dessen Aufmerksamkeit wieder zurückgewinnen.

    Oder anders ausgedrückt: ich sehe lieber ein munteres, aufmerksames Pferd unter dem Sattel, das sich vielleicht einmal erschreckt oder aus Übermut einen Hopser macht, als einen apathischen Roboter, der aus Angst und Einschüchterung heraus, vielleicht sogar, weil es dehydriert ist, keinen „Piep“ mehr von sich gibt – und nur noch funktioniert. Traurig – und langweilig!

    Komisch, aber heute scheint es ohne bemützte und schallisolierte Ohrenkappen gar nicht mehr zu gehen. Okay, verstehe: es gibt ja auch dauerhaft musikalische Schallberieselung, sodass man im ersten Moment gar nicht weiß, ob es sich um einen GPS oder eine GP-Kür handelt.

    Zu bedenken gilt auch, dass aufgrund moderner Zuchtziele immer mehr Pferde nicht nur Probleme mit einer ehrlich gesetzten Piaffe haben, die sie ohne Lastaufnahme und ohne abgesenkte Kruppe zeigen, sondern nur noch irgendwie um Takt bemüht „treteln“.

    Die Pferde werden immer mehr auf Schwungentfaltung gezüchtet, zu Lasten der Tragkraft.
    Und dies oft so übertrieben, dass selbst die Gruß- und Schlussaufstellung kaum noch gelingt.
    Was die hoch-modernen, immer länger werdenden Beine noch an gesundheitlichen Schwierigkeiten bringen werden, wird sich erst noch herausstellen.

    Und noch ein Wort, zu den aktuellen Ausfällen durch Verletzung und Lahmheit, z. B. WELL DONE DE LA ROCHE und ZONIK: bei letzterem sogar mit Todesfolge nach OP. Speziell um diesen Hengst tut es mir sehr leid, wie auch schon damals um das frühe Ausscheiden von Gribaldi und Totilas.

    Wenn ich jetzt seine Söhne unter dem Reiter ihres Vaters Totilas sehe, wage ich zu prognostizieren, dass sich deren Besitzer und ihr Reiter nicht mehr sehr lange an ihnen erfreuen werden können.
    Der angerittene Bewegungsablauf der beiden ist dermaßen übertrieben und exaltiert, dass das auf die Lebensqualität und Nutzungsdauer gehen MUSS.

    Schade eigentlich, dass niemand ihren Reiter und seine Entourage darauf aufmerksam macht,
    dass es andere gewachsene Reitkonzepte gibt, die wesentlich nachhaltiger sind, und der Pferdegesundheit dienlich. Sicherlich hätte es ihr eigentlich begabter, eleganter und gut sitzender Reiter, mit der Anwendung dieser Konzepte auch sehr weit gebracht. Die Pferde hätten es ihm gedankt. Schade, um den Reiter und seine Pferde.

    • Sylvia

      Da kann ich nur zustimmen! Piaffen mit gesenkter Kruppe und leicht abfußend werden leider nicht so honoriert wie solche mit geradem Rücken, so lange nur hoch genug vom Boden abgehoben wird. Nur leider kommt das Hinterbein dabei gar nicht unter den Schwerpunkt! Trotzdem loben dann alle die „Aktivität“. Es ist aber die versammeltste aller Lektionen, und wenn dabei nicht genügend unter den Schwerpunkt getreten wird, ist die Lektion nicht korrekt ausgeführt. Da gibt es keine zwei Meinungen.
      Und so gibt es viele Beispiele. Auch der Punkt „Rahmenerweiterung“ bei Verstärkungen scheint mir quasi abgeschafft, 90% der Pferde durchlaufen die Prüfungen in der gleichen Kopf-Hals-Haltung. Es gibt einige wenige Ausnahmen wie Ingrid Klimke.
      Bei den Schlussnoten hatte man früher noch die Möglichkeit (und Pflicht), Dinge wie Disharmonie abzustrafen, daher hat man die einfach abgeschafft.

      Mit anderen Worten: Der Wille, reelle Ausbildung und Kriterien ‚pro Pferd‘ stärker zu gewichten, ist schlichtweg nicht vorhanden, leider im Gegenteil.


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