Weltcup-Finale Dressur 2019: Kopf-an-Kopf-Rennen der Dauerrivalinnen Isabell Werth und Laura Graves

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Weihegold, Werth und Weltcup, das passt! Schon zum dritten Mal in Folge heute in Göteborg. (© Pauline)

Am Ende kann Isabell Werth ihrer schier unendlichen Liste an Titeln und Erfolgen einen weiteren hinzufügen, den fünften insgesamt, den dritten in Folge mit Weihegold. Und Laura Graves? Ist zum dritten Mal in Folge Zweite. Diesmal vor einem deutschen Paar, das den Chefrichter gefühlt fast das Leben gekostet hätte.

Dressurrichter haben ja in der Regel nicht unbedingt einen gefährlichen Job, aber einen Moment lang musste Chefrichter Magnus Rigmark in Göteborg doch um sein Leben bangen, als Damsey im starken Trab auf ihn zumarschierte und keinerlei Anstalten machte, vor der Vierecksbegrenzung anzuhalten. Helen Langehanenberg gelang es dann doch noch mit aller Kraft ihres Fliegengewichts, die Bremsen durchzutreten. Gefühlte zehn Zentimeter vor dem Gesicht des Schweden kam der Hengst zum Stehen.

„Er war so aufgemischt durch das Klatschen der Zuschauer, es gefiel ihm einfach“, versuchte die Reiterin eine Erklärung, die soeben mit Damseys bester Kür Dritte geworden war – fulminanter Schlusspunkt eines Weltcup-Finales, das nicht nur die Nerven des Chefrichters strapazierte.

Die ungleichen Konkurrenten

Isabell Werth fuhr mit Weihegold ihren fünften Weltcupsieg ein, alles andere als ein Routineerfolg, sondern hart erkämpft. Es war von Anfang an klar, dass es auf ein Duell zwischen Werth auf der 14-jährigen Weihegold und der US-Amerikanerin Laura Graves auf dem 17-jährigen Verdades herauslaufen würde.

Auf der einen Seite der gangstarke Braune, mit enormem Schwung ausgestattet, der gleichwohl in Piaffen, Passagen und allen schwierigen Galopp-Lektionen brillieren kann, auf der anderen Seite die feine elegante Oldenburger Stute, die ihre begrenzten Grundgangarten durch ihr Piaffe-Passage-Talent mehr als kompensiert und darüber hinaus so kooperativ und rittig ist, dass ihre versierte Reiterin mühelos eine Kette von Höchstschwierigkeiten aneinanderreihen kann.

Gerade der Schwierigkeitsgrad hat noch mehr Gewicht bekommen. Besonders schwierige Lektionenfolgen wurden auf der nur für das Publikum sichtbaren Anzeigentafel als „Hight difficulty“eingeblendet.

Verdades in Höchstform

Laura Graves als fünftletzte der 18 Starter, legte zu klassischer Musik mit wuchtigen, zu Verdades passenden Rhythmen ordentlich vor, das Pferd immer sicher und geschlossen eingerahmt, mit knackigen Verstärkungen und Schwierigkeiten wie doppelten Galopp-Pirouetten eingebettet in Galopptraversalen nach beiden Seiten. Ein kleiner Haker bei den Einerwechseln, eine Stockung in der ersten Piaffe und nicht die fantasievollste Raumaufteilung haben vielleicht ein paar Pünktchen gekostet, aber es war nach diesem Ritt klar, dass Isabell Werth nur über den Schwierigkeitsgrad noch würde gewinnen können.

Ein Sieg, Marke Werth

Und wie immer wenn es eng wird, legte die Vielfach-Championesse noch einen drauf. Sie hat wie nur wenige begriffen, dass es nicht schaden kann, die Richter durch fröhliche Rhythmen ein bisschen in Stimmung zu bringen. Gleich am Anfang eine Passage-Acht, starker Trab auf C zu, nicht länger als nötig, dann ein Feuerwerk von Piaffen und Passagen, auf der Geraden, als Passagentraversalen oder durch Piaffe-Pirouetten, hier einmal mit einer minimalen Stockung.

Eine 9,0 gab es von den sieben Richtern für die Folge Starker-Galopp-doppelte Pirouette. Dann der einzige Fehler, ein Versehen in den Einerwechseln, der angesichts von Graves’ Leistung den Sieg hätte kosten können. „Aber da war ich einfach ein bisschen zu arrogant und habe mich zu sicher gefühlt“, sagte Werth später.

Als sie auf die Schlusslinie abbog, lag sie noch auf Platz zwei. Aber dann: nochmal eine Piaffe-Pirouette, nochmal hin und her passagiert, 9,9 gab es für diese letzte Linie, das war Sieg Nummer fünf. Und nach Omaha und Paris der dritte hintereinander, alle mit Weihegold.

Die Siegerehrung geriet mal wieder zur echten Werth-Show, der Schampus spritzte, eine Extra-Ladung ergoss sich in den Hemdkragen von FEI-Präsident Ingmar de Vos, aber auch die Pfleger bekamen etwas ab und sogar die Pferde durften mal nippen.

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Der beste Damsey, den es je gab

Es war ein hochklassiges Finale, zehn von 18 Reitern erreichten mehr als 80 Prozent. Selten wurden so wenig Wechselfehler bei den Galoppwechseln registriert, ausgerechnet der Siegerin wären sie fast zum Verhängnis geworden. Helen Langehanenberg und Damsey erreichten mit 86,571 Prozent das beste Ergebnis ihrer Karriere.

Der 17-jährige Hengst war selten so konzentriert bei der Sache. Auch die schwierigsten Lektionen, wie Doppelpirouetten eingebettet in Einerwechsel, gelangen fast spielerisch. Und Schwung hat der elegante Dunkelbraune v. Dressage Royal sowieso genug.

Die weiteren Ritte

Der Däne Daniel Bachmann Andersen wurde mit Zack Vierter (85,468). Er konnte sich deutlich gegenüber dem Grand Prix steigern, lieferte eine harmonische und fließende Vorstellung, die unter der etwas eintönigen Musik litt. Auch kam er immer wieder auf den Kopf und sperrte das Maul auf.

Ebenfalls besser als am Vortag zeigte sich die US-Amerikanerin Kasey Perry-Glass mit Goerklintgaards Dublet. Der Dunkelbraune wirkte frischer und engagierter. Den Auftakt machte auch hier eine Piaffe-Passage-Tour, drunter tut’s fast keiner mehr. Insgesamt war die Linienführung etwas langweilig aber die tolle letzte Piaffe-Pirouette brachte noch einmal Punkte. 85,975 waren es am Ende, Platz fünf.

Es folgte auf Platz sechs der beste Schwede, Patrik Kittel auf Delaunay (82,464), dem zu poppigen Oldies vieles gut gelang: die fließenden Trabtraversalen, die Piaffe-Pirouetten, die guten Galopp-Pirouetten. In den Piaffen schwankte der Braune deutlich, der Schritt war knapp, der Schweif häufig unruhig.

Ein elegantes Bild bot die dritte US-Reiterin Adrienne Lyle auf dem langbeinigen zwölfjährigen Sandro Hit-Sohn Salvino. Einer- und Zweierwechsel auf gebogener Linie ragten als Höhepunkte hervor wie auch eine eindrucksvolle Piaffe-Passage-Tour mit Richtungswechsel. 81,832, Platz sieben.

Der dritte Deutsche, Benjamin Werndl, konnte zwar nicht mehr ins Geschehen eingreifen, sich aber doch im Vergleich zum Grand Prix deutlich steigern. Immer mit schönem Seitenbild stellte er den 15-jährigen Daily Mirror vor, fing mit der Galopptour an, doppelte Pirouette links, gefolgt von Zweierwechseln, einer doppelten Pirouette rechts und starkem Galopp. Das machte trotz eines Wechselfehlers schon mal Eindruck. Die Einerwechsel, 19 an der Zahl, imponierten. Auch der starke Schritt und der starke Galopp, überhaupt die Riesenmechanik des Damon Hill-Sohnes. Die Piaffen waren einigermaßen auf der Stelle, sind aber nach wie vor der Schwachpunkt. Am Ende gab es 79,18 Prozent, Platz 12.

Das Durchschnittsalter der 18 Pferde war ungewöhnlich hoch, allein vier 17-Jährige waren dabei, darunter der Zweite und Dritte. „Das zeigt doch, dass richtiges Reiten die Pferde lange frisch und gesund hält“, sagte Isabell Werth.

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