Kommentar: 210 Jahre Gutgläubigkeit

Mit einem Persilschein geht der Pferdesport aus der Befragung durch die DOSB-Kommission hervor. Aber die wenigsten Probleme dürften damit gelöst sein.

 

 Wer immer in der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) im Sturm der sich häufenden Doping- und Medikationsskandale die Idee hatte, die Leistungskader aufzulösen und eine unabhängige Kommission des detuschen olympischen Sportbundes (DOSB) einzusetzen, kann sich auf die Schultern klopfen: PR-Aktion gelungen. Der Reitsport ist strukturell nicht unredlich, das Klima war vertrauensvoll und die Auflagen, die die Kommission unter der Leitung des früheren Verfassungsrichters Udo Steiner für die drei Hauptakteure in der  Doping/Medikationsdiskussion, Ludger Beerbaum, Daniel Deusser und Marco Kutscher vorschlagen, lassen sich wohl auch ertragen. Für alle championatsgeeigneten Pferde muss ja bekanntlich ohnehin die Behandlung dokumentiert werden; die drei müssen nun vorab Medikationen mit Bundestrainer Otto Becker und Mannschaftstierarzt Dr. Swagemakers absprechen. Da kann man wohl sagen, Anruf genügt, Problem gelöst.

Ansonsten alles halb so wild? Vielleicht, wenn man, wie Professor Steiner schon darüber entscheiden musste, wie schuldig sich ein Trainer gemacht hat, der durch Doping Sportlern zu Busen und Sportlerinnen zu Bärten verholfen hat. Dagegen nimmt sich die eine oder andere verbotene Medikation bei Pferden ja tatsächlich harmlos aus.

210 Jahre haben die drei hoch verdienten Herren auf dem Buckel, die in Warendorf das Image des Pferdesports durch ihre Befragungen wieder aufpolieren sollten. 210 Jahre Gutgläubigkeit:  Bei dem durch freimütige Äußerungen zu seiner Medikationspraxis aufgefallene Ludger Beerbaum habe man ein Umdenken festgestellt,  die jungen  Reiter zeichneten sich durch eine hohe positive Ethik  aus, es gebe keinen Flächenbrand, sondern höchsten Altbrandherde.

Dem Pferdesport wurde von der Kommission der Persilschein ausgestellt auch wenn sie nichts erfahren hat und sich offenbar nicht wirklich bemühte, herauszufinden, was nicht schon in ihren Unterlagen stand. Der pensionierte FN-Generalsekretär Hanfried Haring, der zuerst von Flächenbrand sprach, wurde bisher nicht befragt. Und auch die Einsicht von FN-Sportchef Reinhard Wendt, dass Regelverstöße offenbar an der Tagesordnung seien, fand keinen Eingang in die Bewertung der Kommission. Aber hat wirklich jemand erwartet, dass ein Reiter bisher nicht nachgewiesene Manipulationen gestehen würde? Das wäre wohl ein bisschen viel des Umdenkens verlangt. Stattdessen traten bestens vorbereitete junge Leute vor die Kommission,  beschworen den fairen Sport und ihre Liebe zum Pferd, schilderten ihre Unsicherheit bezüglich des wirren Regelements, und wie sehr sie unter dem Image des Dopingsports leiden. Die Klagen der Reiter sind nicht neu, aber die Herren hörten sie womöglich zum ersten Mal. Sie waren sicher guten Willens, herauszufinden, wer die Wahrheit sagte, wer die halbe Wahrheit und wer die ganze Unwahrheit aber Lügendetektoren hatten sie schließlich nicht dabei.  Der Eindruck, den sie von der jungen Reitergeneration gewonnen haben, wird nicht einhellig geteilt; selbst FN-Präsident Breido Graf zu Rantzau bedauerte im vergangenen Jahr die häufig sehr erfolgsorientierte Haltung des Nachwuchses zum lebenden Sportgerät Pferd.

Der Fall Werth wurde nicht behandelt, aus gutem Grund: Am Tag zuvor hatte sich die fünffache Olympiasiegerin in Lausanne dem Tribunal der internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) stellen müssen, eine Entscheidung fiel noch nicht. In ein schwebendes Verfahren habe man nicht eingreifen wollen, die Reiterin habe auch darum gebeten und würde gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt aussagen, so  Steiner und  betonte immer wieder, mit welcher Hochachtung die anderen Reiter von Isabell Werth gesprochen hätten und von ihrem großen Pech, einer falschen Einschätzung des Tierarztes aufgesessen zu sein. Vielleicht hat er ja Recht. Vielleicht aber auch nicht. Fluphanzin ist eine Dopingsubstanz, die zu keiner Zeit und in keiner noch so kleinen Menge in den Körper eine Pferdes gehört. Das ist Fakt. In der Humanmedizin wird es zur Beruhigung psychisch Erkrankter eingesetzt. Eine der Nebenwirkungen sind parkinson-ähnliche Symptome, Zittern zum Beispiel. Ach ja, der als nervlich und reiterlich schwierig geltende Whisper litt ja an der Zitterkrankheit. Aber wer viel fragt, kriegt viel Antwort. Und das hätte das neue Sauber-Image des Pferdesports womöglich getrübt und das Gelingen der PR-Aktion gefährdet.

Gabriele Pochhammer


Folgende Ehren- und Verpflichtungserklärung mussten die für eine erneute Kadernominierung infrage kommenden Reiter unterschreiben, nachdem sie von der Kommission des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zur Manipulation im Pferdeleistungssport befragt worden waren:

„Ich bekenne mich uneingeschränkt und entschieden zu den Grundsätzen der Fairness und Integrität im Pferdesport. Ich versichere, mit dem Pferd zu dessen Wohl und Gesundheit einen reiterlichen Umgang zu pflegen und auf jede Form der Manipulation zu verzichten. Insbesondere werde ich innerhalb und außerhalb des Wettbewerbes keine gemäß den geltenden Regelwerken und Richtlinien verbotenen Methoden anwenden und keine verbotenen Substanzen (Dopingsubstanzen und sonstige verbotene Substanzen) in einer Weise anwenden, die einen Verstoß gegen das geltende Regelwerk darstellt. Ich bin bereit, im Zusammenhang mit allen von der Reiterlichen Vereinigung verbindlich beschlossenen und noch zu beschließenden Maßnahmen zur Bekämpfung von Manipulation im Pferdesport vertrauensvoll zu kooperieren.“



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