Kommentar zum Seminar „Reitkunst und Biomechanik“ in Verden: Von Kontroversen keine Spur

Dr. Gerhard Heuschmann (links) im Gespräch mit Philippe Karl.

Worin unterscheidet sich die klassische Reitlehre von der Schule der
Légèreté? Welches System ist schlüssiger und bietet dem Reiter mehr
Lösungsansätze? Diese und viele andere Fragen hätten die Gäste, die am 21.
November in die Niedersachsenhalle in Verden gekommen waren, den Referenten Dr.
Gerhard Heuschmann und Philippe Karl sicher gern gestellt. Eine offene
Diskussion fand aber nicht statt.

Eine so große Menschenmenge hatten weder Dr. Gerhard Heuschmann noch Philippe Karl jemals um sich versammelt: Rund 3000 Besucher kamen in die Verdener Niedersachsenhalle, um zu hören, in welchen Punkten sich die klassische Reitlehre von der Schule der Légèreté unterscheidet, wo welches System vielleicht sogar voneinander lernen kann. Motivierend der Beginn: Gleichmacherei ist nicht Sinn der Veranstaltung, begann der Tierarzt und Buchautor Dr. Gerd Heuschmann, wir werden aber vielleicht in manchen Punkten zu einem Konsens kommen in manchen dagegen eher Kontroversen aufzeigen.

Damit hatte der Warendorfer große Erwartungen geweckt, und die nächsten zwei Stunden verbrachte er damit, sein Publikum davon zu überzeugen, dass die klassische Reitlehre nicht nur richtig, sondern auch in sich schlüssig ist. Vor allem nutzte Heuschmann die so genannte Biomechanik (Funktionen und Strukturen eines Bewegungsapparates auf deutsch: miteinander zusammenhängende Abläufe im Pferdekörper) – eine Thematik, in der sich Heuschmann auskennt wie kaum ein Zweiter.

Ich bin mir klar: Das alles hier war jetzt blanke Theorie. Dass in der Praxis nicht immer alles so gemacht wird, wie es sein sollte, steht auf einem anderen Blatt, wurde der Warendorfer nicht müde zu betonen. Heuschmann zeigte diverse Fotos aus dem aktuellen Dressur- und Springsport, und belegte seine Thesen mit Zeichnungen, Pfeilen und diversen Zitaten aus 150 Jahren Reitliteratur.

Der Franzose Philippe Karl wählte in seinem Vortrag einen praktischen Ansatz: Wie stelle ich mein Pferd an den Zügel? eine Frage, die sich tausende von Reitern stellen und die neugierig macht. Für die Antwort standen dem Ausbilder rund zwei Stunden zur Verfügung. Diese Zeit nutzte er, um sich allein auf das vordere Drittel des Pferdes zu beschränken: die Stirn-Nasen-Linie, das Genick und der Hals des Pferdes kamen zur Sprache für die Notwendigkeit eines aufgewölbten Rückens, einer aktiven Hinterhand, gebeugter Hanken oder eines korrekten Reitersitzes nahm sich Karl keine Zeit.

 Im Praxisteil, der von Philippe Karl gestaltet wurde, sah man zunächst einige seiner Schüler, die die Bedeutung eines tätigen, kauenden Mauls demonstrieren sollten. Nach Meinung Karls ist dies durch gezielte Bewegungen des Gebisses im Pferdemaul zu erreichen (d.h: der Reiter steht vor dem Pferd und bewegt mit seiner Hand das Gebiss im Maul). Die von ihm beschriebene Zufriedenheit und Losgelassenheit, die ein Pferd dadurch erreichen würde, war den vier Probanden weniger anzusehen: Nach hinten gelegte Ohren, Rückwärts- oder Seitwärtsausweichen und unzufriedene Gesichtsausdrücke provozierten viele gerunzelte Augenbrauen auf den Tribünen.

Teil zwei der praktischen Vorführungen bestand aus der Vorstellung zweier Berufsreiterinnen, die sich seit einem Jahr bei dem französischen Verfechter der Légèreté weiterbilden. Zum ersten und einzigen Mal werden Sie sehen, wie die Damen vor einem Jahr geritten sind und wie sie jetzt reiten, kündigte der Ausbilder an, der in Deutschland viele Anhänger hat vielleicht weil er zu Recht darauf hinweist, dass sehr viele Reiter eine zu harte Hand haben und dagegen dringend etwas unternommen werden muss. Die Vorführung der beiden Berufsreiterinnen sorgten allerdings dann für Unruhe: Zu gestellt wirkte das Vorher-Nachher, wo in den ersten fünf Minuten im Stuhlsitz, in überhöhtem Tempo und mit riegelnder Hand die Pferde durch die Arena gescheucht wurden, und wo im Nachher nur eines der Pferde eine leichte Verbesserung zeigte: weil es sich im gesamten Körper mehr dehnen und aufwölben durfte, was voll und ganz den klassischen Richtlinien entspricht.

Weitere Vorführungen folgten, unter anderem schwang sich der Franzose selbst in den Sattel eines achtjährigen Hannoveraner Dressurpferdes, bis zur Klasse M ausgebildet. Die Vorstellung der 18-jährigen Besitzerin des Pferdes ließ wenig Wünsche offen etwas kurz war das Pferd vielleicht im Rahmen, mit dem Geodreieck gemessen war das Pferd sicher auch hinter der Senkrechten. Dies jedoch hätte man mit fünf Zentimeter längeren Zügeln wahrscheinlich schon abstellen können. Philippe Karl war da anderer Meinung: Sie sind ein nettes Opfer falscher Regeln, beschrieb er seine Sicht der Dinge. Er fixierte sich auf die hinter der Senkrechten verlaufende Stirn-Nasenlinie, brachte den Begriff Rollkur und aufrollen ins Spiel Bezeichnungen, die der feinen Reiterei dieses jungen Mädchens nicht würdig waren. Nachdem sich Philippe Karl in den Sattel des Hannoveraners geschwungen hatte, verlor der Warmblüter den Takt, drückte den Rücken weg und wirkte insgesamt sehr unzufrieden. Die Stirn-Nasenlinie aber war in der Tat stets weit vor der Senkrechten.

 Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte die Chance bestanden, eine Lanze für das System der klassischen Ausbildung zu brechen. Doch die von mittlerweile allen Zuschauern erhoffte Diskussion zwischen Dr. Heuschmann und Philippe Karl blieb aus. Versuche seitens des Tierarztes (Ich denke, wir sollten nicht schlechtes Reiten mit guter Légèreté vergleichen oder Aus Sicht der klassischen Reitlehre erhält man ein tätiges, kauendes Maul durch gutes, geschmeidiges Reiten aus einem gefühlvollen Sitz heraus weniger durch mechanische Anregungen zum Kauen von unten) scheiterten weitgehend an der mangelnden Bereitschaft des Franzosen, sachlich auf die Argumente von Dr. Heuschmann einzugehen (Zur Maultätigkeit: Ich präsentiere hier eine Synthese aus 30 Jahren Arbeit und Lektüre ich weiß, wovon ich rede). Die Ränge leerten sich. Später kommentierte Heuschmann: Ich bin hier nicht angetreten, um Gräben auszuheben, sondern um die Denkweise der Légèreté kennenzulernen und ich denke, Ihnen geht es genauso.

 Am Ende der fast neunstündigen Veranstaltung erhielten die Zuschauer einen weiteren Einblick in Philippe Karls Verständnis von Légèreté: Acht seiner besten Schüler (nach Meinung von Herrn Karl), die mittlerweile nach seinem System unterrichten, demonstrierten ihre Auffassung von leichtem Reiten. Man sah ausschließlich offene Pferdemäuler, keins der Pferde konnte länger als ein paar Meter im Takt gehen oder über den Rücken schwingen, von Versammlung in Lektionen wie Traversalen keine Spur, fliegende Wechsel verliefen auf mindestens drei Hufschlaglinien, die Reiter präsentierten abenteuerliche Interpretationen eines geschmeidigen Sitzes. Allen Pferden gemeinsam war: Sie hatten die Stirn-Nasenlinie stets vor der Senkrechten.

Dennoch erntete diese Vorführung nicht nur frenetischen Beifall, sondern standing ovations wahrscheinlich, weil eins der vorgeführten Pferde, das nicht in der Lage war, auch nur im Ansatz versammelt zu traben, später eine relativ taktmäßige Piaffe zeigte. Willkommen im Zirkus… 

Kerstin Niemann

St.GEORG GRATIS LESEN!

Schnell, aktuell und auf einen Blick wissen, was Sache ist! Das bietet der
St.GEORG Newsletter. Jetzt abonnieren und Sie erhalten eine Ausgabe
St.GEORG als ePaper gratis - zum immer und überall lesen.

  1. Katharina88

    Also ich bin gerade erst auf den Artikel gestoßen und da ich bei der Veranstaltung zugegen war, möchte ich ihn trotzdem noch kommentieren:

    Die Wahrheit liegt meiner Meinung nach weder darin, die Legerete nach Karl als einziges Heilmittel zu sehen. Noch liegt sie darin, es nicht als gravierenden Fehler zu bezeichnen, wenn das Pferd mit der Stirn-Nasenlinie hinter die Senkrechte kommt und zu leugnen, dass dies bei den meisten auf Turnieren vorgestellten Pferden in den höheren Klassen der Fall ist.

    1. Die Beizäumung auf sanfte Weise zu verlangen, indem man den Unterkiefer lockert ist ein Weg, den unter Umständen nicht jedes Pferd gut annimmt und der viel Feingefühl erfordert. Es gibt sicher andere ebenfalls pferdefreundliche Wege, wie ich selber sie auch nutze, über Takt und Losgelassenheit etc. etc. erreichen lassen. Von daher ist es von Seiten PKs nicht in Ordnung, keine anderen Methoden zu akzeptieren.

    2. Die Reiterin ,deren Pferd sich auf M- Niveau befand hat ihr Pferd kontinuierlich zu eng geritten, da sie so reiten sollte wie gewöhnlich kann man davon ausgehen, dass sie im Training genauso reitet. Ein Pferd, was hdS geritten wird, hat extrem viel Gewicht auf der Vorhand und geht somit nicht im Gleichgewicht, ist nicht reell ausgebildet. Dr. Robert Stodulka hat in seinen Werken zur medizinischen Reitlehre und Reitkunst deutlich gemacht, dass diese fehlerhaften Bewegungsmuster im Plue Print, dem Bewegungsgedächtnis des Pferdes gespeichert werden. Mit ein paar cm längeren Zügeln ist die Korrektur also eben, wie im Artikel behauptet, nicht bereits erfolgt! Es braucht Wochen und Monate, ja Jahre diese falschen Bewegungsmuster zu „überschreiben“, in denen konstant mit korrekter Haltung (vor der Senkrechten) geritten werden muss!

    3. PK´s Weg durch Aufwärtsparaden ist meiner Meinung nach an dieser Stelle nicht die eleganteste bzw. beste Lösung und für mich zu „ruppig“. Bei jedem Ausbilder sieht man mal etwas, das einem nicht gefällt und das man kritisieren muss! Anhand dieses Beispiels aber die gesamte Lehre in Zweifel zu ziehen halte ich jedoch nicht für angebracht.

    4. Sieht man sich die Schüler von Philippe Karl an, so sieht man so viele gut sitzende , gefühlvolle Reiter wie sonst selten auf einmal. Dies sehe ich Artikel völlig falsch dargestellt, der fachkundige Zuschauer wird es erkennen. Die Pferde gehen sehr losgelassen, zufrieden und korrekt. Dies mag auch daran liegen, dass Philippe Karl sich die besten Reiter für seine Kurse aussucht. Das heißt aber auch, dass viele sehr gute Reiter an PKs Lehre interessiert sind und aufgrund ihres hohen Fachwissens (was sie sicher vorher schon hatten und was sich durch PKs anspruchsvolle Studien erweitert) dazu in der Lage sind, fundierten guten Unterricht im Sinne der Pferde zu geben.

    Ich persönlich kann sagen, dass ich noch keinen FN-Reitlehrer kennen gelernt habe (und das waren einige angeblich sehr renommierte) , der Unterricht im Sinne der Pferde gegeben hat, ohne dass viele Pfede weniger..oder leider oft mehr gelitten haben !
    Bei der von PK lizenzierten Trainerin, bei der ich vor einigen Jahren einige Lehrgänge geritten bin war so etwas die absolute Ausnahme und nicht die Regel (ganz fehlerfrei wird leider nie einer sein). Der Rest war durchweg pferdefreundlich.

    Ich denke es liegt nicht an der deutschen Reitlehre an sich sondern an den zu niedrigen Maßstäben, die die FN an das Reiten und die von ihr lizensierten Trainer stellt. Masse statt klasse, dann sagen sie wenn Uta Gräf oder Ingrid Klimke: (die man an einigen Stellen auch kritisieren kann wie alle anderen)Unsere Lehre funktioniert doch!

    Ja, tut sie- aber die wenigsten können die Lehre umsetzen geschweige denn vermitteln. Bei der Ecole der Legerete verhält es sich da ganz anders.

    Fazit ist für mich deshalb: Die Legerte nach P.Karl ist nicht das einzig Richtige und andere pferdefreundliche Wege sollten nicht als weniger gut abgetan werden. Jedoch bietet das Netzwerk der Ausbilder der Ecole der Legerete einen pferdefreundlichen Weg sein Pferd anatomisch möglichst korrekt zu reiten, wie er von den meisten FN-Reitlehrern aufgrund mangelnden Fachwissens nicht vermittelt werden kann!


Schreibe einen neuen Kommentar