CHIO Aachen 2017: Fahren – Jagd um Punkte gut, Nationenpreisauftakt nicht

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(© CHIO Aachen)

Platz fünf unter sieben teilnehmenden Nationen in der Teamwertung der Vierspännerfahrer nach der ersten Teilprüfung Dressur beim CHIO in Aachen ist eine recht bescheidene Ausgangsposition. Zwar liegen die Stärken der deutschen Fahrer ohnehin im Marathon und im Kegelfahren, es braucht aber schon eine große Portion Optimismus und Vertrauen in die eigenen Stärken um im Nationenpreis an einen Platz auf dem Treppchen zu glauben. Die Jagd auf Punkte sorgte am Freitag für bessere Laune.

Die Freude über Christoph Sandmanns Sieg im Hindernisfahren „Jagd um Punkte“ war riesengroß, war Stimmungsaufheller für Fahrer, Funktionäre und die Fangemeinde nach den mäßigen Dressurergebnissen der vorangegangenen Tage (siehe unten). Mit 1900 Punkten setzte sich der amtierende Deutsche Meister als 17. von 25 Startern an die Spitze des Feldes, das erreichte weder der Weltmeister Boyd Exell noch Vize-Weltmeister Chester Weber. Von diesen beiden wusste man im Vorfeld, dass sie die heißesten Anwärter auf den Sieg sein würden. Außer ihrer bestechenden Form, in der beide sind, hatten sie überdies den Vorteil am Ende des Starterfeldes zu fahren.

Ein echter Joker beim CHIO Aachen

Ein Platz im letzten Drittel des Starterfeldes hat bei dieser Form der Prüfung den Vorteil, dass die Fahrer die ersten Starter beobachten und sich den besten, frei zu wählenden Weg zurechtlegen können. Jedes fehlerfrei durchfahrene Hindernis bringt Punkte, je nach Schwierigkeitsgrad zwischen zehn und 120 Punkten. Das Highlight ist der Joker, für den es bei fehlerfreier Durchfahrt 200 Punkte gibt, bei Abwurf jedoch 200 Punkte vom Konto abgezogen werden. Der Joker war in diesem Jahr ein Stangenhindernis und stellte sich als das Zünglein an der Waage im Parcours heraus. Zwei fehlerfreie Durchfahrten sicherten Christoph Sandmann den Sieg. „Der Joker war so schwer wie nie, sehr, sehr eng. Man konnte vom Kutschbock aus die Stangen gar nicht richtig sehen, so dass ich fast blind durchgefahren bin. Es war ein bisschen ein Lotterie-Spiel, aber Glück gehört eben auch dazu“, schilderte Sandmann seine Fahrt.

Der an vorletzter Stelle startenden Chester Weber kam Sandmann gefährlich nahe. Mit einer zügigen, jedoch nicht ganz so risikoreichen Fahrt zählten für ihn 1 800 Punkte, er erreichte damit den zweiten Platz. Ganz knapp wurde es noch einmal, als der letzte Bewerber in den Parcours einfuhr, Boyd Exell war auch hier der große Favorit. Fast hätte es auch geklappt, er hatte schon fleißig Punkte gesammelt als er zum zweiten Mal in den Joker einfahren wollte. Leider verpasste er die beinahe punktgenaue Einfahrt um zwei Sekunden, die Durchfahrt zählte nicht mehr für das Endergebnis. So beendete er die Prüfung auf dem sechsten Platz. „Auch ganz schön, wenn wir mal nicht die australische, sondern die deutsche Hymne hören“, freute sich Christoph Sandmann.

An dritter Stelle rangierte der Tscheche Jiri Nesvacil, der das Feld mit 1 790 Punkten lange angeführt hatte. 1 760 Punkte, Platz vier für Georg von Stein, dem auch zwei fehlerfreie Durchfahrten des Stangenhindernisses geglückt waren. Pech, dass an einem anderen Hindernis ein Ball fiel, sonst wäre es ein deutscher Doppelsieg geworden.

Mäßiger  Nationenpreisauftakt für deutsche Fahrer

Mit 95,09 Punkten führten wenig überraschend die Niederländer das Ranking an nach der Dressur, gefolgt von den Franzosen, 103,95 Punkte. Schon im Vorfeld stark eingeschätzt: die Belgier – sie rangieren auf Platz drei mit 108,43 Punkten, dahinter Schweden, 109,78 Punkte. Dann erst folgt das deutsche Team mit 111,32 Punkten vor den Ungarn und den Schweizern, beide Teams treten allerdings nur mit zwei Fahrern an.

Zwei Dressurprüfungen haben die Fahrer bereits absolviert. Am Mittwoch ging es nur um die Einzelleistung, am Donnerstag fand die erste Wertungsprüfung für den Nationenpreis sowie die Einzelwertung in der Kombinierten Prüfung statt. In beiden Prüfungen waren die Ergebnisse der deutschen Teamfahrer ernüchternd. Die beste deutsche Leistung lieferte Mareike Harm, die ist allerdings nicht im Team, sondern in Aachen als Einzelfahrerin am Start. Sie fuhr am Mittwoch auf den sechsten, am Donnerstag auf den siebten Platz und konnte sich im hochkarätig besetzten Starterfeld bestens behaupten. Damit war sie deutlich besser als der amtierende deutsche Meister Christoph Sandmann, der mit einem 14. und einem neunten Platz alles andere als zufrieden war. Seine Vorstellungen litten unter den nicht immer taktreinen Schrittphasen, die mit seinen temperamentvollen Gelderländer Pferden stets eine Herausforderung für ihn als Fahrer sind. Das klappte zwar in der für den Nationenpreis zählenden Prüfung (53,92 Punkte) besser als am Vortag (54,78 Punkte),   die Benotung spiegelte die bessere Leistung allerdings nicht wider. Nicht viel besser ging es dem zweiten deutschen Teamfahrer, Georg von Stein. Am Mittwoch reichte es noch zu Platz zehn, am Donnerstag machte seinen Pferden der nach ergiebigen Regenfällen schwere Boden besonders zu schaffen. Zwar gab sich Desperado, sein junges, noch recht unerfahrenes Vorderpferd alle Mühe, kam jedoch mit den nicht nur ungewohnten, sondern auch ungleichen Bodenverhältnissen nicht wirklich gut zurecht. Das musste bei der Benotung berücksichtigt werden, der 13. Platz war alles andere als zufriedenstellend. Noch schlimmer erwischte es Michael Brauchle, er schloss die erste Prüfung auf dem 24., dem vorletzten Platz ab. Mit viel Ehrgeiz angegangen haperte es während der gesamten Vorstellung an der Durchlässigkeit der Pferde, was sich dann besonders beim Rückwärtsrichten offenbarte, als seine Stangenpferde den Gehorsam verweigerten und statt brav rückwärts zu treten eine Levade vollführten. Die zweite Prüfung gelang besser, Platz 17 ist jedoch alles andere als ein Traumergebnis. Es wird richtig schwer für den amtierenden Europameister noch auf einen der vorderen Plätze zu fahren, auch wenn der Marathon seine Stärke ist und ihm die Geländestrecke in Aachen besonders liegt. Er versuchte erst gar nicht, seinen Frust zu verbergen, zumal er sich gerade für Aachen besonders vorbereitet und viel vorgenommen hatte.

Sieg trotz Handicap

In beiden Prüfungen stand, wen wundert’s, der Weltmeister Boyd Exell vorn. Das hätte am Mittwoch auch schief gehen können, als Carlos, sein rechtes Vorderpferd, im letzten Drittel der Aufgabe vorn rechts kurz wegknickte und ein paar Tritte brauchte, um wieder rechten Tritt zu finden. Der Australier blieb cool, nahm sein Gespann nur ganz kurz zurück und fuhr dann weiter wie gewohnt. Und tatsächlich: Nach erst starken, dann immer weniger werdenden Taktfehlern lief Carlos sich auf den nächsten Metern ein, bis die Lahmheit rasch weniger wurde und dann fast gänzlich verschwunden war. Dennoch gab es dafür natürlich bei den Richtern für jede Lektion mit Taktfehlern Abzüge, der Sieg war dennoch sichergestellt. Das bedeutete im Umkehrschluss, dass Exell statt der erreichten 36,99 Punkte eine exorbitant gute Benotung erreicht hätte, bestätigte der deutsche Richter Klaus Christ auf Nachfrage. Für die zweite Prüfung hatte Exell allerdings Carlos nicht wieder angespannt, Daphne vertrat ihn würdig. 37,99 Punkte bedeuteten auch hier den Sieg.

Den hätte ihm am Donnerstag beinahe Chester Weber streitig gemacht, der einzige Fahrer, der auf dem Dressurviereck mit Exell mithalten kann. Der US-Amerikaner rangierte zwar am Mittwoch mit 4,29 Punkten Abstand noch deutlich hinter dem Weltmeister, kam aber am Donnerstag schon recht dicht an ihn heran. 38,87 seine Punktzahl trotz zweimaligem Angaloppieren eines Pferdes, ohne diesen Fauxpas hätte es wohl gereicht. Zwei der fünf Richter hatten ihn auch vorn gesehen.

Exell und Weber liefern in der Regel die besten Dressurergebnisse, dann folgen die Niederländer. Soweit bot auch Aachen keine Überraschung. Ijsbrand Chardon, der am Mittwoch während eines Wolkenbruchs eine beeindruckende Leistung auf dem Viereck ablieferte und mit dem dritten Platz abschloss, unterstrich seine gute Form am Donnerstag mit einem vierten Platz. Damit hatte er nur getauscht mit seinem Landsmann Koos den Ronde, der am Mittwoch Vierter und am Donnerstag Dritter wurde. Der dritte im Bunde der starken Fahrer aus den Niederlanden, Theo Timmermann, blieb am Mittwoch noch unter seiner Normalform und landete „nur“ auf Platz acht. Am Donnerstag bestätigte er seine erwartete Form mit 49,20 Punkten und fuhr knapp hinter Chardon (48,96 Punkte) auf den fünften Rang.

In der belgischen Equipe ist es vor allem Edouard Simonet, der für Furore sorgt. Seine 47,74 Punkte am Mittwoch bescherten ihm einen beachtenswerten fünften Platz, am Donnerstag lief es nicht ganz so gut. 50,97 Punkte auf dem achten Platz sind dennoch eine gute Ausgangsposition für die beiden folgenden Teilprüfungen.

Bleibt nachzutragen dass auch Rainer Duen, der zweite deutsche Einzelfahrer, mit einem 16. und einem 21. Platz für wenig Furore auf dem Dressurviereck sorgte.

Christine Meyer zu Hartum

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