DISTANZ – deutsches Team geplatzt, ein Pferd tot, Zeitlimit verändert

Neben Matsch sind auch felsige Abschnitte zu überwinden

(© www.st-georg.de)

Nach nicht einmal der Hälfte der
Prüfung lichten sich bei der Weltmeisterschaft der Distanzreiter die Reihen.
Viel zu schwer sind die Bedingungen im matschigen Gelände an der Bucht von Mont
St. Michel. Das deutsche Team ist geplatzt, der Grund für den bestätigten Tod
eines Pferdes wurde nun veröffentlicht.

Erst der Regen, der den Boden in der Küstenregion rund um das Dörfchen Sartilly in den letzten Tagen extrem aufgeweicht hat, und jetzt die Sonne. Die kam gegen halb elf hinter den Wolken hervor. Mit dem Sonnenschein wurde es drückendend schwül. Schon die Menschen haben damit zu tun. Und die Distanzpferde, die 160 Kilometer an diesem vierten Wettkampftag der Weltreiterspiele zu absolvieren haben, erst recht.
Abgekämpft sehen viele aus, als sie zum zweiten Mal am Vetgate in Sartilly Station machen. Da haben sie noch nicht einmal die Hälfte des Tagespensums hinter sich. Die Strecke geht über hügeliges Terrain, teilweise über Felsen, dann wieder durch Salzwasserwiesen am Atlantikufer (siehe Galerie unten). Da steht das Wasser knöchelhoch, kleine Bäche müssen durchritten werden. Das geht an die Substanz.
Die deutsche Mannschaft steht vor einem Desaster. Nach zwei Schleifen sind bereits vier von fünf Starterinnen nicht mehr im Wettkampf. Equipechefin Annette Nothaft hat eine Erklärung parat und nimmt kein Blatt vor den Mund: Der Boden ist viel zu tief, die Pferde müssen zum Teil durch 40 bis 50 Zentimeter tiefen Schlamm gehen, das kostet sie viel zu viel Kraft. Jedes zweite Pferd verliert hier mindestens ein Eisen. In der Tat! Die Vetgates sehen ein bisschen aus wie früher die innerdeutschen Grenzübergänge. Ein Dach, dahinter parallele Spuren, auf denen die Pferde nach der Untersuchung des Puls‘ vorgetrabt werden. Wer weiter machen darf, bewegt sich von diesen Spuren zu seinem Aufenthaltsbereich. Unter einem großen Zeltdach, bestimmt 60 Meter lang, hat jede Mannschaft ihren Platz. Dort werden die Beine der Pferde gekühlt, die Schmiede sind im Dauereinsatz, die Reiter werden massiert. So wie einige auf ihren Pferden sitzen, müssen sie Schmerzen haben. Wobei es auch viele gute Bilder gibt. Pferde, die energisch traben, am langen Zügel, mit wenig Kontakt aber geritten von durchtrainierten Menschen, die leichttraben oder im vorbildlichen leichten Sitz unterwegs sind. Bei anderen fürchtet man, dass sie auf den nächsten zehn Metern herunterfallen müssen. Das sind nicht die, die hinten reiten, sondern eher ein Großteil der Spitze. Annette Nothaft findet, dass diese WM untragbar ist: Unabhängig von unserer persönlichen Enttäuschung, ist diese Strecke eine Zumutung für die Pferde. Dass die Veranstalter Zeit heruntergesetzt haben, unterstreicht dies.
Für die letzten drei Schleifen (32,9, 33,2 und 20,5 Kilometer lang) wurde die geforderte Durchschnittsgeschwindigkeit herabgesetzt. Sie beträgt jetzt 14 und nicht mehr 15 Kilometer pro Stunde. Die Reiter können also langsamer reiten, ohne dass die Disqualifikation droht.
Für die deutschen Teilnehmer spielt das allerdings kaum noch eine Rolle. Jenny Stremmlers Pferd Radja d’Aurabelle hatte sich schon früh auf der Strecke vertreten. Die Pulswerte von Belinda Hitzlers Nabab la Majorie kamen nicht in der vorgeschriebenen Zeit weit genug hinunter das Aus nach 38,1 Kilometern. Sabrina Arnolds Pferd Saltan hatte derartige Kreislaufprobleme, dass die Schwäbin, die in Südfrankreich wohnt, sich bereits vor dem ersten Vetgate entschieden hatte, das Pferd nicht mehr vorzustellen. Und auch Gabriela Förster wollte ihrem Wallach Priceless Gold die Strapaze nicht weiter zumuten: Ich wusste natürlich, dass der Parcours schwierig ist, aber schwierige Kurse kommen uns eigentlich entgegen, weil wir damit reiterlich umgehen können. Anspruchsvolle Parcours sind für mich viel besser als lange glatte Sandpisten. Diese Strecke aber ist wirklich gefährlich. Förster, die älteste Teilnehmerin im deutschen Team, hatte nach der zweiten Runde ebenfalls zur Schonung des Pferdes aufgegeben.
Am griffigsten brachte es die Dr. Juliette Malison auf den Punkt. Die Grande Dame des Distanzsports, selbst internationale Richterin und Veranstalterin musste nicht lange überlegen: Wenn ich eine solche Strecke anbieten würde, dann würde man mich köpfen.
Die Untersuchung des früh am Morgen zu Tode gekommenen Pferdes Dorado der Reiterin Claudia Romero Chacon aus Cota Rica hat nach Angaben des Weltreiterverbandes (FEI) ergeben, dass das Pferd unmittelbar seinen Kopfverletzungen erlegen ist. Auf einer bewaldeten Strecke sei das Pferd frontal mit einem Ast kollidiert. Es sei nicht, wie es zunächst geheißen hatte, ausgerutscht. Die Reiterin ist im Krankenhaus, angeblich ist ihr Zustand stabil, sie soll Knochenbrüche erlitten haben.

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