Leipzig: Boyd Exell mit umstrittenen Sieg in der Weltcup-Einlaufprüfung, Zoff im Fahrerlager

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Boyd Exell ist diese Weltcup-Saison noch ungeschlagen. (© Frieler)

Es ist keine Überraschung, dass Boyd Exell den Kollegen auch in Leipzig in der Einlaufprüfung zur Weltcup-Etappe davonfuhr. Allerdings gab es diesmal einige „Diskussionen“ über seinen Erfolg.

Der Sieger der Einlaufprüfung zur FEI Weltcup-Prüfung der Vierspänner hieß (mal wieder) Boyd Exell. Ohne einen Abwurf, in 281,72 Sekunden beendete der Multi-Champion aus Australien Umlauf und Stechen, das war Bestergebnis. Dieses Ergebnis wurde heftig diskutiert, weil sich der siebenmaligen Weltcup-Gewinner im Stechen vermeintlich einen unangemessenen Vorteil verschafft hatte.

Zu später Stunde wurde es in der Leipziger Messehalle noch einmal richtig laut, als kurz vor Mitternacht die Vierspänner in die Halle einfuhren. Das Leipziger Publikum liebt die Fahrwettbewerbe. Die Ränge waren noch bestens gefüllt, die Stimmung großartig, als acht der besten Fahrer der Welt um den Einzug ins Stechen wetteiferten. Das gelang außer Boyd Exell dem amtierenden Europameister Bram Chardon aus den Niederlanden und dem Schweizer Jérôme Voutaz, dem einzigen echten Amateur unter den Bewerbern um Weltcup-Punkte.

Eine ganze Reihe Versäumnisse

Wegen eines technischen Defekts musste die Prüfung kurzfristig unterbrochen werden, Mikrophon und Glocke funktionierten nicht. Das Publikum nahm es mit Humor, verkürzte die Wartezeit mit rhythmischem Klatschen und einer spontanen La-Ola-Welle. Für das Stechen wurde wie immer der Kurs geringfügig verkürzt, der Hallenboden präpariert.

In der Aufregung um den Stromausfall hatten weder die Richter noch der Parcourschef bemerkt, dass der Hindernisdienst versäumt hatte, nach der Bodenbearbeitung Hindernis eins wieder aufzubauen. Dan Heriksson aus Schweden, zum ersten Mal in Leipzig verantwortlich für die Parcours bei den Fahrern, hatte versäumt, den Parcours für das Stechen freizugeben. Und schließlich versäumte die Richtergruppe, den Kurs, wie es die Regel vorschreibt, abzunehmen.

Improvisation mit Folgen

Jérôme Voutaz war bereits unterwegs, als die unglückliche Kette von Versäumnissen zutage trat, für eine Korrektur war es zu spät. Die tapferen Freiberger, die der Schweizer sowohl in der Hallen- wie in der Außensaison fährt, waren im Stechen nicht mehr so souverän wie im Umlauf, Voutaz kassierte zwei Abwürfe, somit acht Strafsekunden, und landete im Gesamtklassement auf Platz drei (299,92 Sekunden).

Als zweiter Starter im Stechen fuhr Bram Chardon mit dem zweitbesten Ergebnis aus dem Umlauf ein. Parcourschef Dan Henriksson klärte ihn auf über das fehlende Hindernis, bat ihn gleichzeitig die Linie so zu fahren als ob das Hindernis vorhanden sei. Der Niederländer folgte dem, begeisterte das Publikum mit einer rasanten Runde, in der ihm allerdings ein Abwurf unterlief. 285,18 Sekunden für beide Runden, bis dahin die Führung.

Als Schnellster aus dem Umlauf war Boyd Exell der letzte Starter. Auch er wurde vom Parcourschef über das fehlende Hindernis informiert, wie der Australier später sagte, habe er die Information über die zu fahrende Linie so aber nicht verstanden. Er entschied sich für einen anderen Weg, auf dem er eine ganz knappe Wendung von der Startlinie zum ersten zu durchfahrenden Hindernis fuhr und so etliche Meter einsparte. Das war jetzt kein klassischer Regelverstoß, aber Anlass für Spekulationen. Nicht nur die Wendung glückte dem im FEI Driving World Cup Ranking Führenden meisterhaft, auch die anderen Hindernisse durchfuhr Exell blitzschnell, wenn auch nicht ganz so souverän wie im Umlauf. Am Ende standen 281,72 Sekunden auf der Anzeigetafel, das war Bestzeit, Platz eins.

Protest der Kollegen

Damit waren seine Fahrerkollegen ganz und gar nicht einverstanden, sie protestierten umgehend, weil Exell eine andere Linie gefahren war als Voutaz und Chardon, die sahen sich deutlich benachteiligt. Dass der von ihm eingeschlagenen Weg dem mehrfachen Weltmeister nicht unbedingt zum Sieg verholfen hatte, zeigt die gestoppte Zeit: Ohne die vier Strafsekunden für den herabgefallenen Ball wäre Bram Chardon der Sieger gewesen. 281,18 Sekunden sind zwar ein knapper, aber doch ausreichender Vorsprung vor den von Boyd Exell benötigten 281,72 Sekunden. Über die Entscheidung der Jury wurde nicht nur unter den Fahrern heftig diskutiert. Der lautstärkste Diskutant war Brams Vater Ijsbrand Chardon, der für temperamentvolle Auseinandersetzungen bekannt ist.

Die Jury versuchte die Wogen zu glätten, indem sie vorschlug, alle drei Fahrer zu Siegern zu erklären, das Preisgeld gleichmäßig auf alle drei zu verteilen. Auf diesen Vorschlag ging Boyd Exell nicht ein, er bestand auf dem alleinigen Sieg und das volle Preisgeld. Wenn es ums Geld geht, hört wohl auch bei den Fahrern die gern zitierte Freundschaft auf.

Das wackere Leipziger Publikum feierte „seine“ Fahrer, als der Samstag schon angebrochen war, die Fahrer selbst mochten nicht so recht mitmachen. Die hitzigen Diskussionen um die Entscheidung sollen noch im Stall weitergegangen sein. Und zwar so heftig, dass der Chefsteward und der Sicherheitsdienst zur Vermittlung eingeschritten sein sollen.

Der mehrfache Welt- und Europameister Ijsbrand Chardon hatte den Einzug ins Stechen wegen eines Abwurfs knapp verpasst, er landete auf dem vierten Platz. Der einzige deutsche Fahrer im Starterfeld, Georg von Stein, fuhr mit einer Wild-Card seine erste Weltcup-Prüfung der laufenden Saison. Zwar gelang ihm eine Runde ohne Abwurf, allein die Zeit reichte nicht für eine bessere Platzierung als den achten Platz.

Christine Meyer zu Hartum

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