Moment mal extra – Erinnerungen an Reiter-Olympia: Athen 2004

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Glühende Laptops, eine eingeschworene Fangemeinde und doch weniger Medaillen für die Deutschen, als zunächst um die Hälse hingen – die Olympischen Spiele in Athen 2004 hatten einen faden Beigeschmack. St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer berichtet.

In Griechenland hatten die Olympischen Spiele in der Antike Jahren ihren Anfang genommen, das Revival 2004 hatte seine Probleme: Die Veranstalter finanziell am Limit, vieles erst kurz vor oder nach der Eröffnungsfeier fertig. Und oben auf dem Hügel erkannte die Akropolis die Stadt nicht wieder vor lauter Baustellen, Umleitungen und Absperrungen.

War man einmal in Markopoulo angekommen, der Reitanlage vor der Stadt, hingeklotzt in dürrem Gelände, waren die Probleme schnell vergessen, dafür gab es andere, reichlich. Zum ersten und wohl letzten Mal standen da zwei komplette nagelneue Stadien, eins für Dressur, eins für Springen. Das hatte sich noch kein Olympiaausrichter gegönnt und der Verdacht lag nahe, dass gut vernetzte Bauunternehmen sich hier saniert hatten.

Mit der Vielseitigkeit fing es an, erstmals mit fünf Reitern, von denen drei gewertet wurden, ohne Rennbahn und Wegestrecken. Das Image sollte aufpoliert werden, nach den Bildern von Sydney, wo ein Pferd gestorben war. Keine „Military“ mehr sondern ein Dreikampf aus Dressur, Gelände und Springen. Alle 14 Mannschaften blieben zusammen. So weit so gut.

Jubel-Freaks und glühende Laptops

Ein Flieger mit 220 Fans, bewaffnet mit Deutschlandfahnen und Spruchbändern („Hinni, schnapp’ dir Gold“) hatte am Geländetag um ein Uhr nachts in Hamburg abgehoben, abends mit alkoholisch durchtränkter Ladung wieder zurück, dazwischen Treffen mit den Helden, Fähnchenschwenken, bis die Arme niedersanken. Die anderen Nationen beneideten unsere Reiter um ihre Jubel-Freaks. Aber nicht mehr lange. Als nach dem Mannschaftsspringen am nächsten Tag das deutsche Team die Goldmedaillen um den Hals und die etwas albernen Lorbeerkränze auf dem Kopf hatte, brütete in einer Hinterstube die Jury, darunter Chefrichter Christoph Hess, schon über einem Protest von Franzosen, US-Reiter und Briten. Bettina hatte mit Ringwood Cuckatoo die Startlinie versehentlich zweimal überquert, die Uhr war aber erst beim zweiten Mal angesprungen, zeigte also die falsche Zeit an, sodass sie keine Chance hatte, ihren Fehler durch schnelleres Reiten zu korrigieren.

Der Unterschied von 14 Zeitstrafpunkten bedeutete statt Gold Platz vier fürs Team, die anderen drei Nationen rückten in die Medaillenränge. Dem Protest wurde erst stattgegeben, dann wurde er vom von den Deutschen angerufenen Schiedsgericht wieder abgewiesen.

Im Pressezentrum glühten die Laptops, alle halbe Stunde schickten wir eine neue Version in unsere Redaktionen, die allmählich den Überblick verloren, es war um Mitternacht, alle Deadlines längst überschritten. Bettina sicherte sich, bereits um die Proteste wissend, mit großer Nervenstärke auch nach dem Einzelspringen die Goldmedaille, „Papi, ich hab’ Gold“ juchzte sie per TV-Kamera ins westfälische Rheine, der Spot ging um die Welt.

Gold gewonnen und zerronnen

Es folgte eine denkwürdige Pressekonferenz. Die Franzosen verweigerten den Deutschen den Gratulations-Handschlag. Am Rande saß David O’Connor, der Olympiasieger von Sydney, als Funktionär dabei und einer der treibenden Kräfte der Protestbewegung. „My heart feels for Bettina“, sagte er zu mir, sah mich treuherzig an und legte die rechte Hand auf die Brust, dort wo bei den meisten Menschen das Herz sitzt. Können diese Augen lügen? Ich fürchte ja! Es folgten quälende Tage, wir alle waren gedrückt und litten mit. Bettina hatte tatsächlich einen Fehler gemacht, aber andere auch, die Jury und das Zeitmesserteam.

Aber nicht nur die Reiter mussten büßen. Christoph Hess war am Boden zerstört, versteckte sich nicht, sondern gab mir noch ein Interview, in dem er nach Erklärungen suchte. Ein Fels in der Brandung der Emotionen und schnellen Urteile war der damalige FN-Präsident Jürgen Thumann, er beruhigte und versuchte zu vermitteln, am Ende ohne Erfolg.

Der internationale Sportgerichtshof CAS trat ad hoc zusammen. Bettina wurde in einem Hotel in Athen verhört wie eine Schwerverbrecherin, in der Lobby saß ihr Ehemann Andrew und schluchzte mit seiner Frau um die Wette. Die „Alliierten“ Frankreich, USA und Großbritannien hatten Anwaltsteams einfliegen lassen, führten sich auf, als müssten sie den Zweiten Weltkrieg nochmal gewinnen.

Am Ende erreichten sie ihr Ziel, den Deutschen und Bettina wurden die Medaillen aberkannt, die anderen rückten nach. Und wir bekamen eine Lehrstunde, wie schnell der Lack der Freundschaft blättert, wenn es um Gold und Geld, Ehre und Ruhm geht. Eigentlich hatten wir die Nase voll von Olympia. Und Bettina bekam den Titel, den sie bis heute trägt: die Olympiasiegerin der Herzen. In quasi allen Talkshows der Republik bekam sie die Chance, ihr Missgeschick zu erklären, die Medaille brachte ihr das auch nicht zurück.

Doping allenthalben

Als wir die nicht überraschenden Erfolge der Dressurreiter – Mannschaftsgold und Einzelsilber für Ulla Salzgeber auf Rusty hinter der Niederländerin Anky van Grunsven auf Salinero – in unseren Artikeln besangen, ahnten wir noch nicht, dass dies die einzigen Medaillen waren, die bei ihren ursprünglichen Gewinnern bleiben würden. Die Springreiter brillierten im Nationenpreis über den Kursen von Olaf Petersen (genannt Obstakulos). Ich sehe sie noch spätabends, bei Flutlicht vorbeigaloppieren, ihre Goldmedaillen um den Hals: Ludger Beerbaum mit Goldfever, der die Patzer von Sydney wieder ausgebügelt hatte, Christian Ahlmann mit Cöster, Otto Becker mit Cento und Marco Kutscher auf Montender. Sie feierten bis zum frühen Morgen, gönnten sich bei Sonnenaufgang noch ein Bad im Meer, die Welt war quasi in Gold getaucht.

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Hier ahnte noch niemand, dass der Traum von Gold ein paar Wochen später geplatzt sein würde. (© www.toffi-images.de)

Wegen einer verbotenen Salbe bei Goldfever wurde aus Mannschaftsgold Bronze. Da auch der irische Einzelsieger Ian O’Connor disqualifiziert wurde, weil er seinem Pferd Waterford Crystal ein Psychopharmakon verabreicht hatte, rückte Marco Kutscher auf den Einzel-Bronzeplatz, ein schwacher Trost. Und auch bei Bettinas Pferd Ringwood Cockatoo wurde die im Wettkampf verbotene Kühlsalbe Benadryl gefunden, aber darauf kam es jetzt auch nicht mehr an. Athen, das war unterm Strich Olympia zum Vergessen.

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