Moment mal extra – Erinnerungen an Reiter-Olympia: Barcelona 1992

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Hitze, ein gerissenes Hackamore und wichtige Personen aus der Reitsportszene in voller Bekleidung im Pool – das und mehr hatte Reiter-Olympia 1992 in Barcelona zu bieten.

Es waren nach 20 Jahren die ersten Olympischen Spiele in Europa, seit München 1972, sieht man von den Moskauer Boykott-Spielen 1980 ab. Die Stadt strahlte in südländischem Charme, jeden Abend erklangen am Berg Monjuic gleich neben dem Hauptpressezentren klassische Arien zu plätschernden Wasserspielen. Europäische Kultur prägte auch die Eröffnungsfeier. Weil schon am nächsten Morgen die Vielseitigkeit begann, ging ich nur zur der Generalprobe am Tag zuvor. Die aus Barcelona stammende Diva Monserrat Caballé sang und statt der Athleten marschierten Komparsen ein, viele Büroangestellte mit Aktentasche im Business-Outfit, die offenbar gleich nach Dienstschluss ins Stadion geeilt waren. Auch die Sessel für König Juan Carlos und Königin Sofia hatte man mit Stellvertretern bestückt. Bei den häufigen Kameraschwenks auf die beiden sah man dann den „König“ höchst gelangweilt in der Nase bohren und die „Königin“ schlief fast ein. In der richtigen Eröffnungsfeier saß die gesamte Königsfamilie auf der Tribüne und sah gerührt zu, wie der Kronprinz Felipe, der heutige König, mit der spanischen Fahne vor der Mannschaft her marschierte. Er nahm an den Segelwettkämpfen teil.

Wir wohnten in neu gebauten Apartmenthäusern. Mein Zimmer – zu einem Fünfsterne-Preis – hatte die Größe eines Schlafwagenabteils. Man konnte entweder am Schreibtisch sitzen oder das Fenster aufmachen oder den Kleiderschrank öffnen. Aber wer macht schon alles zugleich? Die Technik war wiederum vier Jahre weiter. In Los Angeles hatte ich noch Nächte durch auf einer Handschreibmaschine getippt, die Texte an einen netten Bild-Mitarbeiter weitergegeben, der sie in ein Telex einspeiste und mich angesichts der Bild-unüblichen Länge entgeistert fragte: „Wollen Sie eigentlich ein Buch schreiben?“

In Seoul konnte man immerhin schon faxen und jetzt in Barcelona zum ersten Mal Texte digital verschicken. Wenn es dann klappte, längst nicht immer. Wir mussten auch keine Päckchen mit Dias mehr zum Flughafen bringen und sie dem Piloten in die Hand drücken, der sie dann in Hamburg unserer Redaktionsassistentin Christa Voss übergab. Das lief jetzt über W-Lan.

Dank Teufelsritt aufs Treppchen

Schon vor Barcelona wurde von unerträglicher Hitze geredet, deswegen war der Cross einige Kilometer nördlich in höhere Lagen verlegt worden. Wolfgang Feld hatte den Kurs gebaut und nicht aufs Geld (des Orga-Komitees) geguckt. Er ließ im wahrsten Sinne des Wortes Berge versetzen, den Hügel dort ein bisschen nach rechts rücken, hier eine kleine Brücke, dort ein solides Steinhäuschen hinstellen. Sehr schön und sehr teuer, da wurde am Ende doch gemurrt. Die Deutschen gewannen Mannschaftsbronze, vor allem dank des Teufelsritts von Herbert Blöcker und Feine Dame. Es war alles sehr knapp und als Horst Karsten zu seinem langjährigen Kumpel sagte: „Herbert, eine sichere Nullrunde nützt uns jetzt nichts mehr“, da flog der altgediente Buschkämpe mit seiner Fuchsstute ab zum Ritt seines Lebens, rettete Teambronze – außer Blöcker waren das Matthias Baumann auf Alabaster, Cord Mysegaes auf Ricardo, und Ralf Ehrenbrink auf Kildare – und für sich die Silbermedaille. Nur die deutsche Mannschaft brachte alle vier Reiter nach Hause.

Matt Ryan auf Kibah Tic Toc und sein Aussie-Team wurden souveräne Olympiasieger, die Pechvögel waren diesmal die Neuseeländer: Spinning Rhombus von Andrew Nicholson durfte 42 Fehler machen, am Ende standen 45 (neun Abwürfe) für ihn zu Buche, aus Gold wurde Silber.

Polizeigriff am Pool

Die Buschis waren wie auch schon bei anderen Spielen die einzigen, die im olympischen Dorf wohnten. Spring- und Dressurreiter präferierten komfortablere Domizile. Während die Springreiter im Hotel logierten, hatte Liselott Schindling-Rheinberger, Olympiasiegerin 1972 und seitdem großzügige Mäzenin, für die Dressurreiter und ihre kopfstarke Entourage zum Schnäppchenpreis von 200.000 Mark, also rund 100.000 Euro, eine alte Villa mit idyllischem Park 30 Kilometer außerhalb von Barcelona gemietet. Klang toll, entpuppte sich aber als eine Art Kafka`sches Szenerio: Da waren auf einmal Leute zusammengesperrt, die sich noch nie leiden konnten und sich zwei Autos teilen mussten. Sonst kamen sie ja nicht weg. Dr. Uwe Schulten-Baumer, Trainer von Isabell Werth und Besitzer von Gigolo, drohte fast täglich mit Abreise, George Theodorescu, Vater und Trainer der heutigen Bundestrainerin Monica Theodorescu, verweigerte die Mahlzeiten, die der Warendorfer Bundeswehrkoch vorsetzte. Er esse Gulasch mit Nudeln höchstens in Ungarn. „Aber in Ungarn war ich noch nie.“

Der fulminante Erfolg der deutschen Dressurreiter, Mannschaftsgold, zweites Einzelgold für Nicole Uphoff und Rembrandt, Silber für Isabell Werth und Gigolo, Bronze für Klaus Balkenhol und Goldstern, Vierte (und damit nicht mehr im Special dabei) Monica Theodorescu auf Grunox, wurde im Garten besagter Villa bei Grillfleisch und Bier gefeiert. Auch wir Presseleute waren geladen. Zu gar nicht so später Stunde fingen der „Sheriff“, Klaus Balkenhol, und seine Kolleginnen an, die Gäste in voller Montur in den Pool zu werfen, ranghöchste zuerst, also die Richter, den FN-Präsidenten und so weiter. Wir konnten fliehen, gerade noch rechtzeitig, bevor auch uns der Polizeigriff erwischte.

Beerbaums Olympiasieg

Dramen bescherten uns die Springreiter. Es sah nicht gut aus im Poloclub von Barcelona fürs Team beim olympischen Nationenpreis. Bei Reiter-Olympia in Seoul 1988 noch die Goldjungs, ging diesmal alles schief. Die Stangen fielen reihenweise. Man konnte von untermotorisiert sprechen. Weder der klobige Lucky Luke von Otto Becker noch Prestige von Franke Sloothaak, beide aus dem Stall Schockemöhle, gehörten nach Olympia. Ab es gab nichts Besseres: Sloothaaks Seoul-Pferd Walzerkönig war lahm, Otto Beckers Top-Pferd Pamina war verkauft, schlug sich tapfer unter dem Italiener Valerio Sozzi. Sören von Rönne und Taggi erfüllten die Erwartungen. Nur Ludger Beerbaum und der Holsteiner Stute Classic Touch gelang im ersten Umlauf eine Nullrunde. Doch dann, im zweiten Umlauf nach Sprung drei, riss das Nasenseil des Hackamore, der Reiter hatte auf einmal nicht nur den Zügel, sondern das ganzen Zaumzeug in der Hand. In Panik raste die Stute los, Beerbaum fand gerade noch den Absprung, bevor sie volle Fahrt aufgenommen hatte. Kaum merkte Classic Touch, dass ihr der Reiter abhanden gekommen war, blieb sie stehen. Mit gesenktem Kopf, die rechte Hand auf dem Hals seines Pferdes, das brav neben ihm trottete, verließ Beerbaum den Parcours.

Kein Mensch hätte einen Euro drauf gewettet, dass ausgerechnet dieses Paar nach der Einzelentscheidung zwei Tage später als Olympiasieger auf die Ehrenrunde gehen würde. Es war übrigens das letzte Mal, dass Beerbaum im Sattel von Classic Touch saß, er musste sie anschließend an den Besitzer zurückgeben. Er beklagte sich nicht, es war so abgemacht. Aber die große Zeit von Classic Touch war vorbei.