Moment mal extra – Erinnerungen an Reiter-Olympia: Rio 2016

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Zwischen Slums und Schüssen fanden die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro, Brasilien statt. Gabriele Pochhammer erlebte bei Reiter-Olympia Caipirinha-reiche Abende und den ersten Einzel-Olympiasieger Großbritanniens im Springreiten überhaupt.

Die Spiele in Rio de Janeiro standen von Anfang an unter einem schlechten Stern. Zu wenig Geld, politisches Chaos und Armenviertel, die Favelas, in denen große Teile der Bevölkerung unter beschämenden Umständen hausten – das schlug auf die Stimmung. Man hatte das Gefühl, man war bei jemandem zu Besuch, der sich das eigentlich gar nicht leisten konnte. Die Warnungen vor Diebstählen und Überfällen war nicht übertrieben, einer Fotografin wurde die Ausrüstung aus dem Medienbus geklaut, andere Kollegen auf offener Straße überfallen. Und an einem sonnigen Nachmittag flog im Reitstadion ein Geschoss durchs Dach unseres Pressezeltes. Es landete direkt neben einem britischen Fotografen, ein französischer Kollege hob es auf, fotografierte es, stellte das Bild ins Netz und informierte erst dann die Leitung der Pressestelle. Die Richtung, aus der das Geschoss gekommen war, konnte natürlich niemand mehr feststellen, aber es stammte eindeutig aus einem Maschinengewehr.

Niemand wurde verletzt, aber ungefährlich war es auch nicht. Ich saß auf der Tribüne, im wahrsten Sinne des Wortes weit vom Schuss. Es herrschte eine Riesenaufregung bei den Organisatoren, zumal ein paar Tage später ein weiteres Geschoss in einem Futterlager auf dem Stallgelände gefunden wurde. In einer Pressekonferenz versicherte uns ein zackiger General, unsere Sicherheit habe für ihn oberste Priorität. Alles lachte und das war er gar nicht gewohnt. Die offizielle Erklärung waren durchgeknallte Drogenbarone aus den Favelas, die auf Überwachungsdrohnen schießen wollten. Ich glaube, einer der Rekruten auf dem nahen Truppenübungsplatz hat sein Gewehr in die falsche Richtung gehalten. Wer die Schüsse abgefeuert hatte, wurde am Ende nie geklärt.

Wir, die Pferdesportszene, also nicht nur Journalisten, sondern auch Richter und andere FEI-Funktionäre, wohnten in einem Neubauviertel im Vorort Deodoro in einfachen Apartments. Zwar funktionierte das warme Wasser nur manchmal, dafür war die Busfahrt zum Reitstadion auf dem Gelände einer Militärschule kurz. Direkt unter meinem Fenster exerzierte mehrmals am Tag lautstark ein Infanterieregiment. Wenigstens hier waren wir sicher. Abends konnte man in der Bar, die eher wie ein Garage aussah, bei vielen Caipirinhas den Tag im Kollegenkreis noch mal besprechen. Wenn die deutschen Reiter Medaillen zu feiern hatte, was ja in allen drei Disziplinen der Fall war, nahmen wir uns ein Taxi, das uns durch endlose Staus zum Deutschen Haus unten am Strand kutschierte. Da knallten dann die Korken, es gab wunderbares Essen und die Gelegenheit, nochmal mit den Reitern zu reden, die sich endlich locker machen konnten. Daran werden wir uns noch wehmütig erinnern, denn ich glaube nicht, dass wir in Tokio 2021, wenn überhaupt, so ungezwungen zusammen kommen können.

Traumpaar Jung & Sam

Für die Reiter war die Fahrt zum Stadion mühsamer, sie mussten vom Olympischen Dorf täglich durch die verstopfte Stadt zum Turnierplatz. Dort war dann alles perfekt im Vergleich zu anderen Sportarten. In der Vielseitigkeit schrieb sich Michi Jung auf dem taufrischen 16-jährigen Sam mit seiner dritten olympischen Goldmedaille (davon zweimal Einzel) in die Geschichtsbücher, fürs Team blieb diesmal Silber hinter den Franzosen. Vorher hatte es mächtig gehakt bei den Buschis. Andreas Ostholt wusste seit seiner Ankunft in Rio, dass nicht er, sondern Ersatzreiterin Julia Krajewski starten würde. Sein Pferd So is et sei nicht fit genug, hieß es. Er fühlt sich ausgetrickst, wusste schon seit Tagen, dass sie ihn nicht nehmen, durfte aber nichts sagen. „Das ist schon hart, wenn man all seine Freunde anlügen muss“, sagte er. Probleme hatte es bereits im Trainingslager gegeben.

So is et hatte kurz vor dem Training in Rodderberg ein Vordereisen verloren, tickte wohl ein paar Tage lang, konnte aber trainiert werden. So die offizielle Lesart. Dann war sein Einsatz den Trainern doch zu unsicher. Man fragte sich nur, warum das Pferd erst um den halben Globus gekarrt werden musste, um zu diesem Schluss zu kommen. Da Julias Krajewskis Samurai du Thot im Gelände schon früh die Segel strich, Ingrid Klimke und Sandra Auffahrt beide einen Vorbeiläufer kassierten, musste sich die Deutschen diesmal im Springen an den Haaren aus dem Sumpf ziehen, was mit drei Nullrunden hervorragend gelang.

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Die Dressurreiter lieferten wie erwartet, jetzt wieder Gold für Isabell Werth auf Weihegold, Dorothee Schneider auf Showtime, Kristina Bröring-Sprehe auf Desperados und Sönke Rothenberger auf Cosmo. Im Grand Prix Special kam die Stunde von Isabell Werth und Weihegold, denn Valegro patzte ein paarmal und „Weihe“ ließ sich nichts, aber auch gar nichts zuschulden kommen. In der Einzelwertung, der Kür, waren Valegro und Charlotte Dujardin allerdings nicht zu schlagen. Gegen diese Siebenmeilenstiefel konnte die brave Weihegold nicht antraben. Es war die Abschiedsvorstellung des genialen KWPN-Wallachs vom großen Sport. Valegro wird in Erinnerung bleiben als das Pferd, das ausgebildet unter den Fittichen von Carl Hester, in der Nach-Totilas-Ära gezeigt hat, dass die klassische Ausbildung ohne Rollkur-Schnickschnack am Ende die Oberhand behält. Isabell sagte, er werde ihr fehlen als starker Gegner, und einer wie ihr glaubt man das sofort. Kristina Bröring-Sprehe auf Desperados gewann Bronze hinter Isabell Werth, auch dies am Ende die Abschiedsvorstellung eines großartigen Hengstes, der uns durch seine Eleganz und Leichtigkeit bezaubert hat.

Großbritanniens erstes Einzel-Gold

Freude machten diesmal die Springreiter. Endlich wieder eine Medaille: Mannschaftsbronze hinter Frankreich und USA für Christian Ahlmann auf Taloubet Z, Daniel Deußer auf First Class, Meredith Michaels-Beerbaum auf Fibonacci und Ludger Beerbaum, der den entscheidenden Nullfehler-Ritt auf Casello dazu lieferte. Eine Genugtuung für den „Leitwolf“, der den Augenblick des Triumphes nutzte, sich aus der Nationalmannschaft zu verabschieden. Luger Beerbaum hatte, anders als viele Reiterkollegen, im olympischen Dorf gewohnt, ganz bewusst. „Mir war klar, dass es nicht mehr so viele Tage wie diese geben wird“, sagte er nach der Team-Bronzemedaille. Zu lange schon hatte er den heißen Atem der jungen Leute im Nacken gespürt, sowas macht einem wie ihm nicht lange Spaß.

Mit der Einzelentscheidung hatten die Deutschen nichts mehr zu tun, aber alle freuten sich mit Nick Skelton, der im siebten olympischen Anlauf endlich ganz oben auf dem Treppchen stand. Ein bisschen mühsam war’s für den älteren Herrn von 58 Jahren, der einen Genickbruch und etliche andere Blessuren hinter sich hatte. Für die Ehrenrunde wurde vor sein Pferd Big Star ein Höckerchen zum Aufsteigen bereit gestellt. Aber wie heißt es so schön: Besser spät als nie!